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Begehrtes Objekt: der Oscar.

Preisgala

Der Oscar als Mittel des Protests

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Politische Auftritte haben Tradition bei den Oscars. Diesmal erwartet die Öffentlichkeit ein unüberhörbares Zeichen des Widerstands gegenüber der nationalistischen Doktrin des neuen Präsidenten.

Im Kino dauert es viele Monate, meist mehrere Jahre, bis eine Idee auf die Leinwand kommt. Nur einmal im Jahr zeigt sich Hollywoods Befindlichkeit live und in Realzeit, und in der Nacht zu Montag ist es wieder soweit. Dann werden im Dolby Theatre am Hollywood Boulevard die Oscars verliehen, und selten wurde diese meistgesehene Fernsehshow der Welt mit größerer Spannung erwartet.

Das hat nicht nur mit einem völlig offenen Preisträgerrennen zu tun, bei dem denkbar ungleiche Favoriten gegeneinander stehen: Ein nostalgisches Musical („La La Land“), ein zeitloses Psychodrama („Manchester by the Sea“) oder das Coming-of-Age-Drama „Moonlight“ um einen homosexuellen Afroamerikaner.

Vor allem erwartet die Öffentlichkeit ein unüberhörbares Zeichen des Widerstands gegenüber der nationalistischen und protektionistische Doktrin des neuen Präsidenten. Als Moderator hat man sich mit Jimmy Kimmel einen freundlichen aber auch unberechenbaren Nachbarn ausgesucht. Allabendlich moderiert er aus einem Theater auf der anderen Straßenseite des Hollywood Boulevard seine Talk-Show. Niemand weiß zum Beispiel, ob etwas dran ist an der Fehde mit Hollywoodstar Matt Damon, die beide seit elf Jahren medienwirksam pflegen und die mit Sicherheit auch an diesem Abend wieder eine Rolle spielt.

Kein Zweifel allerdings besteht an Kimmels kritischer Haltung zum US-Präsidenten Donald Trump. Zu dessen Vereidigung etwa wusste er mitzuteilen, dass man zwei Bibeln habe parat halten müssen – für den Fall, das eine in Flammen aufgegangen wäre.

Trumps inzwischen gerichtlich gestoppter Einwanderugsstopp für Staatsbürger bestimmter Staaten mit überwiegend islamischer Bevölkerung hatte unmittelbare Auswirkungen auf die Verleihung: Kurz nach Bekanntgabe kündigte der iranische Nominierte Asghar Farhadi an, die Veranstaltung auch dann zu boykottieren, wenn ihm eine Ausnahmegenehmigung erteilt würde. Sein Film „The Salesman“ konkurriert als fremdsprachiger Film gegen Maren Ades deutschen Beitrag „Toni Erdmann“.

Doch bei allem Verständnis sollte Farhadis Protest die Chancen der Deutschen nicht unbedingt schmälern. Mit einem US-amerikanischen Einspielergebnis von rund 700 000 Dollar ist „Toni Erdmann“ für einen ausländischen Film immens erfolgreich. Mehr noch als der Film des etablierten Filmemachers Farhadi – er gewann bereits einen Oscar für „Nader und Simin – eine Trennung“ ist die deutsche Komödie für die Hollywood-Elite ein „must see“. Selbst ein Remake, angeblich mit Jack Nicholson, ist in Planung.

Maren Ades Name tauchte bereits im Juni in einer Mitteilung der die Oscars vergebenden Academy auf. Schon ihre ersten beiden Filme waren der Institution bedeutend genug, sie neben vielen anderen ausländischen Filmemachern zur Mitgliedschaft einzuladen. Mit der Internationalisierung setzt die Akademie ein Zeichen gegen den erst im vergangenen Jahr oft geäußerten Vorwurf, sie sei vor allem ein Club von betagten weißen Amerikanern.

Trumps konservative Abschottungspolitik und seine Missachtung gegenüber der veröffentlichten Meinung steht diesem kulturellen Austausch denkbar entgegen. Seine Äußerung Meryl Streep sei eine der meistüberschätzten Schauspielerinnen muss die Academy auch auf sich beziehen: Mit zwanzig Oscar-Nominierungen hält sie den Rekord für Schauspielerinnen, dreimal gewann sie die Trophäe.

Die diesjährige Nominiertenliste wirkt wie der denkbare Gegenentwurf zur „Oscars-so-white“-Debatte vom letzten Jahr. Diesmal sind von zwanzig nominierten Schauspielerinnen und Schauspielern nur dreizehn weißer Hautfarbe.

Wie also wird Hollywood am Sonntagabend seinen Protest gegenüber der aktuellen Regierungspolitik ausdrücken? Zunächst wohl humoristisch. Vielleicht wird man sich zu einer gewissen Mitschuld bekennen. Immerhin war es der Hollywoodfilm, „Zurück in die Zukunft 2“, der 1989 bereits einen Präsidenten Trumps vorhersah – in Gestalt der nach seinem Vorbild modellierten Filmfigur Biff Tannen. Doch auch dezidiert politische Statements haben eine lange Tradition bei den Oscars.

1973 boykottierte Marlon Brando, der für seine Rolle in „Der Pate“ nominiert war, die Feier und ließ sich durch die Aktivistin Sacheen Littlefeather vertreten. Ihre Anklage gegen die stereotype Darstellung der Ureinwohner des Kontinents in Hollywoodfilmen und die ausstehende Aufarbeitung der Massaker erntete Applaus und Buhrufe. Der Oscar verblieb in den Händen des überraschten Präsentators Roger Moore, der ihn erst einmal mit nach Hause nahm. Laute Buhrufer im Publikum wurden durch frenetischen Jubel überstimmt. In der Folge verbot die Akademie Stellverteter-Auftritte.

Zu einem weiteren Eklat kam es 1978: Vanessa Redgrave war in die Kritik jüdischer Organisationen geraten, weil sie einen positiven Dokumentarfilm über die PLO produziert hatte. Ihre Oscar-Rede als Gewinnerin für die Nebenrolle in „Julia“ nutzte sie, um sich bei den „zionistischen Raufbolden“ zu beschweren.

Doch man muss nicht einmal nominiert sein, um die Prominenz der Live-Show für politische Aufrufe zu nutzen. Richard Gere sollte 1993 nur die nominierten Filmausstatter ehren, als er sich zu einer Anklage gegen chinesische Menschenrechtsverletzungen in Tibet aufschwang. Tim Robbins und Susan Sarandon, die Präsentatoren des Schnitt-Preises taten es Gere gleich, indem sie auf die Diskriminierung von Trägern des HI-Virus hinwiesen.

Viele politische Oscar-Statements folgten bis hin zu Leonardo DiCaprios flammender Dankesrede im letzten Jahr. Leichthändig schlug er die Brücke vom Überlebens-Drama „The Revenant“ zu den Gefahren des Klimawandels. Auch dieses Thema könnte an diesem Sonntagabend wieder auf der Agenda stehen. Für Trump ist die Erderwärmung schließlich das gleiche wie für andere ein Hollywoodmärchen.

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