+
Alfonso Cuarón mit Yalitza Aparicio, der Hauptdarstellerin aus „Roma“.

Oscars

Ruhm ohne Glanz

  • schließen

Die fehlende Moderation nimmt der Oscar-Verleihung einiges an Spaß. Außerdem gewinnt mit „Green Book“ ausgerechnet der konventionellste Kandidat.

Es wurden schon Sinfonien ohne einen Dirigenten aufgeführt, aber eine Oscar-Verleihung ohne Conférencier? Ist so etwas möglich? Leider kaum, das weiß man seit der Nacht zu Montag. Wer sich einmal im Jahr auf die letzte altmodische Fernsehshow freut, in der Pathos und Witz, Routine und gänzlich Überraschendes zusammentreffen, erlebte eine höchst enttäuschende, langweilige und ermüdende Gala. Schon Billy Wilder sagte einmal, als er über Filmvorspänne nachdachte: Wen kümmert es, wenn irgendein Schmock etwas produziert hat?

Nun, es kümmert schon, wenn jemand Interesse für all diese wunderbaren Menschen weckt, die Kostüme schneidern oder digitale Effekte programmieren. Dazu aber auch als stand-up comedian einen Bogen spannt zwischen Kunst, Kommerz und Politik, wie es bei zurückliegenden Oscar-Moderationen immer wieder gelang. Auch wenn jemand etwas singen kann, ist dies nicht gerade hinderlich. So blieb nur die Erinnerung an Hosts wie Billy Crystal, Bob Hope, Whoopi Goldberg, Steve Martin oder Hugh Jackman.

Immerhin wurde – nicht zuletzt dank dreier Preise für den mexikanischen Beitrag „Roma“ – kräftig gegen Trumps Mauerprojekt gewettert. Auch Fremdsprachiges war bei dieser Verleihung, in der in vielen Kategorien Auslandsfilme nominiert waren, überraschend oft zu hören – vorausgesetzt, es war Spanisch. Mit drei Preisen für den künstlerisch höchststehenden unter den Nominierten für den „besten Film“ sollte die Debatte, ob Netflix nun Filme oder Fernsehen macht, vorerst verstummen.

Mehr als alles andere war diese Verleihung ein Bekenntnis zur Diversität. Ein „Oscars so white“ will die Akademie nicht mehr erleben. Bedauerlich nur, dass mit Peter Farellys „Green Book“ der konventionellste der Kandidaten gewann, ein Biopic, dem es bei der Darstellung der Rassendiskriminierung an Schärfe fehlt und das sogar von der Familie des porträtierten Musikers Don „Doc“ Shirley kritisiert wurde. Aber die Akademie kann natürlich bei besten Absichten nicht auch noch die Mitglieder austauschen. Für den besten amerikanischen Film der Saison, Paul Schraders Kirchen- und Terrorismusdrama „First Reformed“, gab es nicht einmal den verdienten Drehbuchpreis.

Die preisgekrönten Schauspielerinnen und Schauspieler: Rami Malek, Olivia Colman, Regina King und Mahershala Ali (v. l. n. r.).

Die flammendste politische Rede hielt Spike Lee, der für das Drehbuch zu „BlacKkKlansman“ seinen ersten Oscar als Drehbuchautor gewonnen hatte. Er erinnerte an die vor vierhundert Jahren begonnene Geschichte der Sklaverei in den USA, rühmte seine Großmutter, die seine Filmausbildung ermöglicht habe und deren Mutter selbst noch Sklavin war. Dann nannte er auch den Genozid an den amerikanischen Ureinwohnern einen solchen und warb mit einem seiner eigenen Filmtitel dafür, bei der kommenden Präsidentschaftswahl auf der „richtigen Seite“ zu stehen: „Do the right thing!“. Keine geringere als Barbra Streisand führte seinen Film bei der Verleihung ein, liebevoll, leidenschaftlich und aus eigener Initiative.

Eine unschöne Debatte über die Grenzen des öffentlich Sagbaren war der Verleihung vorausgegangen. Der designierte Moderator Kevin Hart hatte sich kurz nach der Bekanntgabe seiner Verpflichtung mit homophoben Tweets konfrontieren lassen müssen, die er zwischen 2009 und 2011 abgesetzt hatte und nun erst zu löschen begann. In der Zwischenzeit waren sie nicht lustiger geworden und die Empörung berechtigt; Hart beantwortete die Aufregung am 6. Dezember vergangenen Jahres mit einem Verzicht. Anfang Januar – ein Ersatz war nicht zu finden – vermittelte die offen lesbische frühere Oscar-Moderatorin Ellen DeGeneres zwischen der Akademie und Hart, doch nach weiterer Kritik sagte dieser endgültig ab.

Bis zuletzt hatte man noch auf eine Überraschung gehofft, doch als statt des traditionellen Eröffnungsmonologs lediglich ein lieblos geschnittener Trailer der Jahresproduktion lief, mussten sich die kleinen goldenen Männchen darauf einstellen, in diesem Jahr mit deutlich weniger Spaß den Besitzer zu wechseln.

So gehörte die Nacht zum Montag, die da vollmundig mit dem Satz „We are the Champions“ begann – vorgetragen von der Gruppe Queen persönlich– mehr den Künstlern als der Inszenierung. Und zu den schönsten Momenten zählten in der Tat Performances der nominierten Songs.

Lady Gaga als Sphinx mit ihrem Oscar für den Song „Shallow“.

Lady Gaga sang ihren Gewinner-Titel aus „A Star Is Born“, „Shallow“, noch expressiver als im Film. Nun kann sie es machen wie Bob Dylan, der seine Statuette mit auf Tournee zu nehmen pflegt. Auch Bette Midler verhalf mit ihrer Interpretation des Songs aus Rob Marshalls „Mary Poppins Returns“, „Where the Lost Things Are“, der Show zu einem Moment von rarem Glanz.

Man merkte der Oscar-Verleihung an, dass sie nach dem Zuschauereinbruch des Vorjahres von 19 Prozent unter Quotendruck stand. Es war sogar erwogen worden, mit einer neuen Kategorie für den besten Publikumsfilm ein Zweiklassensystem beim wichtigsten Preis zu etablieren. Weitaus eleganter gewann nun der erfolgreichste Film „Black Panther“ in einer Kategorie, in der er wirklich allen anderen überlegen war, der Ausstattung. Production-Designerin Hannah Beachler nahm als erste Afroamerikanerin in dieser Kategorie den Preis entgegen.

Was in Erinnerung bleiben wird, ist auch die Dankesrede der besten Schauspielerin. Mit der Auszeichnung für die Britin Olivia Colman als trauriger Monarchin in „The Favourite“ hatte kaum jemand gerechnet, auch sie selbst anscheinend nicht, was ihre Freude in unvorbereitete Bahnen lenkte. „Das ist naturgemäß stressig. Ich habe gerade einen Oscar gewonnen!“, begann Colman verlegen. Es sind solche Momente, die aus Glamour Wahrhaftigkeit machen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion