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„Nord bei Nordwest: Auf der Flucht“ (Das Erste): Die Ordnungshüter von der Ostsee

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Von: Harald Keller

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ARD/NDR NORD BEI NORDWEST - AUF DER FLUCHT, am Donnerstag (05.01.23) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Die Geflohenen werden erwischt.
Die Geflohenen werden erwischt. © NDR/Sandra Hoever

Den ersten Donnerstagskrimi-Einsatz dieses Jahres im Ersten übernimmt das Duo von der schleswig-holsteinischen Dorfpolizei.

Frankfurt - Seit 2014 wird das Fernsehpublikum zwei- bis dreimal jährlich mit einem Film aus der Reihe „Nord bei Nordwest“ bedacht. Angesichts einer solchen Spanne kommt schon mal die Frage auf, ob sich die Zuschauerschaft noch an die anfängliche Prämisse erinnert. Und vielleicht sind ja auch welche nachgewachsen, die bei der Premiere noch keine abendlichen Krimis sehen durften. Also zur Erinnerung: Eines Tages erschien ein gewisser Hauke Jacobs (Hinnerk Schönemann) im niedlichen Dorf Schwanitz und übernahm die in ruralen Gegenden unverzichtbare Tierarztpraxis. Er heuerte Jule Christiansen (Marleen Lohse) als Gehilfin an – mittlerweile hat sie selbst ein Studium absolviert – und bezog einen zum Wohnraum umgestalteten Kahn.

Zusätzlich zur tiermedizinischen Fakultät hatte Jacobs auch eine Polizeihochschule durchlaufen. Er konnte der Ortspolizistin Lona Vogt (Henny Reents) also beistehen, als die eine Mordermittlung durchzuführen hatte.

Hoffnung auf ein holsteinisches Watergate

Zwangsläufig kam es zu Folgetaten, denn sonst gäbe es die Reihe ja mittlerweile gar nicht mehr. Die Bewohner von Schwanitz geraten nur ins Bild, wenn sie in den jeweiligen Fall verwickelt sind. Ansonsten zieht es vorrangig potenzielle Opfer, Verdächtige, Täter, gelegentlich deren Häscher in den Ort. Durchreisende zumeist. Aber für einige wird Schwanitz zur Endstation. Auf manche wartet die Beerdigungsfirma Töteberg & Bleckmann, auf andere der Gewahrsam.

Die spleenigen Bestatter treten regelmäßig in Erscheinung, desgleichen das Universaltalent Mehmet Ösker (Cem-Ali Gültekin), das in jeder Episode einen anderen Beruf ausübt. Im aktuellen Film „Auf der Flucht“ spielt er Journalist in den Fußstapfen von Woodward und Bernstein und bringt in Tateinheit als Redakteur, Verleger und Austräger das „Schwanitzer Tageblatt“ heraus. Wegen des notorisch schlechten Wetters auf Spezialpapier gedruckt und, kleiner Scherz des Autors Holger Karsten Schmidt, auf einer altertümlichen mechanischen Schreibmaschine geschrieben. Immerhin: Das Ding braucht keinen Strom, ist also krisensicher.

Zum Faktenwissen wäre noch nachzutragen, dass sich „Nord bei Nordwest“ auf den Originaltitel von Hitchcocks „Der unsichtbare Dritte“, nämlich „North By Northwest“ bezieht. Das fiktive Örtchen Schwanitz findet sich nahe der schleswig-holsteinischen Ostseeküste, nicht in Ostfriesland, wie eine große Tageszeitung schrieb. Siehe die KFZ-Kennzeichen, siehe die Karte von der Lübecker Bucht im Polizeibüro, die Fährverbindungen nach Skandinavien.

RolleDarsteller:in
Hauke JacobsHinnerk Schönemann
Hannah WagnerJana Klinge
Jule ChristiansenMarleen Lohse
Victor GerickeRoman Knizka
KaminskiVincent Leittersdorf
Michael DudekTino Führer
Erik MeyerKonstantin Lindhorst
LeaCarolin Garnier
Mehmet ÖskerCem Ali Gültekin

Willkommene Abwechslung

Der nahe Fährhafen ist auch Ziel der vier flüchtigen Verbrecher, die nach einem Unfall ihrem Transporter entsteigen können, das Weite suchen und Schwanitz finden. Sie benötigen eine Wechselgarderobe, werden beim Einbruch überrascht und hinterlassen einen Toten. Die Viererbande besteht aus den üblichen Typen: dem Leitwolf, dem Nestor, dem Pfiffikus und dem Heißsporn.

Derweil schieben Jacobs und Hannah Wagner (Jana Klinge), seit einigen Folgen in beruflichen Belangen die neue Frau an seiner Seite, Langeweile in der Dienststelle. Sie leben merklich auf, als der erlösende Satz fällt: „Wir ha’m ’ne Leiche.“

Es besteht Gefahr, dass es nicht bei der einen bleibt. In Ermangelung eines Humanmediziners bringen die Strolche einen verletzten Mitgefangenen in die Tierarztpraxis zur Veterinärin Jule Christiansen. Man darf ein wenig bangen, denn ihre Freundin, die frühere Verwalterin des Polizeipostens, fand in der elften Folge den Tod. In dieser Reihe sind also die Hauptfiguren nicht gegen ein vorzeitiges Ableben gefeit.

„Nord bei Nordwest: Auf der Flucht“

Donnerstag, 5. Januar., 20:15 Uhr, Das Erste und in der ARD-Mediathek.

Grenzen des Humors

Mit „Auf der Flucht“ gibt der Hauptdarsteller Hinnerk Schönemann sein Regiedebüt. Er hat ein paar drollige Einfälle, so wenn sich die Kamera durch ein Aquarium von der Szenerie zurückzieht, die Fische ins Blickfeld geraten und das eigentliche Geschehen im Hintergrund verschwimmt.

Der Inhalt erfordert eine gewisse Resistenz gegen Unglaubwürdigkeiten. Das ist Merkmal der Reihe. Stammseherinnen und -seher wissen, was sie erwartet, rechnen auch mit schwarzem Humor. Der sorgt in dieser Episode allerdings eher für Dissonanzen, will nicht recht passen zu einem brutalen Mord und einer versuchten Vergewaltigung.

Für die komischen Momente ist traditionell das geschäftstüchtige Schlitzohr Mehmet Ösker zuständig. Natürlich kommt er wieder zum Zuge, aber seine Auftritte wirken wie eine Pflichtübung. Ihr Witz hält sich, wenn überhaupt erkennbar, sehr in Grenzen. (Harald Keller)

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