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„Not Okay“ auf Disney Plus: Likes für Lügen

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Von: Daniel Kothenschulte

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Sie tut so, als sei sie in Paris gewesen: Zoey Deutch als Danny.
Sie tut so, als sei sie in Paris gewesen: Zoey Deutch als Danny. Foto: 20th Century Studios 2022 © 20th Century Studios 2022

Auf Disney Plus: „Not Okay“, die messerscharfe Fake-News-Satire der Nachwuchsregisseurin Quinn Shephard.

Im Streaming-Medium beginnen Filme meist nicht mehr mit brüllenden Löwen, fackeltragenden Statuen oder dem Disneyland-Schlösschen. Sie beginnen mit sogenannten Triggerwarnungen. Hier sind es Lichtblitze, traumatisierende Erfahrungen und „eine unsympathische weibliche Protagonistin“. Danke für die Warnung. Können wir das ertragen?

Letzteres ist natürlich ein Witz, freilich mit einem wahren Kern. Denn Probleme bereiten in Filmen ja weniger die erklärten Schurken wie Dracula oder Hannibal Lecter, sondern jene Unsympathen, die eigentlich sympathisch gemeint sind. Gerade im besonders in Deutschland so beliebten Genre der Zeitgeist-Komödie passiert es nicht selten, dass man sich mit überhaupt niemandem im ganzen Ensemble anfreunden möchte.

Die erst 27-jährige Regisseurin Quinn Shephard („Blame – Verbotenes Verlangen“), die bereits mit 15 ihren ersten Film geschrieben hat, erspart sich mit der kleinen Warnung eine lange Exposition. Wundern wir uns also nicht über diese von Zoey Deutch beeindruckend verkörperte Möchtegern-Autorin Danny Sanders und stellen wir uns darauf ein, einen ganzen Film mit ihr zu verbringen. Es könnte sich lohnen.

Geboren in die gehobene New Yorker Mittelschicht, fehlt es ihr an nichts – außer jenem Übermaß an Liebe, das erfolgreichen Internet-Persönlichkeiten vermeintlich hunderttausendfach entgegenschlägt. An ihrem Arbeitsplatz – sie ist Fotoredakteurin eines hippen Online-Magazins – bewundert sie den coolen Reise- und Cannabis-Blogger Colin (Dylan O’Brien). Selbst ihre queeren Kollegen beneidet sie um vermeintliche Privilegien, da sie doch sogar einen eigenen, für „Heten“ verbotenen Kegelklub betreiben. „Ja, es ist schon toll, einer Minderheit anzugehören“, schallt es dafür bitter-ironisch zurück. Genau das ist es, worum Danny Sanders ihr Umfeld wirklich beneidet: Coolness und Schlagfertigkeit.

Noch mehr fehlt es ihr an Empathie, aber die lässt sich in der Sprache der Emojis ja auch eher dürftig artikulieren. Umgekehrt gibt es wenig, um das man die narzisstische Danny Sanders beneiden würde. In einem von der Chefredakteurin abgelehnten Artikel bedauert sie sich gar dafür, „Nine Eleven“ verpasst zu haben – so fehle ihr eine Erfahrung, die ihre Generation verbinde. Vier Buchstaben reichen ihr, um ihr Leiden zu beschreiben: FOMO – fear of missing out.

Neu im Kino

Der Gesang der Flusskrebse Die aufwendige, aber unpersönliche Hollywood-Verfilmung bricht den Bestseller-Debütroman der heute 73-jährigen Schriftstellerin Delia Owens runter auf die Hauptaussagen – die Geschichte einer einsamen Individualistin im sumpfigen Süden, die sich schon durch ihre Naturverbundenheit verdächtig macht. (Regie: Olivia Newman, USA 2022)

Die Zukunft ist ein einsamer Ort Die Rarität eines deutschen Gefängnisthrillers lädt zu einer Reise in die Finsternis: Ein Mann, der seine Familie bei einem Autounfall verloren hat, begeht eine Straftat, um in den selben Knast zu kommen wie der Verursacher… Eine Lichtgestalt: Katharina Schüttler als Wärterin. (D 2021, Regie: Laura Harwarth, Martin Hawie)

Goliath Ein klassischer französischer Politthriller über einen Umweltskandal: Emmanuelle Bercot spielt eine Sportlehrerin, Arbeiterin und Umweltaktivistin – mit der Hilfe eines erfolglosen Anwalts lehnt sie sich gegen die schmutzigen Geschäfte eines Großkonzerns auf, der mit Pestiziden handelt. (Regie: Frédéric Tellier, F 2021)

Doch das Schicksal spielt ihr in die Hände: Gerade als ihr der Rauswurf droht, findet sie ein Thema, das sie als Bloggerin sofort berühmt macht – wenn auch ein erfundenes. Gerade als sie für ihre wenigen Follower einen Paris-Urlaub mit Photoshop-Montagen vortäuscht, ereignen sich dort Terroranschläge. Sie stilisiert sich als Überlebende. Doch damit nicht genug der Täuschung: Bei einer Selbsthilfegruppe für Traumatisierte lernt sie den Teenager Rowan kennen, Überlebende eines Schulattentats und Anti-Waffen-Aktivistin. Sie erschmeichelt sich ihr Vertrauen – und stiehlt sogleich die zentrale Sentenz aus einem ihrer berührend-persönlichen Gedichte: „I am not okay“ ist nun Dannys hunderttausendfach geteilter Hashtag. Auch die von Mia Isaac mit besonderer Intensität gespielte Rowan ist gutgläubig genug, Dannys Plagiat zu teilen – schließlich wähnt man sich solidarisch unter (vermeintlichen) Opfern.

Hier beginnt aus der etwas überpointierten Mediensatire etwas anderes zu werden, eine allein durch die Qualitäten zweier junger Schauspielerinnen berührende doppelte Charakterstudie. Dass Danny durchaus versucht, die falsche Freundschaft in eine wahre zu verwandeln, wird ihr wenig nützen. Wie schon die ersten Bilder des Films verraten, ist ihr Lügengebäude zum Scheitern verurteilt. Wie der Zauberlehrling ertrinkt sie in der Flut, die sie ausgelöst hat – denn aus den Liebesbeteuerungen der Online-Crowd ist unbändiger Hass geworden.

Es ist selten genug, einmal einen Spielfilm über ein Jugendphänomen zu sehen, dessen Autorin selbst noch deutlich unter dreißig ist. Vieles wirkt ungewöhnlich gut beobachtet: Der moderne work space der Online-Redaktion mit seiner scheinbar bunt-freundlichen Gruppenraum-Idylle – und den umso begehrteren Einzelbüros für die Hierarchen. Auch die Monetarisierung von Protestkultur ist sehr gut erfasst, oft reichen der Regisseurin nur wenige Gegenschüsse, um soziale Gegensätze einzufangen, die der Protagonistin verborgen bleiben.

Und auch das Verharren bei einer weitgehend unbeweglichen Unsympathin ist eine ungewöhnliche Erfahrung. Im klassischen Hollywoodkino hätte spätestens das Ende des zweiten Akts eine Läuterung eingeleitet. Doch auch hier hält es die Filmemacherin mit einem für einen industriellen US-Spielfilm seltenen Pessimismus. Denn seien wir ehrlich: Was hat sich geändert, seit der Enttarnung des Lügenjournalisten Relotius? Herzige Human-Touch-Reportagen – auch wenn sie vielleicht nicht mehr im stillen Kämmerlein erfunden werden – sind nach wie vor in Mode.

Not Okay. USA 2022. Regie: Quinn Shephard. 100 Min. Disney Plus.

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