Jean Seaton, 73, ist Professorin für Mediengeschichte an der Londoner Westminster-Universität und Autorin eines Werks über die BBC in den 70ern und 80ern.
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Jean Seaton, 73, ist Professorin für Mediengeschichte an der Londoner Westminster-Universität und Autorin eines Werks über die BBC in den 70ern und 80ern.

Interview

„Das verstößt gegen alle Regeln“

  • Sebastian Borger
    vonSebastian Borger
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Die Medienexpertin Jean Seaton über den Umgang mit der BBC.

Frau Seaton, die BBC hat weltweit hohes Ansehen und bewährt sich für die Briten in der Corona-Pandemie. Warum steckt der Sender dennoch in der Krise?

Zum einen haben alle öffentlich-rechtlichen Sender ein Problem, junge Leute bei der Stange zu halten. Die Konkurrenz durch einige der größten Firmen weltweit wie Amazon, Netflix und YouTube ist immens. Zum anderen sieht sich die BBC einem heftigen Angriff der Regierung von Premierminister Boris Johnson ausgesetzt.

Johnson brachte zwei erzkonservative BBC-Kritiker für entscheidende Posten ins Spiel: seinen früheren Chef Charles Moore als Chairman, dem die Kontrolle des Intendanten unterliegt; Paul Dacre, früher Leiter des Boulevardblatts „Daily Mail“, für die Leitung der Medienbehörde Ofcom, die auch für die BBC zuständig ist.

Ich habe keinen Zweifel daran, dass Johnson den beiden Jobangebote gemacht hat. Das verstößt gegen alle Regeln. Der Findungsprozess ist erst jüngst gründlich reformiert worden. Auch weiterhin hat die Regierung das letzte Wort, aber Bewerbungen und Auswahl unterliegen strikten Kriterien der Offenheit und Fairness. Davon kann keine Rede sein. Ich hätte nie gedacht, dass die britische Verfassung ...

... die ein Geflecht von Gesetzen, von wegweisenden Urteilen und von langjährigen Gewohnheiten ist ...

... einem so harten Test unterzogen würde. Dennoch bin ich guter Hoffnung, dass sie standhalten wird. Schließlich untersteht die BBC einer königlichen Charta. Chairman und Intendant werden offiziell von der Queen ernannt und unterscheiden sich damit von vergleichbaren Positionen. Solche Verfassungsdetails haben enorme Bedeutung.

Moore hat mittlerweile signalisiert, er werde nicht antreten.

Der Medien-Ausschuss im Unterhaus kündigte massiven Widerstand an, nicht zuletzt, weil Moore deutlich mehr Geld haben wollte als der derzeitige Chairman David Clementi. Die Parlamentarier haben zwar kein Vetorecht, aber die fällige Anhörung wäre gewiss einer Charakterdemontage gleichgekommen. Das Risiko wollte der Kandidat wohl nicht eingehen.

Im Streit über den BBC-Chairman geriet die Frage der Leitung von Ofcom in den Hintergrund.

Die Medienaufsicht von Paul Dacre führen zu lassen wäre völlig falsch. Ofcom hat mit der digitalen Medienwelt und brandneuer Technik zu tun. Dacre aber war Zeit seines Lebens ein Zeitungsmann. Die Art und Weise, wie er den neuen Presserat unterminiert hat, lässt für die Regulierung der Fernsehsender wenig Gutes ahnen.

Sie befürchten einen Vorstoß all jener, die der Rundfunkgebühr den Garaus machen wollen.

Ausländische Medien-Unternehmer wie Rupert Murdoch wollen seit Jahrzehnten diese britische Bastion schleifen. Zum Glück gibt es im Ausland auch jene, die auf die BBC als Verteidigerin westlicher Werte setzen. Ich war kürzlich in den USA und hörte immer wieder: Im englischsprachigen Raum ist nur die BBC stark genug, um russischer und chinesischer Propaganda entgegenzuwirken.

Macht sich der neue Intendant Tim Davie diese Sicht zu eigen?

Er spricht von einer Erneuerung unserer Werte, sieht die BBC als Verkörperung einer universellen Idee, wenn auch natürlich verankert in Großbritannien.

Seine Stars wie den Sportmoderator Gary Lineker will er mit neuen Richtlinien an die Kandare nehmen.

Es gab in letzter Zeit auf Twitter zu viele prominente Moderatoren, die ihre eigenen Meinungen mitteilten. Aber die Überparteilichkeit gehört nun einmal zur DNA der BBC. Wer sich daran nicht halten kann oder mag, muss sich woanders einen Job suchen.

Interview: Sebastian Borger

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