Nora Fingscheidt mit Helena Zengel (Benni) und Albrecht Schuch (Erzieher Michael) bei der Berlinale.

„Systemsprenger“

Nora Fingscheidt: „Ich war selbst ein wildes Kind“

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Nora Fingscheidts Film „Systemsprenger“ rührt an einem Tabu: Es geht um schwer erziehbare Kinder sowie um die Menschen, die sich für sie aufopfern. 

Frau Fingscheidt, das Thema Kindererziehung wird hochemotional diskutiert. War Ihnen bewusst, dass Sie mit Ihrem Film „Systemsprenger“ in ein Wespennest stoßen? 
Nicht in dem Maße. Doch ich habe bei der Recherche schnell gemerkt, dass bestimmte Aspekte von Kindheit in unserer Gesellschaft verdrängt sind. Die Tatsache, dass jede große Stadt eine Kinderpsychiatrie hat, die meistens rappelvoll ist und noch eine Warteliste hat, wissen viele Leute gar nicht. Oder dass es noch Kinderheime gibt, die heute nur anders heißen, Wohngruppen, ist von der allgemeinen Diskussion über Erziehung abgespalten.

Von „Systemsprenger“ werden die Leute entweder bewegt sein oder sie werden ihn ablehnen, weil er ihnen zu hart ist. Es ist ein Film, zu dem man eine Haltung einnehmen muss. 
Er ist nicht dafür gemacht, ein Debattenbeitrag zu sein. Aber es freut mich, dass es einer geworden ist. Die Intention war, eine Geschichte zu erzählen, die einen mitreißt, weil man sich möglichst stark mit einem sehr ambivalenten Charakter identifiziert. Es ging nicht darum, den Film extra hart zu machen. Im Verhältnis zur Realität haben wir ihn zum Teil sogar abgeschwächt.

Das Wort Systemsprenger ist in der Kinder- und Jugendhilfe umstritten. Warum haben Sie es für den Film gewählt? 
Ich bin während der Arbeit an einem anderen Film auf dieses Wort gestoßen. Im Auftrag der Caritas drehte ich in Stuttgart einen Dokumentarfilm über ein Heim für wohnungslose Frauen. Und da zog ein 14-jähriges Mädchen ein, was mich wirklich geschockt hat. Doch die Sozialarbeiterin sagte gelassen: Ach, die Systemsprenger, die können wir ab ihrem 14. Geburtstag aufnehmen.

Ab 14 erwachsen? 
Nicht erwachsen, sondern nicht mehr im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe zu versorgen. Die Begegnung mit dem Begriff hat mich zum Nachdenken gebracht. Er klingt so kraftvoll, beschreibt aber etwas Tragisches. So wurde er unser Arbeitstitel, und ich habe gemerkt, dass er immer sofort neugierig machte. Natürlich trifft er den Kern der Sache nicht ganz.

Was meinen Sie damit? 
Das Kind macht ja nicht aktiv ein System kaputt. Die gängigen Maßnahmen des Systems scheitern an ihm. Außerdem wurde mir oft gesagt, ich soll den Titel ändern, weil er nach Computer-Hackern oder nach G20-Gipfel-Protesten klingt.

Stimmt. 
Ich war offen dafür, doch es fand sich kein besserer. Im Ausland wird er manchmal geändert.

Wie? 
In manche Sprachen ist der Begriff nicht übersetzbar. Und in Frankreich zum Beispiel wird er einfach „Benni“ heißen.

Der Kontrast zwischen dem zarten Mädchen und dem starken Wort ist die erste Überraschung. 
Sogar für mich. Ich hätte nicht gedacht, dass Benni strohblond werden würde. In meiner Vorstellung war es ein dunkelhaariges Mädchen. Und dann kam diese eisprinzessinhafte Erscheinung von Helena mit dieser fast durchsichtigen hellen Haut, die so fragil und engelhaft wirken kann und gleichzeitig so unheimlich – das war eine wunderschöne Entdeckung.

