Matt Damon als George in dem Thriller "Hereafter - Das Leben danach" von Clint Eastwood.
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Matt Damon als George in dem Thriller "Hereafter - Das Leben danach" von Clint Eastwood.

Filmstart "Hereafter"

Ohne Gott

  • vonMichael Kohler
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Eine atheistische Geschichte über das Jenseits: Ein Zwilling, der versucht seinen verstorbenen Bruder zu kontaktieren, eine Journalistin, die einen Tsunami überlebt und Matt Damon, den die Toten vollquatschen. Manchem fehlt bei Clint Eastwoods neuem Film "Hereafter" vielleicht der Überschwang religiös inspirierter Melodramen.

Die Zwillinge Marcus und Jason sind ein bestens eingespieltes Duo, das immer dann zu großer Form aufläuft, wenn es dem Jugendamt eine halbwegs glückliche Familie vorzugaukeln gilt. Jason lässt die offiziellen Besucher an der Tür die entscheidenden Sekunden schmoren, während Marcus die drogenabhängige Mutter aus dem Schlaf rüttelt, ihr eine gefüllte Einkaufstüte in die Hand drückt und sie zum Hinterausgang hinausschiebt. Gleich darauf kehrt eine treu sorgende Mutter heim und die Behörde ist wieder mal hinters Licht geführt.

Am selben Tag läuft Jason vor einen Lieferwagen und stirbt an Ort und Stelle. Marcus verliert nun auch seine Mutter, die in eine Entziehungsklinik geht, und wird bei einer Pflegefamilie untergebracht. Auf sich allein gestellt sucht er nach einem Weg, seinen Bruder zu kontaktieren, und gibt auf gut Glück das Stichwort „Leben nach dem Tod“ bei YouTube ein. Die ersten beiden Treffer sind glaubensfeste Auskünfte eines Priesters und eines Imams, die Marcus nicht weiterhelfen. Enttäuscht klappt er den Rechner zu.
Ein Film über das Jenseits war weder von Clint Eastwood noch vom britischen Autor Peter Morgan zu erwarten.


Zwar ist Eastwood der Tod alles andere als fremd; in vielen Filmen spielte er praktisch die Teilzeitvertretung des Sensenmanns, und auch in seinen Regiearbeiten lassen ihn die Gewalt und ihre Folgen nicht los. Doch ging sein Blick nie übers Grab oder die Einsicht, dass jeder beim Sterben alleine ist, hinaus. Auch Morgan wirkte mit Drehbüchern zu „The Queen“ oder „Frost/Nixon“ im Genre des eleganten, politisch bewussten Gesellschaftsstücks nicht eben unglücklich. Trotzdem ist die Frage, warum sie jetzt für „Hereafter – Das Leben danach“ zusammengefunden haben, rasch beantwortet, mit einem Blick auf Marcus’ Suchergebnisse: Es ist die Herausforderung, eine atheistische Geschichte über das Jenseits zu erzählen.


In schemenhaftes Licht getaucht


„Hereafter“ beginnt mit einer Schockwelle, von der sich auch das Publikum erst einmal erholen muss. Eine Pariser Fernsehjournalistin schlendert über den Markt eines asiatischen Küstenstädtchens und wird von den Wassermassen einer gigantischen Springflut mitgerissen. Wie ein Stück Holz treibt sie im zerklüfteten Strom der Einkaufsstraße und versinkt nach einem harten Aufprall bewusstlos in den Fluten. Als sie auf einem Hausdach wieder zu sich kommt, bringt sie Bilder einer nie gesehenen, in schemenhaftes Licht getauchten Welt zurück.


Die von Cécile de France gespielte Frau lässt dieses Erlebnis nicht mehr los. Sie sucht nach Antworten und findet – etwas ungewöhnlich für eine gewiefte Journalistin – erst einmal nichts. Spätestens an dieser Stelle kann man Morgan vorhalten, dass er die „Entzauberung“ der Nahtoderfahrung durch die moderne Hirnforschung ignoriert, aber ihm geht es eben darum, das innere Erleben seiner Figur beim Wort zu nehmen. Gleichzeitig erspart er uns die Peinlichkeit, religiöse Heilsgewissheiten einfach durch pseudowissenschaftliche Fakten zu ersetzen, und führt in einer amüsanten Nebenhandlung eine ganze Galerie von spiritistischen Scharlatanen und gläubigen Selbstbetrügern vor.

Auch wenn „Hereafter“ keine Erklärung für die Jenseitsbilder bietet, so eröffnet er doch immerhin einen privilegierten Zugang. In San Francisco ringt Matt Damon mit der Gabe, ein Medium ins Schattenreich zu sein; eine Berührung genügt, schon plaudern die Toten die Geheimnisse ihrer lebenden Verwandten aus. Weil dieser Fluch einsam macht – so einsam wie auch Marcus ist und die Journalistin allmählich wird – führt Morgan ihre getrennten Pfade im großen, dem Kitschverdacht gelassen trotzenden Finale des Films zusammen.

#video


Clint Eastwood inszeniert das alles so handwerklich gekonnt, wie man es von ihm gewohnt ist, und so behutsam, wie man klugerweise einen unbekannten Kontinent erforscht. Bei ihm gibt es keinen Gott, keine Religion, kein Pathos und nur sehr spärliche Bilder für das Jenseits. Dafür lässt er sich Zeit für eine sprechende kleine Geschichte, in der Damons Figur in einem Abendkurs für italienische Küche die Frau seines Lebens trifft, zu viel über sie erfährt und noch vor ihr weiß, dass die kaum begonnene Beziehung zuende ist.


Manchmal fehlt einem bei aller lobenswerten Zurückhaltung der Überschwang religiös inspirierter Melodramen, weil das Pathos des Abschieds nach entsprechenden Bildern zu verlangen scheint. Immerhin hält der Film auch dafür Ersatz bereit: So wie im Finale alles aus dem Nichts zusammenläuft, glaubt Peter Morgan definitiv an schicksalhafte Fügungen. Am Ende bietet das „Hereafter“ statt himmlischen Trost eine berührende Erfahrung von dieser Welt.

Hereafter - Das Leben danach, Regie: Clint Eastwood, USA 2010, 128 Minuten.

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