1. Startseite
  2. Kultur
  3. TV & Kino

Oscar-Verleihung: There’s a place for us

Erstellt:

Von: Daniel Kothenschulte

Kommentare

Das Team von „Coda“: (L-R) Eugenio Derbez, Sian Heder, Marlee Matlin, Troy Kotsur, Emilia Jones, Daniel Durant and Amy Forsyth.
Das Team von „Coda“: (L-R) Eugenio Derbez, Sian Heder, Marlee Matlin, Troy Kotsur, Emilia Jones, Daniel Durant and Amy Forsyth. © AFP

Ob Kino oder Stream – die 94. Oscar-Verleihung feierte vor allem die Diversität.

Niemand sollte den bekanntesten Filmpreis der Welt mehr „zu weiß“ nennen können. Die 94. Ausgabe war die bislang diverseste, beginnend mit dem Nebenrollen-Oscar für Ariana DeBose als Anita in „West Side Story“: Als erste queere Latina in der Oscar-Geschichte zitierte sie in ihrer Dankesrede die integrativen Botschaften der berühmten Liedtexte: „‚I want to be in America‘, das ist so wahr. ,There’s a place for us’.“ DeBose gewann in derselben Rolle wie vor sechs Jahrzehnten Rita Moreno für die Erstverfilmung: Die 90-jährige war am Sonntagabend ebenfalls ins Dolby-Theatre in Los Angeles gekommen.

Und endend mit dem Hauptpreis für einen Film, der seine wichtigsten Dialogszenen in Gebärdensprache inszeniert: „Coda“, das kanadische Remake des französischen Films „Verstehen Sie die Béliers“ über das Gesangstalent des einzigen hörenden Mitglieds einer gehörlosen Familie, war zum heimlichen Favoriten aufgestiegen. Auch Siân Heders Drehbuch (die auch Regie führte) und der gehörlose Nebendarsteller Troy Kotsur in der mitreißenden Verkörperung des Vaters konnten sich durchsetzen.

Das Kino aber ist der große Verlierer dieser noch immer im Zeichen der Pandemie stehenden Preisverleihung. Auch wenn die Netflix-Produktion „The Power of the Dog“ nur in einer von elf nominierten Kategorien (Jane Campions Regie) gewinnen konnte: Auch „Coda“ läuft in Deutschland exklusiv im Stream, in diesem Fall bei Apple TV. Und man kann sich auch fragen, ob dieser Film auf der großen Leinwand einen ähnlichen Erfolg erzielt hätte. Es ist ein sympathischer, aber doch künstlerisch wenig origineller, ja formelhaft erzählter Coming-of-Age-Film, der vieles übertreibt und wo immer es geht, auf höchste Emotionalisierung setzt.

Wer das Kino liebt, musste erleben, wie einer der besten Filme der Saison leer ausging: „Licorice Pizza“ unterlag sogar beim Drehbuch gegenüber Kenneth Branaghs „Belfast“. Mit „Dune“ erfuhr wenigstens ein Film die verdiente Anerkennung, der nur im Kino vorstellbar ist: In sechs von zehn nominierten Kategorien konnte das Science-Fiction-Epos gewinnen, mit Hans Zimmer (Musik) und Gerd Nefzer (visuelle Effekte) durften sich auch zwei Deutsche freuen.

Drei Moderatorinnen, Regina Hall, Wanda Sykes und Amy Schumer, setzten den gewohnten komödiantischen Rahmen, den man bei der noch mehr von der Pandemie geprägten Verleihung im vergangenen Jahr leider hatte vermissen müssen: „Sie haben drei Frauen engagiert. Sicher immer noch billiger als ein Mann…“, witzelten sie gleich zu Beginn.