Sie haben den Begriff im Zusammenhang mit einer 14-Jährigen gehört. Ihre Benni ist nicht mal zehn Jahre alt. Warum wählten Sie ein so junges Mädchen? 
Zum einen habe ich schon einige gute Filme gesehen über Jugendliche, die überall anecken. Dazu musste ich nicht einen weiteren abliefern. Außerdem ist es doch so: Wenn man sich mit der Aggressivität von kleinen Kindern auseinandersetzt, findet man nicht so leicht eine Erklärung. Das sind nicht die rebellischen Teenager. Wir wollten auch nicht, dass man denkt, es sei eine schlimme Großstadtgöre oder es liege am Migrationshintergrund. Das Mädchen kommt aus einer deutschen Mittelschichtsfamilie, die in einer mittelgroßen Stadt wohnt.

Mussten die Kinder im Casting auch schon ausrasten? 
Ja. Das war eine Prämisse bei der Besetzung: Haben die Mädchen eine Hemmung, Aggressivität zu spielen oder macht es ihnen eher Spaß? Es gab einen erwachsenen Anspielpartner. Und die allererste Übung war: Bringt diesen Mann aus dem Raum raus, egal wie. Alles ist erlaubt, also treten, schieben, beißen, schreien, weinen, beschimpfen ... Dann habe ich versucht, die Mädels immer weiter anzustacheln, um zu schauen, wo ist ihre Grenze. Manche haben sich nicht getraut, ein böseres Wort als „Idiot“ auszusprechen.

Wie ging es Ihnen da als Regisseurin, ein fremdes Kind an seine Grenzen zu bringen? Das sind doch keine Schauspieler. 
Doch, das sind schon kleine Schauspieler. Die wissen, dass sie sich für eine Rolle bewerben. Kinder verstehen, dass es darum geht, sich in jemand anderen zu verwandeln. Manche haben ein großes Interesse daran. Da kann man ansetzen und sagen: Wir spielen verkehrte Welt, du darfst jetzt alles tun, was sonst nie erlaubt ist. Je schlechter du dich benimmst, desto besser ist es hier für uns.

Wir müssen noch einmal zurück zu dem Wort Systemsprenger: Wie kamen Sie von diesem Begriff zur Filmidee? 
Ich wollte immer schon einen Film über ein wildes Mädchen machen. Ich war selber eines, habe die Lehrer so genervt, dass ich auch mal aus der Klasse geflogen bin und vor der Tür stehen musste, die Klinke heruntergedrückt, damit ich nicht weglaufen konnte. Es ist ein Glück, dass niemand versucht hat, mir irgendwelche Pillen zu verabreichen. Dieses wilde Mädchen war deshalb immer bei mir. Ich hatte aber nie eine Geschichte dafür. Die Begegnung mit dem Begriff war endlich der lang erwartete Startschuss. Da wusste ich, wo ich anfangen musste zu recherchieren.

Kann aus jedem wilden Kind ein Systemsprenger werden? 
Es hängt von den Startbedingungen ab. Wenn es ständig weitergereicht wird, dann schon. Oder umgekehrt: Ein Kind mit solch einer Energieladung wie Benni könnte ein Musiker von der Qualität eines Jimi Hendrix werden oder Konzernchefin. Das sind auch Menschen mit extremer Energie und Power, die in Umständen großgeworden sind, die sie für sich konstruktiv nutzen konnten.

Ein Thema des Films ist das Verhältnis von Nähe und Distanz. Benni sucht Nähe, kann aber zu viel davon nicht ertragen. Man sieht Erzieher, die dieses Problemkind von sich fern halten wollen, und man erlebt andere, die große Zuneigung empfinden – aber eigentlich die Distanz brauchen. 
Das ist auf jeden Fall ein wichtiges Thema. Ich habe durch die Recherche eine Riesenhochachtung gewonnen vor den Menschen, die im sozialen Bereich mit Kindern arbeiten. Man muss Zugang zu den Kindern finden, gleichzeitig kann man sich nicht hundertprozentig verbinden. Das ist ein Dilemma, das man immer wieder aushalten muss. Ich könnte es nicht. Ich würde die alle mit nach Hause nehmen und adoptieren wollen.

