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1994 - Zwei Studentinnen interviewen die Janssen-Schwestern Martha (Gertrud Roll, li.), Betty (Jutta Speidel) und Hiltrud (Hildegard Schmahl, re.).

"Wir sind doch Schwestern", ARD

Oho, da ist was im Busch

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Das Drama ist eine von den Titeldarstellerinnen toll gespielte, aber im Rollator-Tempo erzählte Familiengeschichte vor dem Spiegel des 20. Jahrhunderts.

Schon das „Kinoformat“ verdeutlicht: Dieser Film möchte großes Fernsehen sein. Die Vorlage gibt das in der Tat her: In ihrem Buch „Wir sind doch Schwestern“ entfaltet Anne Geesthuysen eine Familiensaga, in der sich das 20. Jahrhundert spiegelt. Die Geschichte enthält viel Leid, aber auch einigen Mutterwitz. Die TV-Moderatorin ist am Niederrhein aufgewachsen, und wer sich noch an den beißenden Spott des 2005 verstorbenen Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch erinnert, der kennt den knurrigen Charme, mit dem die Menschen dort den Launen des Schicksals begegnen.

Dass sich Heide Schwochow bei der Adaption des Romans (Kiepenheuer & Witsch) einige Freiheiten geleistet hat, zeigen schon die Namen der Titelfiguren: Aus Katty, Paula und Gertrud sind aus unerfindlichen Gründen Betty, Martha und Hiltrud geworden. Das könnte man natürlich vernachlässigen, ebenso wie die Tatsache, dass die Grimme-Preisträgerin („Bornholmer Straße“, „Landgericht“) und Mutter von Erfolgsregisseur Christian Schwochow die Vorlage offenbar gemäß dem Motto „Wer Schwestern hat, braucht keine Feinde“ adaptieren sollte. Schwerer wiegt die Inszenierung von Till Endemann, der die Geschichte der drei alten Frauen im Rollator-Tempo erzählt.

Darstellerinnen machen „Wir sind doch Schwestern“ sehenswert

Dass „Wir sind doch Schwestern“ trotzdem sehenswert ist, hat der Film vor allem den drei Hauptdarstellerinnen zu verdanken; und der leidvollen Geschichte, die sich nach und nach entfaltet. Allerdings orientieren sich Buch und Regie am klassischen Stichwortschema solcher Werke: Betty sagt, sie müsse oft an die letzten Kriegstage denken, schon donnern in der Rückblende die Bomber über das Anwesen hinweg. Noch schlichter ist der Übergang, wenn eine der Schwestern die andere fragt: „Erinnerst du dich?“

Auch nicht gerade einfallsreich sind die Kalenderblattkommentare, mit denen die Figuren Einblicke in ihr Innenleben leben: „Wir alle sind die Summe unserer Entscheidungen“, „Die Vergangenheit ist immer auch Gegenwart“, „Am Ende ist man immer allein mit seinem Schicksal“. Dabei hat Endemann, bekannt geworden mit seinem Film über das Unglück von Überlingen („Flug in die Nacht“, 2009) sowie mit dem Drama „Carl & Bertha“ (2011) bewiesen, wie gut er auch historische Stoffe umsetzen kann; und bei seinem Justizdrama über den Fall Harry Wörz („Unter Anklage“, 2014) hat er große Empathie für die Titelfigur geweckt. Das gelingt ihm diesmal nur ansatzweise, zumal die drei Schwestern alles andere als liebenswerte alte Damen sind. Immerhin lässt sich nachvollziehen, warum sie ihre Herzen einst verschlossen haben.

„Wir sind doch Schwestern“: Tragische Familiengeschichte

Der Film beginnt mit einer gut 40 Jahre zurückliegenden Urteilsverkündung; die Gegenwart trägt sich Mitte der 90er zu. Die älteste der Schwestern, Hiltrud (Hildegard Schmahl), wird in ein paar Tagen 100, und die zwei Jahre jüngere Martha (Gertrud Roll) überrascht sie mit einer Familienzusammenführung: Die hartleibige Hiltrud und Betty (Jutta Speidel), mit 84 Jahren das „Nesthäkchen“ des Trios, hatten seit jener Gerichtsverhandlung keinen Kontakt mehr. Martha möchte erreichen, dass sich die Schwestern gegenseitig verzeihen; aber dafür muss sich jede erst einmal selbst vergeben.

Nach und nach entfalten Schwochow und Endemann die ganze tragische Familiengeschichte. Die beginnt während des Ersten Weltkriegs, als sich Hiltrud in den Gutsbesitzersohn Franz Verhoeven verliebt. Dessen deutlich älterer Bruder Heinrich (Benjamin Sadler) verhindert die Liaison jedoch, weil sie seiner Ansicht nach nicht standesgemäß ist, und sorgt dafür, dass Franz eingezogen wird. Der Bruder kehrt nicht zurück, und im Leben von Hiltrud, der späteren Schulrektorin, wird es nie wieder einen Mann geben. Betty wiederum ist schon als Kind von Heinrich hingerissen, muss sich jedoch damit abfinden, dass sie in seinem Leben stets nur die zweite Geige spielen wird. In dem Prozess zu Beginn geht es um die Frage, ob der verheiratete Heinrich mit ihr gegen Moral und Sitte verstoßen hat. Ähnlich trist ist Marthas Schicksal: Der Vater ihrer Kinder kehrt zwar unversehrt aus dem Zweiten Weltkrieg zurück, aber dann erwischt sie ihn mit dem Stallburschen.

Da die entsprechenden Rückblenden meist nur kurz und auch sehr episodisch sind, ist es für die Darstellerinnen der jüngeren Schwestern schwer, sich zu profilieren, zumal diese Rollen auch nicht annähernd so prominent besetzt worden sind. Die Rahmenhandlung ist daher auch schauspielerisch das Herzstück des Films, weil die glaubwürdig um viele Jahre gealterten Hauptdarstellerinnen Hildegard Schmahl, Gertrud Roll und Jutta Speidel jederzeit nachvollziehen lassen, warum sich die drei Frauen mal zueinander hingezogen fühlen und sich dann aufgrund der alten Verletzungen doch wieder gegenseitig vor den Kopf stoßen. Quasi als Katalysator für diese Balance des Unglücks  dienen zwei Studentinnen, die aus Anlass des anstehenden Geburtstags einen Film über die Lebensgeschichte des Trios drehen wollen.

Regisseurin Annekatrin schreckt dabei zum Leidwesen ihrer Kommilitonin (Victoria Schulz) nicht davor zurück, in Bettys Unterlagen zu schnüffeln und die Frauen mit sehr persönlichen Fragen zu piesacken; Anke Retzlaff, zuletzt unter anderem ganz vorzüglich in den beiden ARD-Krimis „Über die Grenze“, ist nicht nur wegen ihrer Jugend eine willkommene Ergänzung zu den drei alten Damen. An der Schwerfälligkeit des Films ändert ihr Mitwirken jedoch nichts, zumal Endemann mitunter überinszeniert, damit auch jeder Zuschauer mitbekommt: Oho, da ist was im Busch. 

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