Unglücklich agierte Chris Rock, der als Gastmoderator etwas Glanz auf die Verleihung des Dokumentarfilm-Oscars hatte werfen sollen. Für eine flapsige Bemerkung über den (wegen einer Krankheit) kahlen Kopf von Will Smiths Frau Jada, die ihn an Demi Moore als „G.I. Jane“ erinnerte, verpasste ihm der Schauspieler eine Ohrfeige. Als viele Gäste offenbar noch an eine Inszenierung glaubten, setzte Smith mit einer Beschimpfung nach.

Später gab ihm sein – hochverdienter – Oscar als Hauptdarsteller in „King Richard“ Gelegenheit, sich bei der Akademie und den Gästen unter Tränen zu entschuldigen – nicht jedoch bei Rock. In einer der kuriosesten Dankesreden der Oscar-Geschichte bekannte er sich zur Identifikation mit seiner Filmrolle, dem patriarchalischen Vater der anwesenden Tennis-Superstars, der Williams-Schwestern. Es war ein tragischer Augenblick, der im Stolz gleichwohl ein Gefühl lebenslanger Verkanntheit offenbarte. Die entwaffnende Ehrlichkeit dieses Moments riss das Publikum von den Sitzen. Niemand wollte diesem bewundernswerten Schauspieler seinen Ausfall im Augenblick seines Triumphs noch übelnehmen.

Leidtragende der Situation mit Rock waren ausgerechnet die vier ausgezeichneten Dokumentarfilmer, die zu Nebenfiguren eines unwürdigen Spektakels wurden. Dabei liefert „Summer of Soul“ (auf Disney+ zu sehen) sensationelle Einblicke in das als „Black Woodstock“ bekannte Harlem Cultural Festival von 1969 mit Nina Simone, Stevie Wonder oder Mahalia Jackson.

Auch die Musikdarbietungen der Oscar-Gala waren spektakulär, insbesondere Billie Eilishs intime Interpretation ihres James-Bond-Songs „No Time To Die“, für den sie später ausgezeichnet wurde. Vor dem Finale half Lady Gaga dann liebevoll der von mehreren Erkrankungen der letzten Jahre schwer gezeichneten Liza Minnelli bei der Ansage des Hauptpreises.

Mehrfach wurde an die Situation der Kriegsopfer in der Ukraine erinnert, doch nicht, wie von Sean Penn noch am Sonntag beim Sender CNN gefordert, Präsident Selenskyi persönlich zugeschaltet. Penn, der gerade an einem Dokumentarfilm über die Vorphase von Putins Angriffskrieg arbeitet, hatte, falls das nicht geplant sei, zum Boykott der Veranstaltung aufgerufen und angekündigt, seine eigenen zwei Trophäen einzuschmelzen.

Stattdessen nutzten die Veranstalter einen ruhigen Augenblick im Nachklang eines Songs zum stillen Gedenken an die Opfer des Krieges. Wahrscheinlich war es eine gute Entscheidung, beim Thema Film zu bleiben: Man hatte schon genug damit zu tun, den Filmpreis vom Stigma eines auf das männlich-weiße Hollywood fokussierten Branchenpreises zu befreien. Das ist bewundernswert gelungen, und mit dem japanischen Gewinner des „Auslandsoscars“ – die Kategorie heißt inzwischen „internationaler Film“ – fand auch das künstlerisch radikale Kino seinen Platz.

Sogar Oscar persönlich, 1929 vom legendären Filmarchitekten Cedric Gibbons modelliert, sei eigentlich ein Mexikaner, rief der kolumbianische Schauspieler John Leguziamo in einer Ansage in Erinnerung: Schließlich habe der aus diesem Land stammende Schauspieler und Filmemacher Emilio Fernandez einst für die Statuette Modell gestanden. Anderseits, was sicher auch bald wieder jemandem auffallen könnte: Das Schwert, das der Glatzkopf in der Hand hält, identifiziert die Figur recht unwürdig als Kreuzritter. Vielleicht sollte man sich mal in Hollywoods Andenkenläden nach Alternativen umsehen: Aus rechtlichen Gründen abgewandelt, hält er dort statt des Schwertes einen Lorbeerkranz.

Auch interessant

Kommentare