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Eine Reise mit dem Orient-Express ist pure Eisenbahn-Romantik.

„Der Orient-Express – Vintage auf Schienen“

Durch die Schluchten des Balkan

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Die Dokumentation von Louis Pascal Couvelaire schildert die Geschichte eines sagenumwobenen Zuges.

Dieser Film ist pure Eisenbahn-Romantik. Es gab aber eine Zeit, da war die Eisenbahn die Spitze und der Bote des industriellen Fortschritts.

Zumindest galt das für den fast schon mythischen Orient-Express, der im Jahre 1883 seine Jungfernreise unternahm. Wobei „Orient“ eine freundliche Übertreibung ist, denn der Zug fuhr gerade mal von Paris bis in die Stadt, die damals noch Konstantinopel, später Instanbul hieß. Und er nutzte auch keine eigenen Schienenwege, sondern solche, die nationale Eisenbahngesellschaften schon in den Balkanländern verlegt hatten.

Vier Tage brauchte er von Paris nach Strasbourg, Strasbourg nach München, München nach Wien, Wien nach Budapest, Budapest nach Russe (bei Bukarest) und von dort über Varna bis an seinen Zielort. Die Sensation an dieser Reise war aber nicht die Strecke, sondern vor allem der Komfort, mit dem die Reisenden unterwegs sein konnten: erschütterungsarme Speisewagen und Schlafwagen, hohe Restaurant-Qualität. Und vorne fuhr – unentbehrlich für Eisenbahnromantiker – immer eine Dampflok.

Ein bisschen rührend auch die Tatsache, dass die Durchquerung mehrerer Balkanländer per Bahn als Pionierleistung durchging. Andererseits auch kein Wunder, denn um die Zeit herum veröffentlichte ein gewisser Karl May den Abenteuerroman „In den Schluchten des Balkan“, in dem diese europäische Region ein großer weißer Fleck auf der Landkarte der Zivilisation war.

Immerhin gab es auch einmal einen Überfall auf den Orient-Express, irgendwo im nördlichen Osmanischen Reich (was dessen Repräsentanten extrem peinlich war), in dessen Verlauf die Räuber die Fahrgäste als Geiseln nahmen und ein hohes Lösegeld erpressten. Wer sich aber im Western-Genre auskennt, weiß, dass Eisenbahnüberfälle nur in Europa Aufsehen erregen konnten.

In den USA hingegen, wo die Union Pacific und die Central Pacific ein paar Jahre vor dem Orient-Express schon den eigenen Kontinent auf einer eigens gebauten Strecke (!) durchquert hatten, mussten Überfälle an der Tagesordnung gewesen sein. Oder waren die Geschichten von Jesse James und Butch Cassidy etwa fake news?

Louis Pascal Couvelaires Film erzählt die Geschichte des Orient Express als eine aus der guten alten Zeit, wie sich das für Dampflok-affine Eisenbahnromantiker gehört. Er erzählt von Georges Nagelmackers, dem belgischen Begründer des legendäres Zuges, von den technischen, organisatorischen und logistischen Leistungen der Unternehmung, ihren Gästen und Nutznießern, von der Streckenverlagerung nach Süden durch den neu gebauten Simplon-Tunnel (und der dadurch möglich werdenden Umgehung Münchens, das zur Hauptstadt der NaziBewegung avanciert war), überhaupt vom brisanten bis schwierigen Umgang mit nationalen Grenzen im zunehmend sich begrenzenden Europa, aber auch vom Luxus der reisenden und dabei unter sich bleibenden Oberschicht und dem verstörenden Einbruch der sozial weiter unten gelegenen Schichten.

Er verweist auch auf das Orientexpress-Buch der französischen Autorin Blanche El Gammal, von dem offenbar leider auf Deutsch noch keine Ausgabe zu existieren scheint. Er erwähnt suggestiv die erstaunliche Pünktlichkeit des Orientexpress sogar auf der Balkan-Route (eine klare Überlegenheit des Dampflok-Zuges gegenüber dem ICE, auch ohne Balkan) und lässt nicht die Reisebedingungen des Personals unerwähnt. Ein Film, der seine angenehme Unterhaltsamkeit nicht mit Verflachung bezahlt.

„Der Orient-Express – Vintage auf Schienen“, arte, 16. März, 20:15 Uhr. Im Netz: arte +7

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