Wie haben Sie für den Film recherchiert? 
Ich war über vier Jahre, nicht nonstop, aber mehrmals, in verschiedenen Betreuungseinrichtungen. Ich habe mitgeholfen, auch da gewohnt, um den Alltag zu verstehen.

Also haben Sie auch über Erzieher und Jugendamtsmitarbeiter etwas gelernt? 
Natürlich. Und ich hatte den Eindruck, dass die meisten Leute sehr gut ausgebildet und sensibel für die Probleme der Kinder sind. Eher sind die Umstände schwierig, unter denen sie arbeiten müssen: der ständige Personalmangel und die totale Überlastung mit Bürokratie. Ich bin großartigen und liebevollen Leuten begegnet.

Im Film wird es an der Jugendamtsmitarbeiterin Frau Bafané deutlich, die Gabriela Maria Schmeide resolut und mit großem Herzen spielt. Die kommt bei Bennis Unterbringung auch an ihre Grenzen. 
Nicht jedes Kind hält es aus, eines von zehn Kindern zu sein, gemeinsam mit denen um die Aufmerksamkeit von ein oder zwei Erwachsenen zu kämpfen – die ständig noch zig Listen auszufüllen haben. Es gibt eben Kinder, die immer wieder rausfliegen. Und diese Frau Bafané ist nicht nur für ein Kind verantwortlich, sondern für sechzig, und wenn die Kollegin krank ist, dann sind es neunzig Fälle, das ist einfach viel zu viel.

Dieses Verhältnis entspricht der Realität? 
Ja, das habe ich recherchiert.

Sie haben zuletzt einen Dokumentarfilm veröffentlicht, der offenbar während der Vorarbeiten von „Systemsprenger“ entstand: „Ohne diese Welt“ beobachtet das Leben der Deutsch sprechenden Mennoniten im Norden Argentiniens. Die haben ihr eigenes System abseits der Mehrheitsgesellschaft. Gibt es eine Verwandtschaft zwischen den Filmen? 
Auf den ersten Blick sind das zwei verschiedene Welten. „Ohne diese Welt“ ist ein sehr langsamer, ruhiger, fast statischer Film. Es geht um eine Gesellschaft, die sich dem Fortschritt verweigert. „Systemsprenger“ dagegen ist unbändig und für manchen zu viel, das hat alles mit dem Kind zu tun. Eine Verbindung besteht vielleicht in meiner Liebe für Außenseiter, Randgruppen, für Menschen mit extremen, radikalen Zügen.

Was hatte Sie so zielgerichtet nach Argentinien getrieben? 
Ich hatte in der 11. Klasse ein Auslandsschuljahr in Argentinien, in einem kleinen Ort im Norden, wo es eigentlich keine Ausländer gibt. Eines Tages wurde ich, weil es sich herumgesprochen hatte, dass es da diese Deutsche gibt, in das Krankenhaus von Resistencia gerufen, zum Übersetzen. Da war ein zwölfjähriges Mennonitenmädchen, das mit Diabetes in Lebensgefahr schwebte, und die Ärzte wollten, dass ich ihm und dem Vater erklärte, dass sie Insulin spritzen muss. Leider habe ich dieses altertümliche Plautdietsch kaum verstanden. Diese Begegnung hat mich nie so richtig losgelassen. Ich wollte dem nachgehen, warum Menschen freiwillig so leben.

