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Obwohl Anns Vater (Ernst Stötzner) ermordet wurde, verfolgt er Ann-Kathrin Klaasen (Christiane Paul) immer noch in ihrer Vorstellung.

„Ostfriesensünde“

Lebendig begraben

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Im dritten „Ostfriesen“-Krimi mit Christiane Paul wird die Kommissarin mit ihrem eigenen Abgrund konfrontiert.

In der Regel sind es die männlichen Ermittler, die im deutschen Reihenkrimi aus dem Rahmen fallen; viele zeichnen sich durch eine gewisse soziale Inkompetenz aus. Ann-Kathrin Klaasen (Christiane Paul) ist so etwas wie der weibliche Gegenentwurf: Die Kommissarin ist in Kollegenkreisen berühmt für ihre kriminalistische Kompetenz und berüchtigt für ihre Alleingänge. 

Im dritten Fall, „Ostfriesensünde“, lässt sie sich auf ein gewagtes Experiment ein. Nach dem Zufallsfund einer weiblichen Leiche, die offenbar bei lebendigem Leibe in einem Keller eingemauert worden ist, bittet Klaasen einen Freund, eine vollkommen dichte Mauer um sie herum zu errichten. Ein kleines Loch oberhalb der Augenhöhe sorgt dafür, dass noch Licht und Luft in das Verlies gelangen. Die Kommissarin will wissen, was in einem Menschen vorgeht, wenn er weiß, dass sein Tod beschlossene Sache ist, und wird tatsächlich schon sehr rasch mit den eigenen Abgründen konfrontiert. 

Die Kommissarin hält Zwiesprache mit dem toten Vater

Weil es als Alleinstellungsmerkmal nicht genügt, dass eine Ermittlerin eigenbrötlerisch ist, zeichnet sich die ostfriesische Kommissarin durch zwei weitere Besonderheiten aus: Sie hält regelmäßig Zwiesprache mit ihrem verstorbenen Vater (Ernst Stötzner); und sie hat hin und wieder übersinnliche Wahrnehmungen, die ihr in entscheidenden Momenten verraten, dass ein Verdächtiger lügt. Natürlich taucht ihr Vater auch im Verlies auf und versichert ihr, sie hätte seinen Tod nicht verhindern können. 

Bislang haben die Filme nicht verraten, wie der alte Klaasen ums Leben gekommen ist. „Ostfriesensünde“ löst das Rätsel gleich zu Beginn: Er ist bei einem Überfall erschossen worden. Deshalb schießt seine Tochter mitten in der Fußgängerzone ohne große Vorwarnung auf einen Geiselnehmer. Anstatt sie zu suspendieren, setzt ihr Chef (Kai Maertens) sie auf den Fall mit der lebendig begrabenen Frau an.

Es stellt sich raus, dass es schon mehrerer solcher Ereignisse gegeben hat; das Bundeskriminalamt hat daher eine Sonderkommission mit dem makaberen Namen „Maurer“ eingerichtet. Dank ihres Experiments ahnt Klaasen, dass der Mörder die Frauen bestrafen will, und fast gleichzeitig findet ihr Kollege Rupert (Barnaby Metschurat) auch raus, was die Opfer untereinander verbindet: Sie haben alle abgetrieben. 

Wettlauf mit dem Tod

Als eine junge Frau spurlos verschwindet, wird die Mördersuche zu einem Wettlauf mit dem Tod: Während Klaasen in ihrem frei gewählten Verlies in den Abgrund der eigenen Seele blickt, ist Judith (Frida-Lovisa Hamann) tatsächlich dem Tod geweiht. Diese Parallelerzählung sorgt natürlich für Spannung, aber ansonsten ist die kriminalistische Ebene vergleichsweise überschaubar, denn im Grunde kommen nur zwei Personen als Mörder infrage; und eine der beiden ist viel zu verdächtig, um tatsächlich Täter zu sein. 

Sehenswert ist der Krimi daher vor allem wegen der unkonventionellen Ermittlungsmethoden der Hauptfigur und der zwischenmenschlichen Diskrepanzen innerhalb des Teams. Schuld daran ist vor allem Rupert. Während Weller (Christian Erdmann) einfach nur eine ganz normale Beziehung mit Klaasen führen möchte und vergeblich darauf wartet, dass sie ihren Vater loslässt, wird der ohnehin nur bedingt sympathische Rupert zum Stinkstiefel. 

