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Oskar Werner: Wien ehrt seinen bis heute größten Schauspieler mit großer Ausstellung

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Von: Marc Hairapetian

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Oskar Werner im Jahr 1965.
Oskar Werner im Jahr 1965. © Filmarchiv Austria

Die Ausstellung „100 Jahre Oskar Werner. Mensch, Kunst, Mythos“ in Wien präsentiert Oskar Werners Original-Kostüme, Auszeichnungen und Fotos.

Wien – „Ich beeile mich hinzuzufügen, dass ich ein großer Bewunderer Ihrer Arbeit bin - und dass „Entscheidung vor Morgengrauen“ der am meisten unterschätzte Film aller Zeiten sein muss. Ich habe ihn fünf Mal gesehen, und die Subtilität, der Geschmack und die Intelligenz Ihrer Darbietung sind bei jeder Sichtung auffälliger.“ Dies schrieb am 10. Oktober 1968 kein Geringerer als Stanley Kubrick, Regisseur von „Wege zum Ruhm“, „Lolita“ und „2001: Odyssey im Weltraum“, an Oskar Werner (13. November 1922 in Wien - 23. Oktober 1984 in Marburg an der Lahn, bis 1946 Oskar Josef Bschließmayer). Der Theatergott, der ein Filmstar wurde, dankte gut eine Woche später ebenfalls handschriftlich für die Zeilen. Er lobte die Schauspielerführung beim Sklavenaufstand-Epos „Spartacus“, das er „inspirierend“ fand. 

„En passant“ offerierte Stanley Kubrick dem ebenfalls perfektionistisch veranlagten „Unbestechlichen“, der über „300 Filmangebote“ - darunter allein 80 aus Hollywood in seiner Glanzzeit 1965 bis 1969 - aus „Verrat am künstlerischen Geschmack“ ablehnte, die Titelrolle in seinem Mammut-Projekt „Napoleon“. Diesmal sagte der wählerische Ausnahmedarsteller mit der unverwechselbaren, stets leicht Wienerisch eingefärbten Sprachmelodik begeistert zu. Nach den Salzburger Festspielen 1969, wo er den „Jedermann“ geben sollte, wäre er „frei“. Das enthüllt ein Briefwechsel, den Felix Florian Werner, der heute 55-jährige Filius von Oskar Werner, im Nachlass seines Vaters fand.

Er ist nicht Bestandteil der Ausstellung „100 Jahre Oskar Werner. Mensch, Kunst, Mythos“, die noch bis zum 29. Januar 2023 im Wiener METRO Kinokulturhaus läuft. Der Grund liegt auf der Hand: Obwohl es sich mit der Verteilung der Exponate auf drei Etagen um die bisher größte Werkschau des ewig jugendlichen, stets wahrheitssuchenden, am Ende durch seine Alkoholsucht allerdings selbstzerstörerischen Künstlers handelt, konnte aus Platzgründen nicht der gesamte Nachlass gezeigt werden.

Originalkostüme von Hamlet und Auszeichnungen wie der Golden Globe

Anstelle der Korrespondenz mit Stanley Kubrick ist die mit Alfred Hitchcock ausgestellt: Oskar Werner wollte ihn nach dem Tod von Max Ophüls, mit dem er 1955 das „CinemaScope-Wunder“ „Lola Montez“ (Titelrolle: Martine Carol drehte), für die Inszenierung seines eigenen „Kaspar Hauser“-Drehbuchs gewinnen. Dieser zeigte durchaus Interesse, das Vorhaben scheiterte aber an der Finanzierung.

Weitere Prunkstücke der Schau sind Originalkostüme (darunter das des „Hamlet“, den er von 1952 bis 1970 auf den „Bretter, die die Welt bedeuten“ in Frankfurt am Main, Wien und Salzburg immer wieder spielte) und die von ihm errungenen Auszeichnungen, darunter die Oscar- und Golden-Globe-Nominierungen als „Bester Hauptdarsteller“ sowie der New York Film Critics Circle Award und der französische Étoile de Cristal, die er 1966 allesamt für seinen zwischen Melancholie, Leidenschaft und Rage lavierenden Bordarzt Dr. Wilhelm Schumann in Stanley Kramers Meisterwerk „Das Narrenschiff“ gewann.

