Die Fassaden der Frankfurter Bankentürme - wie gemacht für Monopoly.
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Die Fassaden der Frankfurter Bankentürme - wie gemacht für Monopoly.

„Oeconomia“

„Oeconomia“ im Kino: Das wahre Monopoly in den Bankentürmen Frankfurts

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Wie entsteht eigentlich Geld? Carmen Losmanns erhellender Dokumentarfilm „Oeconomia“ blickt hinter die spiegelnden Fassaden der Finanzwirtschaft.

Frankfurt ist nicht unbedingt Deutschlands berühmtester Filmschauplatz. Wenn die Main-Metropole doch einmal eine Hauptrolle spielt, wie etwa bei Christoph Hochhäuslers Film „Unter dir die Stadt“, geht es meist um Geld. Zu Beginn von Carmen Losmanns Dokumentarfilm „Oeconomia“ spielt eine gut gelaunte Gruppe von Finanzexperten Monopoly vor dem Adidas-Store auf der Zeil. Der Arbeitskreis Wirtschaft hat eine eigene Version des Spiels erfunden, die der Realität etwas näher kommen soll als jene, die die Amerikanerin Elizabeth Magie Phillips 1903 unter dem Namen „The Landlord’s Game“ patentieren ließ, lange bevor es während der Depressionszeit zum Verkaufsschlager wurde. In der Frankfurter Version liegt das Geld nicht mehr abgezählt in der Schachtel, sondern es entsteht erst bei der Kreditaufnahme.

Schon Losmanns vielfach preisgekrönter kapitalismuskritischer Essayfilm „Work Hard – Play Hard“ von 2011 dreht sich um die Geheimnisse des Geldes. Nüchterner gesagt geht es um den Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum, Vermögenskonzentration und Verschuldung. Also Dinge, die uns alle betreffen, aber die kaum jemand versteht. Die gläsernen Fassaden der Frankfurter Finanzinstitute kommen ihr als Metapher gerade recht. Früher kleidete man Banken in Granit oder Marmor, um sie aussehen zu lassen wie steinerne Tresore. Heute sind sie transparent, als hätten sie nichts zu verbergen. Aber sie haben ja auch nicht mehr viel fremdes Kapital zu beschützen. Das Geld, das sie an Kreditnehmer ausgeben, produzieren sie selbst. Wie bitte?

Finanzwirtschaft in Frankfurt: Keiner versteht es wirklich

Einer der anonymen Player, deren Telefonstimmen Losmann nachsprechen lassen musste, erklärt dieses Privileg der Banken. Sie dürfen Geld erzeugen, das noch nicht erwirtschaftet wurde. „Also, wir drucken jetzt kein Geld im Keller“, sagt ein anderer, ohne aber offenbar selbst genau zu wissen, wie das Ganze funktioniert. In der Baseler Gemeinschaftsbank weiß man es etwas besser. „Wir haben uns jetzt für den Kredit der Kundin kein Geld beschaffen müssen, das vorher schon existiert“, erklärt ein Angestellter geduldig und in klaren Worten. „Mit der Bilanzverlängerung ist neues Geld für die Kreditauszahlung geschöpft worden.“

Scheinbar transparent, eigentlich ein Spiegelkabinett.

Das einzig Sichtbare an diesem geisterhaften Geschehen sind Zahlen. Losmann lässt sie in einer bewusst primitiven Realzeit-Animation auf ihrem Computerbildschirm erscheinen und wieder verschwinden. Die minimalistischen Schauwerte machen die grenzenlose Monumentalität des Geschehens nur noch augenfälliger. Nur zehn Prozent der Geldmenge in unserem Wirtschaftskreislauf existiert in Papier und Metall. 90 Prozent entstehen dagegen immateriell auf den Bildschirmen von Banken. Kein Wunder, dass ein so fragiles System 2009 zu einer fast schon vergessenen Finanzkrise geführt hat.

Plötzlich wirken die Fassaden der Frankfurter Bankentürme gar nicht mehr so transparent. Es sind gigantische Spiegelkabinette, wie man sie in der Filmgeschichte gerne verwendete, um Täuschung und Verwirrung darzustellen. Am schönsten gelang es Orson Welles in „Die Lady von Shanghai“. Welles’ berühmter Essayfilm „F wie Fälschung“ könnte ein weiteres Stilvorbild dieses faszinierenden Films gewesen sein. Tatsächlich hätten die gewieften Fälscher, von denen Welles erzählte, in den Möglichkeiten des Spätkapitalismus ihre Meister gefunden. Die neoliberale Wirtschaftspolitik der letzten Jahrzehnte führte dazu, dass immer mehr öffentliches Eigentum durch Privatisierung verflüssigt wurde. Da erst durch Kreditvergabe genug Geld ins System kommt, müssen sich auch Staaten in der freien Wirtschaft verschulden. Die Sicherheitsnetze verschwinden, eine kleine Gruppe Superreicher häuft unvorstellbare Vermögen an.

Der Film „Oeconomia“ ist nicht nur ein didaktischer Film über die Finanzwirtschaft, weit mehr ist er ein ethnologischer Film über die Menschen, die in ihr agieren. Verschleierung von Kenntnissen oder offensichtliche Unwissenheit begegnen der Filmemacherin bei ihren Recherchen auf allen Wegen. Man kann es nicht fassen: Immer wieder lassen stammelnde Antworten auf einfache Anfragen den Gedanken aufkommen, dass Milliardensummen im Blindflug entstehen und vertrieben werden: „Wo kommt das Geld her, damit Unternehmen gesamtwirtschaftlich Gewinne machen können?“ – „Das ist ’ne gute Frage“.

Offensichtlich lebt das System davon, nur von ganz wenigen durchschaut zu werden. Kann man in Monopoly gewinnen, ohne die Spielregeln des Kapitalismus zu verstehen? Fünfjährigen Kindern gelingt das erstaunlich gut, aber es ist ja auch das gute alte Monopoly mit einer festen Geldmenge. Es sei denn, jemand hat am Ende nicht ordentlich aufgeräumt.

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