Szenen aus „Ostfriesensünde“

Ann-Kathrin Klaasen (Christiane Paul) und Frank Weller (Christian Erdmann) sind nicht nur Arbeitskollegen, sondern kommen sich auch privat immer näher. © ZDF/Sandra Hoever
Peter Grendel (Andreas Euler) unterstützt die Ermittler bei einer ungewöhnlichen Bitte. © ZDF/Sandra Hoever
Ubbo Heide (Kai Maertens) bekommt von Marion Wolter (Marie Schöneburg) die Nachricht, dass eine junge Frau in der Umgebung vermisst wird. Rupert (Barnaby Metschurat) konzentriert sich jedoch lieber auf die aktuellen Ermittlungen um eine mumifizierte Leiche. © ZDF/Sandra Hoever
Lennart Gaiser (Constantin von Jascheroff) und Rosa Gaiser (Judith Engel) machen sich Sorgen um Vater und Ehemann Dr. Onno Gaiser und vermuten eine Entführung. © ZDF/Sandra Hoever
Ermittlerin Ann-Kathrin Klaasen (Christiane Paul) wird noch immer von dem dramatischen Tod ihres Vaters verfolgt. © ZDF/Sandra Hoever
Rupert (Barnaby Metschurat) und Frank Weller (Christian Erdmann) untersuchen ein Video, das Hinweise auf eine Entführung liefern könnte. Währenddessen möchte Ann-Kathrin Klaasen (Christiane Paul) erneut mit der betroffenen Familie sprechen. © ZDF/Sandra Hoever
Ann Kathrin Klaasen (Christiane Paul) durchlebt in ihrer Erinnerung immer wieder das Trauma um den Tod ihres Vaters (Ernst Stötzner). © ZDF/Sandra Hoever
Auch Manfred Kohl (Jan Georg Schütte), Mitglied einer freien Kirche und entschiedener Abtreibungsgegner, gerät im Laufe der Ermittlungen ins Visier der Polizei. © ZDF/Sandra Hoever

Er ärgert sich darüber, dass Klaasens Ballerei in der Fußgängerzone keinerlei Konsequenzen hat, und ist ohnehin der Meinung, dass die Kollegin zu Unrecht stets den Ruhm abbekommt; Florian Schumacher, der mit „Ostfriesenkiller“ auch das Drehbuch zum Auftakt der Reihe geschrieben hat, baut den Polizisten dank allerlei Zynismen konsequent zum Buhmann auf. Auf diese Weise kommt es immerhin zu erfrischenden Dialogduellen mit dem Sohn eines später ebenfalls entführten Arztes, weil der junge Mann (Constantin von Jascheroff) dem Polizisten in Sachen Sarkasmus nichts schuldig bleibt.

Regisseur Rick Ostermann hat auch den zweiten Film der Reihe („Ostfriesenblut“) inszeniert. Die Umsetzung ist erneut betont unspektakulär. Ostermann hat vor einigen Jahren mit dem Nachkriegsdrama „Wolfskinder“ (2014) ein beachtliches Kinodebüt gedreht, ist aber offenbar eher ein Regisseur der eher leisen Töne, wie auch sein Fernsehfilmdebüt „Fremder Feind“ (ARD) und sein „Dengler“-Krimi („Fremde Wasser“, ZDF) gezeigt haben. 

Dass „Ostfriesensünde“ trotzdem ein Film von hoher Intensität geworden ist, liegt nicht zuletzt an der Bildgestaltung von Frank Küpper, dem Stammkameramann des verstorbenen Regisseurs Carlo Rola; die beiden haben rund 30 Filme zusammen gemacht, darunter viele große Mehrteiler fürs ZDF. Die Rückblende zu Beginn mit dem Tod von Klaasens Vater, von Küpper wie durch feinen Nebel fotografiert, ist gerade wegen der Bildgestaltung sehr eindrucksvoll, und die Szenen in der Gruft vermitteln auf unangenehme Weise, wie sich die zunehmend verzweifelte Judith fühlen muss.

Zur Sendung

Krimi: „Ostfriesensünde“, TV-Sendetermin: Samstag, 2.2., 20.15 Uhr, ZDF, Netz: ZDF-Mediathek

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