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Ulrike fährt mit dem Fahrrad zur Arbeit, um Geld zu sparen. An manchen Tagen bis zu 75km.

"Menschen hautnah: Arm trotz Arbeit", WDR Fernsehen

Ohne Aussicht auf eine bessere Zukunft

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Mehrere Jobs, Arbeitszeiten von über vierzig Stunden pro Woche ? und doch reicht das Geld am Ende nicht. Der WDR und das ZDF widmen sich einem brennenden sozialen Problem und seinen absehbaren Nachwirkungen.

Die immer wieder aufkeimende Diskussion, ob Das Erste und das ZDF zu viele Talkshows zeigen, ist bei Lichte besehen gegenstandslos. Denn wer Gesprächssendungen nicht schätzt oder sich einem bestimmten Thema nicht aussetzen möchte, findet im breiten Programmangebot der linearen Sender und Web-Portale genügend Alternativen und unterschiedliche Aufbereitungsformen.

Politische Gespräche über das akute Problem, dass viele Menschen in Vollzeit und weit darüber hinaus arbeiten und dennoch von ihrer Erwerbstätigkeit kaum leben können, sind mehr als angebracht. Diverse Sender berichten aber auch in Reportagen unmittelbar über die Betroffenen. Das ZDF zeigte im September in der Reihe „37º“ den Beitrag „Arm trotz Arbeit“, der in der ZDF-Mediathek noch abgerufen werden kann. Unter demselben Titel berichtet nun auch der WDR in der Reihe „Menschen hautnah“, wählt aber einen anderen Ansatz: Hier geht es ausschließlich um Frauen. Denn laut Filmautorin Susanne Jäger verdient in Deutschland die Hälfte aller weiblichen Berufstätigen maximal 1.500 Euro netto. Für ihren fünfundvierzigminütigen Film hat sie vier Betroffene, die mutig genug waren, aus ihrem schweren Leben zu erzählen, ein halbes Jahr lang begleitet.

Die achtundvierzigjährige Susanne beispielsweise kann nach zwei Bandscheibenvorfällen nicht mehr in ihrem Beruf als Altenpflegerin arbeiten. Auch ihre derzeitige Tätigkeit ist anstrengend: sie reinigt die Betten eines Bochumer Krankenhauses. Matratzen müssen umgewuchtet, die Bettmechaniken hockend und kriechend gesäubert werden. Und das akribisch. Rückenschmerzen gehören zum Berufsbild. Sie ist Geringverdienerin. Problematisch genug, aber dann verliert sie auch noch ihre Wohnung. Als Alleinstehende mit niedrigem Einkommen wird sie es schwer haben, eine neue zu finden. Ihr Blick in die Zukunft ist düster. Sie sieht sich bereits in ihrem Auto übernachten.

Betroffene kommen aus allen Milieus

Viele Frauen sind in eine prekäre Lage geraten, weil sie sich für die Erziehung ihrer Kinder entschieden hatten, weil ihre Ehen gescheitert sind, sie keinen Unterhalt bekommen und die Familie allein ernähren müssen. Betroffen sind Arbeitnehmerinnen aus allen Milieus. Die Sängerin, die früher zum Ensemble der Dresdner Semperoper gehörte, die studierte Sozialwissenschaftlerin mit beruflicher Auslandserfahrung, die gelernte Direktionsassistentin, die in einer namhaften Werbeagentur tätig und zeitweilig selbstständig war. Nach mehreren Rückschlägen ist sie heute in einem kleinen Betrieb quasi Mädchen für alles, verdient rund 1.500 Euro im Monat und muss davon vier Kinder ernähren und ihre Miete bezahlen. Wie ihr geht es vielen anderen: ein kaputter Füller, ein zusätzliches Schulbuch, eine unerwartete Reparatur werden zum Problem. Geschenke werden selbstgebastelt, auch die Kinder müssen sparen. Nicht leicht in einer Zeit, in der die Menschen und gerade Jugendliche übertriebenen Wert auf Prestigeobjekte legen. Auch für Einzahlungen in die Rentenkasse bleibt kein Geld übrig. Die Angst vor Altersarmut bewegt alle vier Frauen.

„Menschen hautnah“ heißt die Reihe und Autorin Susanne Jäger hält sich an das Konzept. Sie bleibt stets nah bei ihren vier Protagonistinnen. Das führt vereinzelt zu informatorischen Defiziten. Die Kamera ist dabei, wie die büroerfahrene Berlinerin Sandra über dem Wohngeldantrag brütet und angesichts der undurchsichtigen, aus ihrer Warte willkürlich erscheinenden Bürokratie schier verzweifelt. Hier hätte man gern die Stellungnahme von Verantwortlichen aus Verwaltung und Politik gehört; ein solcher Schlenker aber passt nicht zu diesem Format. Daher – vielleicht in der nächsten Talkshow?

Oder womöglich am kommenden Sonntag, denn auch das ZDF bleibt dran am dauerhaft schwelenden und nicht zuletzt im Hinblick auf künftige Rentenempfänger auf lange Sicht hochbrisanten Thema Armut: In seiner – oft sehenswerten – Reihe „zdf.reportage“ zeigt der Sender um 18 Uhr den Beitrag „Erst frei, dann pleite – Selbstständige in Not“.

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