Pubilicity-Shot von Oskar Werner der 20th Century Fox aus dem Jahr 1951. Werner hatte bei dem Filmstudio einen Sieben-Jahres-Vertrag unterzeichnet, zerriss ihn aber nach „Entscheidung vor Morgengrauen“ vor den Augen von Studiochef Darryl F. Zanuck, da er sich nicht mit Pin-Up Girls ablichten lassen wollte.
Pubilicity-Shot von Oskar Werner der 20th Century Fox aus dem Jahr 1951. Werner hatte bei dem Filmstudio einen Sieben-Jahres-Vertrag unterzeichnet, zerriss ihn aber nach „Entscheidung vor Morgengrauen“ vor den Augen von Studiochef Darryl F. Zanuck, da er sich nicht mit Pin-Up Girls ablichten lassen wollte. © 20th Century Fox/Marc Hairapetian/fotografiert in der Ausstellung „100 Jahre Oskar Werner. Mensch, Kunst, Mythos“ in Wien.

Seine in Eigenregie gespielte Herzinfarkt-Szene ging in die Filmgeschichte ein. Auch der gewonnene Golden Globe 1966 als “Bester Nebendarsteller“ für den Anti-Bond-Thriller „Der Spion, der aus der Kälte kam“ ist unter den Exponaten sowie seine letzte Globe-Nominierung 1977 für das bewegende All-Star-Movie “Reise der Verdammten“ über die historisch verbürgte Irrfahrt von 937 Juden auf der St. Louis kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs.

Oskar Werner: Seine Rolle in „Der letzte Akt“ wäre einen Oscar wert gewesen

An sich sollte der überzeugte Pazifist Oskar Werner, der sich in den letzten Kriegsmonaten „fahnenflüchtig“ mit seiner ersten Frau Elisabeth Kallina und der gemeinsamen Tochter Eleonore im Wienerwald versteckte, bereits als „ehrbarer Verräter“ in Anatole Litvaks Spionagedrama „Entscheidung vor Morgengrauen“ (1951), dem bis heute einzigem neorealistischen Film Hollywoods, für den Oscar nominiert werden, doch kurz nach dem Krieg sah die seinerzeit erzkonservative Academy davon ab, deutschsprachige Künstler offiziell zu würdigen.

Auch sein idealistischer Ritterkreuzträger Hauptmann Wüst, der Hitler davon abbringen will, die Berliner U-Bahn-Tunnel zu überschwemmen, in G.W. Pabst beklemmenden Endzeit-Drama „Der letzte Akt“ (Österreich 1955) wäre einen Preis wert gewesen. Marlon Brando, der ein großer Bewunderer Oskar Werners war, ließ sich dessen Sterbeszene mit den auf den sterbenden Lippen gesprochenen Worten „Sag nie wieder ‚Jawohl‘, denn damit hat der ganze Mist angefangen!“ 24 Mal hintereinander vorführen!

Ebenfalls in der Ausstellung befinden sich der Öffentlichkeit bisher unbekannte Home Movies, die Oskar Werner mit der Super-8-Kamera selbst drehte. Darunter eine „Wilhelm Tell“-Parodie, in welcher der „Teixl“ in seinem Liechtensteiner Refugium seinem geliebten Boxer-Rüden Schani - natürlich mit einem filmischen Trick - den Apfel vom Kopf schießt. Oskar Werner führte und filmte auch das letzte Interview überhaupt mit Regie-Legende Fritz Lang, Anfang der 1970er Jahre in Hollywood.