Die Kinder bei den Mennoniten sind strengen Verhaltens- und Kleiderregeln unterworfen und müssen schon früh mitarbeiten. Die Kinder in einer Demokratie wachsen sehr frei auf – ist das vielleicht sogar schwieriger? 
Das kann ich so nicht beantworten. Ich hatte bei den Mennoniten schon das Gefühl, dass einige Kinder in ihrer Familie sehr glücklich sind, sich dort behütet und geborgen fühlten. Gewisse Regeln können auch Sicherheit geben. Es gab andere Familien, für die das sicher nicht zutraf, bei denen ich dachte, hoffentlich können sich die Kinder irgendwann befreien. Genauso wenig kann ich pauschal für die Kindheit in Westeuropa sprechen. Hier lastet ja oft ein großer Druck. Es wird früh nach Leistung selektiert, es wird erwartet, dass die Kinder ein Instrument spielen können, Wettbewerbe gewinnen. Oft haben sie nur wenig Bezug zur Natur. Es hat beides Vor- und Nachteile.

Hat die Entwicklung der neuen Medien nicht auch die Kindheit verändert? 
Klar, aber jede Generation hat ihre Herausforderungen. Bei uns sind es Handys und Computerspiele.

Warum ist „Systemsprenger“ kein Dokumentarfilm? 
Ich komme vom Spielfilm, alle meine Kurzfilme bisher waren Spielfilme, ich habe Spielfilmregie studiert und hatte „Systemsprenger“ eigentlich als Abschlussfilm geplant. Aber ich hatte ihn nicht rechtzeitig finanziert bekommen und musste etwas anderes machen. Da dachte ich an diesen Stoff in Argentinien und wusste: Das wäre nur ein Dokumentarfilm. Bei „Systemsprenger“ hat sich mir nie die Frage gestellt. Ich hätte Sorge gehabt, ins Leben von echten Betroffenen einzugreifen.

Liegt also darin der Vorteil der Kunst, dass Sie im Spielfilm viele Personen aus der Realität zu einer verschmelzen lassen können? 
Als Filmemacher hat man da gar nicht die Wahl. Es gibt dieses eine Thema, und dieses Thema braucht diese eine Form. Es gibt tolle Spielfilme über die Mennoniten. Aber da hätte ich keinen szenischen Zugang gefunden. Und bestimmt kann man einen wunderbaren Dokumentarfilm über Systemsprenger machen. Nur ich halt nicht.

Eltern unruhiger Kinder haben oft Ärger mit Lehrern oder Erziehern, sogar mit anderen Eltern – vor allem, seit es mit Ritalin ein Medikament zur Ruhigstellung gibt. Das aber verlangt die eindeutige Diagnose ADHS. Warum sind wir so schwer in der Lage, mit Außenseitern umzugehen? 
Einerseits muss man akzeptieren, dass Temperamente unterschiedlich sind und sich nicht jeder gleich entwickelt. Auch wenn das in Gruppen manchmal schwer zu bewältigen ist. Und andererseits gibt es einfach Kinder, die sich dem nicht anpassen können. Die leiden selbst darunter. Dann steht die Frage, ob man einen Rahmen schaffen kann, der diese Kinder aushält. Da gibt es Institutionen wie das Leinerstift in Ostfriesland, wo nicht zehn, sondern drei Kinder mit drei oder vier Erwachsenen zusammenwohnen.

Und wie früh kann man erkennen, dass das nötig ist? 
Systemsprenger ist ja keine Krankheit. Der Begriff beschreibt ein Phänomen, was passiert, wenn ein Kind zu viele Beziehungsabbrüche hat. Warum das Kind diese Beziehungsabbrüche hat, ist von Fall zu Fall ganz unterschiedlich. Es gibt auch Kinder, die nach außen ruhig sind, aber so autoaggressiv, dass man sie vor sich selbst schützen muss. Ungünstig ist vor allem, wenn ein Kind zu früh die Einrichtungen und Pflegefamilien wechseln muss – und das mehrfach. Dann kann das Kind nirgendwo ankommen, weil die einzige Konstante der Wechsel ist.

