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Hauptpreis der internationalen Jury: Still aus „Bittersweet“ von Sohrab Hura, 2019.  

Oberhausener Kurzfilmtage

Oberhausen: Entspannte Endzeit mit Außerirdischem

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Die 66. Oberhausener Kurzfilmtage präsentierten sich virtuell – einsam, aber qualitätvoll.

Henri Alekan, der große Kameramann von „Der Himmel über Berlin“, sagte einst: „Wer einen Film im Fernsehen gesehen hat, hat nichts gesehen.“ Mit dieser Ansicht konnte er sich ebenso wenig durchsetzen wie die deutsche Filmindustrie bei einem letzten Vorstoß gegen die Übermacht des Fernsehens: Nicht einmal die Verwendung des Wortes „Kino“ konnte man den Sendern für ihre Ausstrahlungen gerichtlich verbieten lassen.

Nun gibt es sogar Filmfestivals ohne Leinwände, und Kenner der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen staunten nicht schlecht über die schnelle Bereitschaft, ins Virtuelle auszuweichen. Wohl kein deutsches Festival hat in den letzten Jahren intensiver über die Zukunft des Kinos und seiner verschiedenen Kulturtechniken debattiert. Nun riskierte man nicht einmal Projektionen im öffentlichen Raum oder experimentelle Aufführungen an den Oberhausener Spielstätten, die wieder möglich gewesen wären. Dafür freut man sich über 2500 in alle Welt verkaufte digitale Festivalpässe.

Viele professionelle Gäste werden den Trip in die zusehends vereinsamende Ruhrgebietsstadt nicht allzu sehr vermisst haben. Zumal eine Überschneidung mit Cannes (das kurzfristig abgesagt wurde) für viele eine Reise unmöglich gemacht hätte. Schon lange war der Community „Oberhausen“ eher eine Metapher für eine bestimmte Kultur des Bewegtbilds als ein Ort auf der Landkarte. Die Gelegenheit, sich das Programm online anzusehen, wurde von fast 100 Ländern aus genutzt.

„Unsere Erwartungen wurden mehr als übertroffen“, so Festivaldirektor Lars Henrik Gass. „Dies wird einen wichtigen Platz in der Geschichte des Festivals einnehmen und weist mit Folgen und Möglichkeiten weit darüber hinaus in die Zukunft.“ Das ist wohl wahr – als das wohl traurigste „Oberhausen“ in 66 Jahren.

Traurig, aber – von der Qualität der Wettbewerbe her betrachtet – durchaus hochkarätig. Die 58-jährige Amerikanerin Lynne Sachs gewann den Großen Preis für ein Juwel des Experimentalfilms, eine jener Perlen, deren Funkeln auch notorische Kurzfilmverächter bekehren könnte. „A Month of Single Frames“ besteht aus Aufnahmen, die Sachs von ihrer Freundin Barbara Hammer geschenkt bekommen hatte, als diese vor ihrem Tod im März 2019 ihr Archiv aufräumte. An einem einsamen Küstenort hatte Hammer einen Monat ohne Strom oder Wasser gelebt, subtile Interventionen in den Naturraum geschaffen und diese nebst magischen Landschaftsaufnahmen mit der Einzelbildkamera dokumentiert. Sachs montiert daraus, unterlegt mit Gesprächen und Aufzeichnungen Hammers, eine Hommage an die Einsamkeit als Urgrund künstlerischen Schaffens. Sieht man diesen Film heute, erscheint er hoch aktuell: Einsames Arbeiten hat einen neuen Stellenwert bekommen.

Auch andere Gewinnerfilme greifen der gegenwärtigen Stimmungslage vor, insbesondere Bjørn Melhus in „Sugar“, dem Gewinnerfilm des deutschen Wettbewerbs. In einem seiner aufwendigsten Werke präsentiert er sich gemeinsam mit einem rätselhaften Außerirdischen in einer endzeitlichen Science-Fiction-Fantasie. Der liebenswerte „Sugar“, ein tanzender Schlafanzugträger mit großem Kopf und Funkelaugen, hat wesentlichen Anteil an der bittersüßen Stimmung dieser entspannten Endzeit. Fast hatte man den Eindruck, als hätten die Jurys in den Beiträgen nach unserer neuen Corona-Welt gesucht.

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