Oskar Werner als Familienvater und als Partner – Ausstellung enthält auch private Fotos

Gespickt ist die Ausstellung mit Fotos, die ihn als liebevollen Familienvater und auf Reisen mit seiner großen Liebe, der Schauspielerin Antje Weisgerber (17. Mai 1922 in Königsberg - 29. September 2004 in Dortmund), u.a. durch Israel zeigen. Auf zwei überdimensionalen Tafeln im dritten Stock werden die Filme aufgezählt, die er ablehnte, darunter Michelangelo Antonionis „Blow Up“ (1966), Anatole Litvaks „Die Nacht der Generale“ (1967) und Luchino Viscontis „Ludwig II.“ (1973), wo er den Komponisten Richard Wagner spielen sollte. Oskar Werner machte sich dabei immer die Mühe, eine Absage zu begründen: „Wenn es ein Genie des Kitsches gibt, ist es Richard Wagner!“ Trotz dreifacher Gagen-Erhöhung wollte er für seinen guten Freund Stanley Kramer in „Das Geheimnis von Santa Vittoria“ keinen „guten Nazi spielen, denn: „Wer gut und intelligent ist, kann kein Nazi sein!“ Hardy Krüger übernahm.

Es sind aber auch die Filme aufgeführt, die er gern gemacht hätte und die dann nicht zustande kamen. So sollte er die Rolle des Christian Diestl, der für „das andere Deutschland“ in „Die jungen Löwen“ (1958) steht, spielen. Er kam aus seinem Theatervertrag nicht heraus und Marlon Brando sprang ein. Nach „Fahrenheit 451“ wurden Oskar Werner weitere Science-Fiction-Filme angeboten. Sogar für einen Western als Revolverheld “Blue“ war er vorgesehen, was man sich bei dem Feingeist schwerlich vorstellen kann, aber durchaus reizvoll klingt.

Eine Rolle in „Barry Lyndon“ lehnte Oskar Werner ab – zum Erstaunen des Regisseurs

1969 scheiterten allein drei Projekte mit Star-Regisseur Sydney Pollack an der Finanzierung und die oben bereits erwähnte mögliche Zusammenarbeit mit Stanley Kubrick: Denn, weder den „Jedermann“ in Salzburg, noch den sich selbst zum Kaiser krönenden französischen Feldherrn auf der großen Leinwand hat „der beste Schauspieler überhaupt“ (Spencer Tracy über Oskar Werner) verkörpert. Der „größte Film, der nie gedreht wurde“ sollte mit der Aufnahme von Napoleons Teddybär beginnen und aufhören: Dazwischen wäre in dem vierstündigen Breitwand-Ballett mit ausgeklügelten Choreographien der Schlachten über den Aufstieg und Fall eines größenwahnsinnigen Genies „Oskar Werner Bonaparte“ von Audrey Hepburn, Vanessa Redgrave, Peter O’Toole, Richard Burton, Alec Guinness und Jean-Paul Belmondo flankiert worden! 

Obwohl das Drama über das „Phänomen der menschlichen Torheit“ (Kubricks Schwager, Ausführender Produzent und jetziger Nachlassverwalter Jan Harlan) schon akribisch vorbereitet worden war, Drehorte in Rumänien gefunden und im Fall eines Abspringens des mitunter unberechenbaren Werners der ihm ähnlich sehende David Hemmings genauso bereit gestanden hätte wie auch die rumänische Armee, drehte MGM nach dem kommerziellen Flop von Sergei Bondartschuks handwerklich ausgezeichnet gemachten „Waterloo“ (1970, mit Rod Steiger als „Napoleon“) Stanley Kubrick den Geldhahn zu. Die Zeit für 70-mm-Filme wäre eben vorbei.

Kubrick wandte sich verärgert von dem Studio ab, das ihm noch beim Science-Fiction-Meilenstein „2001: Odyssee im Weltraum“ freie Hand gelassen hatte, und wurde von Warner Bros. mit offenen Armen empfangen. „Uhrwerk Orange“ (1970/71), seine audiovisuelle Tour de Force über Sex, Beethoven und die Willensfreiheit des Menschen wurde dann sein finanziell erfolgreichster Film überhaupt. Bei dem mit NASA-Linsen, dafür ohne künstliche Beleuchtung gedrehten Historien-Portrait „Barry Lyndon“ (1973 - 1975) wollte er wieder Oskar Werner besetzen, dieser sagte nun zu seinem Erstaunen ab. 

FR-Autor Marc Hairapetian mit Oskar Werners Kindern Felix Florian Werner und Eleonore Werner-Lengyel bei der Ausstellungseröffnung im Metro Kulturhaus Wien.
FR-Autor Marc Hairapetian mit Oskar Werners Kindern Felix Florian Werner und Eleonore Werner-Lengyel bei der Ausstellungseröffnung im Metro Kulturhaus Wien. © Andrea Thaller

Sohn Felix Florian Werner: „Er spürte als Künstler eine große Verantwortung für sein Publikum“

„Mein Vater fand seinen vorherigen Film ‚Uhrwerk Orange’ zwar fabelhaft gemacht, aber er spürte als Künstler eine große Verantwortung für sein Publikum und lehnte die darin gezeigte explizite Gewalt kategorisch ab“, erklärt der bei der Ausstellungseröffnung mit seiner Familie extra aus Kalifornien angereiste Felix Florian Werner, der obwohl er seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten ist, nie vor, sondern hinter der Kamera agierte. Er war Adrian Lynes persönlicher Assistent bei dessen „Lolita“-Remake (1997), begründete Werner Film und war (Ausführender) Produzent von Hollywood-Independent-Streifen wie „Vienna Fare“ (2001) oder „Babygirl“ (2013) sowie Regisseur der Fernsehdokumentation „The art of ART“ (2021). Mit seiner Modern Media Company arbeitet er an neuen (Online)-Formaten und weiteren Ausstellungen zum 100. Geburtstag seines Vaters. 

Oskar Werner, der aus einfachsten Verhältnissen stammte und als Naturtalent nur acht Stunden Schauspielunterricht bei Helmuth Krauss benötigte, um mit 18 Jahren zum jüngsten Burgtheater-Ensemblemitglied der Historie zu avancieren, war ein Pop-Star, als es diesen Begriff noch nicht gab. Bei seinem „Jahrhundert-Hamlet“ an den Städtischen Bühnen in Frankfurt am Main 1952/1953 waren nicht nur die Theaterkritiker voll des Lobes. „Sobald er auftrat, hatten Frauen, die in den ersten Reihen saßen, kollektiv Weinkrämpfe, manche von ihnen waren gar einer Ohnmacht nahe“, erzählte der 2007 verstorbene Klausjürgen Wussow („Der Kurier der Kaiserin“, „Die Schwarzwaldklinik“) einst dem Verfasser dieser Zeilen.

Lebensabschnittsgefährtin Antje Weisgerber über Oskar Werner: „Er bezog das ganze Leid der Welt auf sich“

„Oskar Werner war auch ein ungemein intelligenter Schauspieler, der Shakespeare selbst ins Deutsche übersetzte und das letzte Wort Hamlets bei ‚Der Rest ist Schweigen‘ nicht aussprach“, so Wussow. Lebensabschnittsgefährtin Antje Weisgerber sagte über ihn: „Er war kein Egoist, sondern der größte Egozentriker, den ich kannte. Denn er bezog das ganze Leid der Welt auf sich.“ Sie bezeichnete ihn als „absolut zuverlässig“. Er hätte „wirklich ein goldenes Herz“ gehabt.

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Oskar Werner Credos lautete: „Zwei Luxusartikel habe ich mir immer geleistet: Zeit und Charakter.“  „Der Adel des Geistes“ und „Die Qualität des Gefühls“ waren ihm wichtig. Wahrscheinlich wird der Mann, den die Frauen liebten und der in dem Nouvelle-Vague-Klassiker „Jules und Jim“ (1961) mit Jeanne Moreau und Henri Serie über die Unmöglichkeit einer „reinen Liebe zu dritt“ eine Art duldsame Jesus-Figur gab, fast 38 Jahre nach seinem einsamen Herz-Tod im Hotel „Europäischer Hof“ in Marburg an der Lahn, kurz vor Beginn einer Rezitationstournee durch Deutschland, noch immer international verehrt.

Zu seinen Fans gehören Jack Nicholson, Quentin Tarantino, Christoph Waltz, Iris Berben, Matthias Schweighöfer oder Lars Eidinger, aber auch die ganz junge Generation, die ihn nie auf der Bühne erleben durfte, aber seine Filme und Lesungen von Goethe und Schiller über Heine und Hamsun bis zu Saint-Exupéry und Trakl geradezu inhaliert. „Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze“: Im Fall von Oskar Werner Superstar macht sie eine Ausnahme. (Marc Hairapetian)

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