Mussten Sie darauf achten, dass Benni-Darstellerin Helena Zengel in den Drehpausen wieder aus den extremen Situationen in die Normalität zurückfindet? 
Das wichtigste war die Vorbereitung. Helena und ich hatten sechs Monate miteinander, um sie an die Rolle zu gewöhnen und die Unterschiede zwischen Benni und ihr herauszuarbeiten.

Sechs Monate? 
Sechs Monate vorm Dreh haben wir angefangen, uns regelmäßig ein- bis zweimal in der Woche zu treffen. Wir waren zusammen einkaufen in Secondhand-Läden, um Bennis Klamotten zusammenzustellen. Wir haben Bennis Drachen ausgesucht. Wir haben oft gemeinsam überlegt: Wie würde jetzt Benni reagieren, wie würde Helena reagieren? Damit sie nicht Gefahr läuft, sich mit Benni zu vermischen. Sie war bei den Erwachsenen-Castings dabei, damit sie Bennis Universum kennenlernt – die Ärztin, die Lehrerin, Erzieherin ... Wir haben auch noch einen Probedreh gemacht. Und als wir dann anfingen zu drehen, konnte sie wirklich in die Rolle und wieder hinaus schlüpfen. Sie hat was ganz Tragisches gespielt und konnte nach fünf Minuten Pause wieder lachend über den Flur flitzen, aber genauso schnell wieder in den Charakter rein. Die Kinderbetreuerin am Set hat in den Pausen mit ihr gespielt oder Mittag gegessen. Und meistens nach Drehschluss haben Helena und ich zusammen ein Tagebuch geschrieben.

Als Erinnerung? 
Nein, damit sie es gut verarbeiten kann. Sie schrieb auf, was wir gemacht haben und was sie daran gut oder blöd fand.

Sie sind selbst Mutter, wie haben Sie es ausgehalten zu sehen und sich vorzustellen, was Kindern passieren kann? 
Beim Drehen ging es. Vorher war es zum Teil sehr schwierig. Auch deshalb war es gut, dass ich den Dokumentarfilm gedreht und das Drehbuch für „Systemsprenger“ ein Jahr lang nicht angefasst habe. Ich musste aufpassen, dass sich aufgrund dieser vielen wahren Geschichten mein Weltbild nicht total verdüstert. Man bekommt so eine Negativbrille und sieht nur noch Fälle von Kindesmisshandlung. Ich konnte kaum noch U-Bahn fahren. Das ist gefährlich. Die Welt ist nicht nur schlimm.

Zur Kindererziehung wird gern auch ungefragt Rat erteilt. Hatten Sie das auch im Blick, zum Beispiel bei Bennis Mutter? 
Sie ist eine extrem schwache Mutter. Sie lässt sich von allen sagen, was sie zu machen hat: vom Jugendamt, vom Partner, vom Kind selber. Dass sie kein Gegengewicht sein kann, ist für ein Kind mit Bennis Energie eine fatale Kombination.

Sie liebt Benni und sie hat Angst vor ihr. Wie haben Sie das hinbekommen? 
Es war auf jeden Fall die Rolle, bei der ich mir am meisten Sorgen gemacht habe, wie die Besetzung sein würde. Weil ich nicht wollte, dass man die Schublade aufmacht und weiß, was drinsteckt. Ich wollte, dass es ein sehr widersprüchlicher Charakter ist. Dass es eben nicht verwahrlost aussieht zu Hause – sondern im Gegenteil super ordentlich. Eigentlich sogar zu ordentlich, denn dadurch bekommt es eine gewisse Künstlichkeit, so dass sich außen und innen bei der Mutter sehr unterscheiden. Und dann kam Lisa Hagmeister zum Casting. Ich fand es beeindruckend, mit welcher Würde sie es gemeistert hat, diese Schwäche zu spielen.

