Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Aus dem grandiosen Zwölfminüter „Transparent, I am“ von Yuri Muraoka. Foto: Kurzfilmtage
+
Aus dem grandiosen Zwölfminüter „Transparent, I am“ von Yuri Muraoka.

Festival

Oberhausener Kurzfilmtage: Die Stunde der Kinoerzähler

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
    schließen

Die Oberhausener Kurzfilmtage erlebten ihre zweite Online-Ausgabe – mit mehr preisgekrönten Werken als je zuvor.

Auch der „Weg zum Nachbarn“, seit den Tagen ihres Gründers Hilmar Hoffmann das Motto der Oberhausener Kurzfilmtage, ist nicht mehr derselbe. Die Pandemie hat ihn uns gehörig verstellt, was den österreichischen Experimentalfilmer Siegfried A. Fruhauf zu einem bezwingenden Stück Konzeptkunst inspirierte. Sein „Distance Film“ besteht aus hundert Einzelbildern und zeigt ein Metermaß. „Die Länge von 100 Bildern im analogen 35mm-Film beträgt 1,91 Meter“, erklärt er dazu. „Halten Sie andere Personen auf diesen angenehmen Abstand. Bleiben Sie gesund.“ Ein kurzer Augenschmaus sind die vier Sekunden trotzdem, auch in seiner minimalistischsten Form behält der handkopierte Analogfilm noch immer einen Überschuss gegenüber der digitalen Welt.

In diese sind die Kurzfilmtage nun schon zum zweiten Mal verbannt, und fast möchte man sagen, sie haben sich darin eingerichtet: Drei neue Wettbewerbe sind hinzugekommen. Die bestehenden Konkurrenzen (international und deutsch) haben nun noch einmal eigene Online-Pendants, und auch der traditionelle deutsche Musikvideo-Preis „Muvi“ hat jetzt eine internationale Variante. Die Preisträgerliste umfasst heuer 16 Seiten mit 27 Gewinnerfilmen und 17 lobenden Erwähnungen. Nicht einmal Cannes kann es damit aufnehmen.

Um mit den Musikvideos zu beginnen: Beide preisgekrönten Filme sind mehr als bloße Lebensbeweise einer der noch immer populärsten Erscheinungsformen des Kurzfilms. In Clara Balzarys Clip zu Kim Gordons „Are You Hungry, Baby“ erfährt der Song der ehemaligen Sonic-Youth-Bassistin eine mitreißende Neubewertung: Nach einer sexistischen Beleidigung auf einem Parkplatz bricht eine weibliche Putzkraft in einen ekstatischen Tanz aus und macht sich den verlassenen Platz zur Bühne eines Autonomiebekenntnisses. Der deutsche Gewinnerfilm, „Junge Milliardäre“ von UWE, ist das perfekte Gegenstück. Auch dies ist eine Soloperformance, doch der männliche Protagonist eines selbstverliebten Spiegeltanzes ist kein geringerer als Tesla-Gründer Elon Musk – hier als hinreißend brüchiges digitales Double.

So populär das Musikvideo als Filmform ist, in Oberhausens großen Wettbewerben hätte es einen deutlichen Wettbewerbsnachteil: Traditionell wortlos, eignet es sich nicht dazu, mit autobiographischen Monologen unterlegt zu werden. In geschätzt jedem zweiten Film im Internationalen Wettbewerb begleiten die Künstlerinnen und Künstler ihre Bildmontagen mit selbst eingesprochenen, in der Regel sehr persönlich-metaphorischen Texten, oft betont intim im Ton und nah am Mikrofon.

Vom Stil zur Konvention

Diese Filmform hat eine lange Tradition im Essay-Film, Jean-Luc Godard arbeitet seit Jahrzehnten nur noch in diesem Stil. Aber auf Festivals und in Ausstellungen ist er auch eine Konvention geworden. Vorsicht ist immer geboten, wenn Stilmittel zu Moden werden. „Die Leute verstehen die Bilder nicht mehr“, warnt die Filmemacherin Mirjam Baker, die die Präferenz von Festivals gegenüber sich selbst kommentierenden Arbeiten seit längerem beobachtet. Dabei sind die Filme nur selten illustrativ, Text und Bild verhalten sich oft kontrapunktisch. Doch häufig scheint ein gesprochener Text eben doch eine gewisse Garantie dafür zu sein, dass ein experimenteller Film auf inhaltlicher Ebene überhaupt verstanden wird.

Auch die Gewinnerin des Großen Preises der Stadt Oberhausen ist dafür ein Beispiel, was nicht heißt, dass „Transparent, I am“ der Japanerin Yuri Muraoka kein guter Film wäre. Aber braucht die grandiose zweite Hälfte des Zwölfminüters, eine animierte Collage, die sich die Form der Alltagsmaske zur Spielfläche tief emotionaler Bildkaskaden wählt, eigentlich das Voiceover des Anfangs? Braucht es die vorangestellte Erklärung einer psychischen Krise, um die Tiefe der Bilder zu erkennen?

Selbst wenn wenn das Angebot an dieser Filmform zur Zeit besonders reich ist – Oberhausen ist noch immer auch reich an grandiosen Werken ohne Worte. Aber kommen sie vielleicht bei den Jurys aus der Mode?

Matthias Müller und Christoph Girardet, die bedeutenden Vertreter des künstlerischen Found-Footage-Films, stellten mit ihrer neuen Arbeit „Misty Picture“ ein neues Meisterwerk vor. In zahllosen New-York-Filmen, bekannten und obskuren, haben sie nach Bildern der Twin Towers gesucht. Sie fügen sich zu einer jenseitigen Odyssee von stiller Erhabenheit. Als hätten sie die mächtigen Bilder der Hollywoodkameraleute zuvor auf Löschpapier getrocknet, scheint ihnen das Pathos ausgetrieben und durch etwas Traumhaft-Hypnotisches ersetzt. Wie in vielen ihrer früheren Filme formulieren die Künstler eine Gegenerzählung zur Film- und Kulturgeschichte, neu hinzu kommt ein grandioser Einsatz von Originalmusik. Sollte Oberhausen einmal anfangen, auch Komponisten zu ehren: Chris Jones hätte – wie der Film selbst – wahrlich einen Preis verdient.

Aus „Misty Picture“ von Matthias Müller und Christoph Girardet.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare