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Der Stuntman und sein Chef: Brad Pitt (l.) und Leonardo DiCaprio (M.) als Cliff Booth und Rick Dalton, hier mit Al Pacino als Marvin Schwarzs (r.).

Neu im Kino

„Once Upon a Time in Hollywood“ – Tarantinos bester Film seit zehn Jahren

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Schwelgerisch und doppelbödig: Quentin Tarantinos neuer Film mit Starbesetzung „Once Upon a Time in Hollywood“.

Hinter den Hügeln von Hollywood, dort wo das wirkliche Leben beginnt, hat sich eine Hippiekommune angesiedelt. Ein abenteuerlustiger Stuntman und eine attraktive Anhalterin sind in einem Straßenkreuzer auf dem Weg dorthin. Das Autoradio spielt einschmeichelnden Folkrock, und doch liegt eine böse Vorahnung über dieser Szene, die sonst nur ein altes Filmklischee gewesen wäre.

Der Ruf nach Kaliforniens Freiheit schallte Ende der Sechzigerjahre aus allen Radios. Niemand hatte daran größeren Anteil als John Phillips, der Kopf der Band The Mamas and the Papas. 1967 hatte er das Monterey Pop Festival organisiert, das zwei Jahre später zum Vorbild für das größere Woodstock werden sollte. Zugleich schrieb er so verlockende Hits wie „California Dreaming“ oder – für seinen Jugendfreund Scott McKenzie – „San Francisco (Be Sure To Wear Some Flowers In Your Hair)“.

Quentin Tarantino verfilmt nicht die Historie

Quentin Tarantino hat sich für den Soundtrack seines neuen Films für eine dritte, weniger bekannte Phillips-Hymne entschieden, „Twelve Thirty“ mit der Refrainzeile: „Young girls are coming to the canyon“. Das unschuldige Lied über den Ausbruch aus einem dreckigen New York, wo eine Turmuhr auf halb eins stehengeblieben ist, in sonnige, von Hippies bevölkerte Landschaften bereitet plötzlich eine Gänsehaut: Besingt es vielleicht die Mansons Girls, die im Hinterland von Los Angeles in einer ehemaligen Westernkulisse ihre Zelte aufschlugen? Als willige Helfer eines charismatischen Hobbymusikers, Möchtegerngurus und späteren Serienmörders?

Seit „Pulp Fiction“ vertont Tarantino seine Filme am liebsten mit alten Schallplatten. Sie unterstützen nicht nur die Stimmungen der jeweiligen Szene, sondern liefern oft mitteilsame Kommentare – bevor sie schließlich, losgelöst vom Film, als Soundtrackalben ein weiteres Leben haben.

Debatte über Frauenfeindlichkeit bei Quentin Tarantino

Vielleicht gäbe es das heutige Retrophänomen, die Sehnsucht nach dem coolen Gestern nicht ohne Quentin Tarantino. Doch Vorsicht ist geboten bei aller Schönheit im Detail – denn nicht alles ist so, wie es scheint in „Once Upon a Time in Hollywood“. Tarantino verfilmt nicht die Historie, er verfilmt seine – und vielleicht auch unsere – Sehnsucht nach der Vergangenheit. Und den Lockruf des goldenen Kaliforniens, wie er sich aus den alten Medien überliefert hat. Nicht umsonst heißt sein Film wie ein Märchen: „Es war einmal in Hollywood“. Und wie in fast allen Märchen steckt auch eine bittere und manchmal schaurige Wahrheit darin.

Ohne die eigentlichen Geheimnisse des Films zu lüften, lässt sich doch verraten, dass Charles Mansons berühmtestes Mordopfer, die Schauspielerin Sharon Tate, nicht mehr als eine tragende Nebenrolle motiviert. Margot Robbie verkörpert sie weit eindringlicher als der wenige Dialog, den Tarantino ihr geschrieben hat, erwarten ließe. In Cannes, wo der Film Premiere feierte, regte sich daran Kritik. Als während der Pressekonferenz eine Journalistin der „New York Times“ fragte, ob es angemessen sei, ihr tragisches Schicksal in dieser fast beiläufigen Form zu verhandeln, verweigerte Tarantino die Antwort. Auch wenn Robbie sogleich mit Stolz ihre bislang bedeutendste Rolle verteidigte – Tarantinos abweisende Art befeuerte in einigen Medien eine Debatte über Frauenfeindlichkeit in seinen Filmen. Erst vor drei Wochen forderte eine Überschrift im englischen „Guardian“, Tarantino gleichsam „abzubestellen“: „Why it’s time to cancel Tarantino“.

Damoklesschwert der erwartbaren Morde in „Once Upon a Time in Hollywood“

Es ist sicher richtig, dass die Sharon-Tate-Figur weit weniger detailliert gezeichnet ist als die des von Brad Pitt gespielten Stuntmans Cliff Booth und seines Freundes und Auftraggebers, des von Leonardo DiCaprio gespielten alternden Westernstars Rick Dalton. Aber man könnte den Regisseur von „Jackie Brown“ und „Kill Bill“ nicht gründlicher missverstehen: Gerade an der Behandlung der historischen Figuren in diesem Film lässt sich studieren, wie kunstvoll er die Konventionen biografischer Filme vermeidet. Es geht nicht um fotografische Ähnlichkeit, sondern um die Nachbilder, die ihr Medienimage geschaffen hat. Die Grundregel, diesen Film zu verstehen, ist vermutlich sehr einfach: Die historischen Figuren stehen für die Dichtung, die erfundenen Figuren für die Wahrheit.