Helena kann als Benni schnell auf- und durchdrehen. Dann brechen die Bilder manchmal zusammen, kommt es zu einer Art Farbexplosion. Ist das eine bestimmte Technik? 
Nein, wir haben versucht, Bennis Trauma und ihre Gefühlswelt in Bilder zu übersetzen. Schreiben konnte ich das nicht. Wir haben es beim Drehen ausprobiert, mit Makrooptiken, mit Lampen, die die Farbe wechseln. Es hat uns lange beschäftigt, dafür die richtige Filmsprache zu finden.

Andererseits gibt es poetische Momente, in denen man sich nicht sicher ist, was das Mädchen vielleicht nur träumt. 
Das ist natürlich ein schmaler Grat: Wie surreal darf man werden, wann ist es poetisch und wann wird es albern? Ein reines Drama zu machen, das sich nur in der Realität abspielt, hätte ich schade gefunden.

Haben Sie selbst eine Erkenntnis darüber gewonnen, was dringend geändert werden muss an den Systemen? 
Ich bin wirklich keine Fachfrau. Aber ich glaube, dass gesamtgesellschaftlich soziale Berufe eine größere Anerkennung brauchen, auch pflegende Berufe. Ohne Menschen, die diese Berufe ergreifen, wären wir verloren. Wir schauen immer bewundernd auf Firmenchefs, Anwälte, Menschen an der Börse, aber nicht in den Kindergarten um die Ecke. Dabei sind das ja Berufe, die ganze Menschenleben prägen, die richtungsweisend sind. Und dann muss man auch noch einmal anders über die Aggressivität von Kindern nachdenken.

Wie meinen Sie das? 
Wenn ein Kind im Kindergarten extrem aggressiv ist, wird es von den andern isoliert, muss es die Gruppe wechseln, kommt schon mit einer Akte in die Schule, dann sind die Lehrer alarmiert, was auf sie zukommt. Statt aggressive Kinder zu diskriminieren, müssen wir viel genauer hinschauen, um herauszufinden, was da los ist.

Womit wir wieder beim Personalmangel sind. 
Es betrifft nicht die Erzieher oder Lehrer allein. Man muss auch die Eltern einbeziehen.

Und die anderen Kinder. 
Aber es ist schwierig. Wenn mein Kind in der Schule verprügelt würde, hätte ich keine Lust, den, der es getan hat, zum Spielen einzuladen. Aber es wäre eigentlich der richtigere Weg. Auf Kinder wie Benni wird meistens erst geschaut, wenn es eskaliert. Wenn Teenager irgendwo jemanden zusammenschlagen. Und dann staunt man, dass sie dem Jugendamt längst bekannt waren. Sie haben alle eine Geschichte.

War es schwer, für einen Film mit solch schwierigem Thema einen Verleih zu finden? Die Besucherzahlen sinken, da warten doch alle auf Kassenschlager. 
Es war ganz schön kompliziert. Dank der Berlinale ist es ja gut ausgegangen. Der Film hat eine Aufmerksamkeit gefunden, die ihm sicher auch beim Kinostart hilft. Aber wie viele Zuschauer er bekommt – da traut sich keiner, Vermutungen anzustellen.

Sie gehörten schon früh zum Vorstand der selbstverwalteten Schule Filmarche in Berlin, Sie haben als Schauspielcoach gearbeitet, also Erfahrung mit dem Medium, die über Ihre eigenen Filme hinausgeht. Hätten Sie Ideen, wie man das Interesse in der Gesellschaft am Kino wieder befördern könnte? 
Ich glaube, es hat viel mit Erziehung zu tun. Man muss mit Kindern ins Kino gehen, auch mit Schulklassen. Damit die früh diese Erfahrung haben, wie es ist, gemeinsam in einem dunklen Raum zu sitzen und die Geschichten vorn auf sich wirken zu lassen. Wenn man Kino als Kulturform akzeptiert, müsste es nicht nur Musikunterricht geben, sondern auch Filmunterricht. Man müsste sich überhaupt in den Schulen stärker mit Medien auseinandersetzen, auch mit Nachrichten – also den kritischen Umgang mit bewegten Bildern lehren.

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