Ornithologisch korrekt

  • Daniel Kothenschulte
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Zack Snyders Film „Die Legende der Wächter“

Kleinkinder begegnen Eulenvögeln oft mit andächtiger Bewunderung. Höchstens Brillenträger erfreuen sich bei ihnen einer ähnlich dauerhaften Faszination. Das heißt aber nicht, dass man jetzt eins und eins zusammenzählen sollte und seinem Nachwuchs, ausgestattet mit 3-D-Brillen, „Die Legende der Wächter“ zeigen sollte. Denn Eulen mögen tagsüber Weisheit und Güte ausstrahlen. Nachts metzeln sie Mäuse.

Bei der zur Nahrungsbeschaffung notwendigen Gewaltanwendung bleibt es in dieser Jugendbuchverfilmung freilich nicht (die ersten Bände von Kathryn Laskys „Wächter“-Büchern sind gerade erst auf Deutsch erschienen). Es gibt hier zwei Sippen von Eulen, gute und böse, die in unterschiedlichen Bäumen hausen.

Der junge „Schleiereulerich“ Soren gehört zu den guten, doch als er aus dem Nest fällt, entführt man ihn in die Schule der Bösen. In diesem Internat herrscht ein finsterer Drill, es ist die Westpoint-Variante von Hogwarts. Und Frau Mahlzahn wäre begeistert. Aber es gibt eine Hoffnung, und irgendwann gelingt Soren dank der Hilfe eines Eulenmädchens die Flucht. Er möchte sich den edlen Eulenrittern von Ga’Hoole anschließen und die haben einiges zu tun.

Die tollen finsteren Momente

Man staunt nicht schlecht, in welch herrliche Düsternis Regisseur Zack Snyder („300“), dessen letzter Fantasythriller „Watchmen“ auf Deutsch zufällig ebenfalls „Die Wächter“ heißt, die Trickfilmleinwand taucht. Jeder, der Walt Disney liebt, schwärmt von den finsteren Momenten, zu denen diese Kunstform fähig ist: Schneewittchens Flucht durch den Wald, Pinocchio im Käfig des sadistischen Marionettenspielers Stromboli, der Totentanz auf dem „kahlen Berge“ in „Fantasia“. Aber es waren seltene Augenblicke, und nur deshalb wirkten sie so lange nach.

Nacht an Nacht gereiht

Nun jedoch wiederholt Snyder den Fehler, den Trickfilmer Ralph Bakshi bei der Erstverfilmung von „Der Herr der Ringe“ machte: Er reiht Nacht an Nacht und eine Schlachtenszene an die nächste. Man mag darüber anderer Ansicht sein, aber schon J.R.R. Tolkiens Werke verdienen ja nicht unbedingt das Attribut des „Phantastischen“– zu sehr sind sie damit beschäftigt, das menschliche Sozial- und Militärwesen auf gemütliche Höhlenbewohner zu übertragen. Und bei Kathryn Lasky tragen sie eben Flügel.

Snyders Antwort darauf ist eine zusätzliche Ausbremsung der Phantasie, er zeichnet seine Charaktere in äußerstem Naturalismus. Man mag diese Gegenposition zur „Disneyfication“ begrüßen und sich über die ornithologische Korrektheit der Eulen freuen. Wirklich gute Animation aber begnügt sich nicht damit, das Lebendige nachzuahmen. Sie schafft Leben, in dem sie es künstlerisch überhöht. Das erreicht Snyders Team nur bei den Schauplätzen, wunderbar poetischen Baumhöhlen und Nachthimmeln. Und in der Filmmusik des Australiers David Hirshfelder, der sich – was läge näher – an Orffs „Carmina Burana“ orientiert und das Drama zwischen den Bäumen in fast anrührender Weise ernst nimmt.

Die Legende der Wächter, Regie: Zack Snyder, USA 2010. 90 Minuten.

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