Tatsächlich schwebt die Darstellung der erwarteten Morde wie ein Damoklesschwert über dem Großteil der 159 Minuten – bis das Dilemma wie durch den Trick eines Zauberkünstlers aus dem Blickfeld rückt. So ist man am Ende umso überraschter, wie es sich in diesem Film darstellt. 

 Trotz gewohnt drastischer Gewaltszenen an anderen Stellen liebäugelt Tarantino diesmal nicht mit dem grafischen Realismus billiger Krimiliteratur, der „pulp fiction“, sondern dem Reich von Märchen und Legenden – sichtlich angelehnt an den größten Meister des Italowestern, Sergio Leone.

Kino-Trailer: „Once upon a time in ... Hollywood“

„Once Upon a Time in Hollywood“: DiCaprio, der untadelig eitle Star

Hauptspielort ist das Anwesen gleich neben dem Haus von Roman Polanski und seiner Frau Sharon Tate, dem Schauplatz des historischen Verbrechens. Hier lebt der fiktive Star Rick Dalton, der seinen verblassenden Ruhm bereits dem ersten Totengräber des Kinos verdankt, dem Serienfernsehen. Was für ein Déjà-vu in den Zeiten von Netflix (das übrigens, wenn die Gerüchte stimmen, bereits eine längere Version des Films als Mehrteiler angekauft hat).

Dauergast in Daltons Haus ist sein fest angestelltes Stuntdouble Cliff Booth. Allein diese Männerfreundschaft ist eine jener unbezahlbaren Tarantino-Ideen, die wie ein Fels der Originalität aus der Brandung unzähliger Filmzitate ragt. Was Dalton auf der Leinwand verkörpert, ist Booth in wahren Leben: ein Draufgänger, mutig bis zur Selbstverachtung.

DiCaprio ist wie meist in seiner Karriere untadelig als eitler Star, der sich gegen das Verblassen seines Ruhms zu wehren sucht. Tarantino schickt seine Filmfigur nach Rom, um in billigen Italowestern zu agieren. Und genießt die historische Ironie, dass niemand in Hollywood dieses heute von Fans verehrte Genre, dem er bereits mit „Django Unchained“ ein Denkmal setzte, im Mindesten zu schätzen weiß.

Leonardo DiCaprio: Mein Beruf ist wie ein Lottogewinn

„Once Upon A Time in Hollywood“: Brad Pitt spielt eine der überzeugendsten Rollen seiner Karriere

Brad Pitt dagegen ist grandios und spielt eine der überzeugendsten Rollen seiner Karriere. Zu den großartigen Fantasien, die Quentin Tarantino für diesen Haudegen erdacht hat, gehört ein Faustkampf mit Bruce Lee, kongenial verkörpert von Mike Moh. Es ist faszinierend, wie Tarantino eine Realität erfindet, in der sich die Menschen wie Filmfiguren verhalten können. Sie träumen einen anderen Traum als die Hippies auf der Straße.

Tarantino betrachtet sie aus der Perspektive seiner beiden alternden männlichen Protagonisten, die auf die sexuelle Befreiung und das neue Frauenbild mit Neugier und Befremden reagieren. Dafür gibt es viele historische Vorbilder in Filmen alternder Hollywoodregisseure aus dieser Zeit, Otto Premingers „Skidoo“ oder Don Siegels „Dirty Harry“. Auch Clint Eastwood zeichnete in seinem Frühwerk „Breezy“ die Hippiekultur mit solch konservativer Distanz – und dennoch voyeuristisch. Dieser Aspekt ist an „Once Upon a Time in Hollywood“ besonders interessant, und es wäre fatal, diese Behandlung des damaligen Generationskonfliktes für seine eigene Haltung gegenüber der Hippiekultur zu halten.

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„Once Upon A Time in Hollywood“: ein Film über das Triviale

Es ist ein Film über das Triviale mit den Mitteln einer aussterbenden Kunst. In Cannes wurden dafür die alten 35-mm-Projektoren angeworfen, und Robert Richardsons Kamerabilder dankten es in tiefen Farben. In semidokumentarischen Augenblicken feiert er die letzten architektonischen Zeugen dieser Ära in Hollywood. Die schönsten Neonreklamen werden in einer kleinen Montage nacheinander eingeschaltet. In seiner wunderbaren Balance aus Angedeutetem und Ausgespieltem, Miniaturen und Schaustücken ist dies Tarantinos bester Film seit zehn Jahren. Wie mag dieser Blick des spät geborenen Filmfans, der die Zeit nur als Kleinkind erlebte, auf die darin konservierte Ära der größten gesellschaftlichen Veränderungen auf Zeitgenossen wirken?

Ich habe eine Bekannte gefragt, die damals in Los Angeles aufwuchs, wo sie heute in der Filmakademie tätig ist, und sie hat viel einzuwenden: „Die Hunde von Brad Pitt und Margot Robbie sind anachronistisch. Niemand hatte damals Pitbulls, und Schoßhündchen trug man nicht in Taschen herum. Zsa Zsa Gabor trug sie wie eine Stola um den Hals!“ Umso mehr trifft Brad Pitts Pseudosportwagen ihre eigene Erinnerung: „Der Karmann Ghia war auch das Auto meiner Mutter, und die niedrigen Blickwinkel daraus inspirierten eindeutig Quentin Tarantinos Kamera.“

Dichtung und Wahrheit, sie sind wieder einmal eng verwoben in Tarantinos bestem Film seit „Inglourious Basterds“.

Der Film Once Upon a Time in Hollywood. USA 2019. Regie: Quentin Tarantino. 159 Min. Kinostart: 15. August


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