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„Nope“-Regisseur Jordan Peele: „Wir Menschen sind einfach das Schlimmste“

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Von: Daniel Kothenschulte

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„Jetzt sind wir an einem historischen Punkt, an dem ich meine Geschichten erzählen kann“. Daniel Kaluuya, Brandon Perea und Keke Palmer in „Nope“. Foto: Universal Pictures.
„Jetzt sind wir an einem historischen Punkt, an dem ich meine Geschichten erzählen kann“. Daniel Kaluuya, Brandon Perea und Keke Palmer in „Nope“. © Universal Studios

US-Regisseur Jordan Peele spricht im Interview über seinen philosphisch-lustvollen Science-Fiction-Blockbuster „Nope“ – und Trump-Fans, die von seinen subversiven Filmen überrascht werden.

Der dritte Film des Oscar-Preisträgers Jordan Peele kommt in die Kinos: ein Blockbuster wie kein anderer. Gedreht im hochauflösenden analogen Imax-Format, führt er in ein Zwischenreich zwischen Western und Science-Fiction. Und in ein Niemandsland zwischen dem von weißen Mythen geprägten Hollywood und der verdrängten, überschriebenen Geschichte der Schwarzen. Zentraler Spielort ist eine Ranch, die ein afroamerikanischer Pferdezüchter betreibt, um Hollywood mit dressierten Tieren zu versorgen. Schon sein Urgroßvater, ein Jockey, spielte eine (vergessene) Rolle in der Mediengeschichte – als Modell des Fotopioniers Edward Muybridge und seiner Bewegungsstudien. Als der Rancher ein rätselhaftes Himmelsobjekt beobachtet, trifft ihn ein herabfallendes Objekt tödlich. Eher glücklos übernehmen seine beiden Kinder das Geschäft und verkaufen Tiere an einen Vergnügungsparkbesitzer. Auch dieser ehemalige Kinderstar hat eine Geschichte als Randfigur Hollywoods, doch nun lockt das große Geschäft: Was wären Bilder des unbekannten Flugobjekts wert, das wie ein Auge über der kalifornischen Wüste auftaucht? Das Problem: Was es sieht, das verschlingt es, und für digitale Kameras bleibt es unsichtbar. Selten hat ein Blockbuster auf so kunstvolle Weise das „Kino der Attraktionen“ und Fragen der Repräsentation selbst zum Thema gemacht.

Herr Peele, Ihren Film zu sehen, hat mich daran erinnert, wie ich mit zwölf Jahren allein ins Kino gefahren bin, um „Unheimliche Begegnung der Dritten Art“ zu sehen. Ich war überwältigt von dem schönen Rätsel vor mir auf der Leinwand.

Das ist eine ganz wichtige Lebensphase, da ist man zum ersten Mal in der Lage, einen Erwachsenenfilm zu verstehen und sich zu eigen zu machen. Das ist prägend. Für mich waren das: „Glory“, „Thelma und Louise“ und „Aliens“ – obwohl ich den letzteren nicht im Kino sah. Es ist ein großes Kompliment.

Das erste Rätsel Ihres Films ist das finstere Bibelzitat am Anfang: In Nahum, 3.6 droht Gott: „Ich will Unrat auf dich werfen und dich schänden und ein Schauspiel aus dir machen.“ Worauf wollten Sie hinaus?

Der Begriff des Spektakels war schon am Anfang im Mittelpunkt dessen, was ich herausarbeiten wollte. Und bei dieser Analyse fand ich mich schnell vor meiner eigenen Haustür wieder, der Filmindustrie in Hollywood. Dieses Zitat habe ich zu allerletzt hinzugefügt, als mir klar wurde, was dieser Film ist: Eine Feier des Spektakels und des Kinos, aber er ist auch ein Stück Aufklärung über diese Stadt. Diese Drohung Gottes, diese Bestrafung unserer Sünden für die Monetarisierung des Spektakels. Und im Wissen darum, dass am Ende des Films eine lustvolle Befreiung von dieser Drohung stehen würde.

Ihr Bild von den außerirdischen Besuchern ist das eines Auges im Himmel. Was es sieht, das verschlingt es. Was für ein starkes Bild für das Kino und das zentrale Thema Ihres Films, die Repräsentation. Die Darstellung ethnischer Minderheiten war in Hollywood ja jahrzehntelang von Missrepräsentation geprägt.

Die Geschichte des „zum Spektakel machen“ und die der Auslöschung hängen eng zusammen. Es ist die Geschichte der Schwarzen. Jetzt sind wir an einem historischen Punkt, wo ich meine Geschichten erzählen kann, meine Alpträume und schwarze Gesichter ins Zentrum dieser Geschichte stellen. Ich musste mich mit dieser Dichotomie von Spektakel und Auslöschung auseinandersetzen aus der Perspektive dessen, der ein Spektakel für Menschen kreiert.

Dazu entwickelt Ihr Film eine eigene betörende Ästhetik, die uns oft Gesehenes neu erscheinen lässt: Wüste, Himmel, Weiten, die wie leere Leinwände wirken.

Es gibt einen Zusammenhang zwischen Raum und Zeit, vielleicht auch Geduld. Sagen wir: Space and Pace. Als wir diesen Film drehten, wussten wir, dass wir selbst das Spektakel genießen mussten, das sich vor uns auftat. Und das man üblicherweise zum Hintergrund degradiert. Hier ist mein eigentliches Credo: Wir Menschen sind einfach das Schlimmste. Wir machen die schlimmsten Dinge und lassen sie überall liegen. Im Reich der Tiere sind wir die Schlimmsten.

Das passt zur Ironie, die in Ihre Filme bei aller Schärfe stets auch etwas Leichtes bringt. Hier ist es die Figur des alten Kameramanns, der das Ufo mit analoger Filmtechnik einfangen will – und der für eine gute Aufnahme sogar sterben würde.

Diese Figur, die Michael Wincott spielt, sucht nach dem Unmöglichen im Film. Er hat seine Probleme, aber repräsentiert auch Herz und Seele des Kinos. Und warum wir alles daran setzten, Spektakel zu produzieren, obwohl wir wissen, dass es böse ist. Ich bin wie dieser Typ.

Zur Person

Jordan Peele (43) gewann mit seinem Debütfilm „Get Out“, einen Drehbuch-oscar. Auf dieses Horrorstück um rassistische Verbrechen liberaler Weißer folgte der politische Thriller „Us“ über soziale Ungleichheit. Nun überrascht der Filmemacher mit seinem innovativen Blockbuster „Nope“. afp

Sie würden dafür sterben, ein Alien vor die Linse zu kriegen?

Das müsste sich erst herausstellen, aber ich wollte mich irgendwie in diesem Film selbst repräsentieren.

Es scheint, als hätten Sie die amerikanische Filmgeschichte zur richtigen Zeit betreten. Erst seit wenigen Jahren öffnet sich Hollywood afroamerikanischen Künstlern und Themen.

Das Timing war gut. Ich konnte tun, was ich gemacht habe, sobald ich selbst wusste, was ich tun wollte. Zehn Jahre früher wäre das wohl nicht möglich gewesen. Aber da war ich auch noch nicht fertig.

Lange war „schwarzes Kino“ auf kleine Budgets beschränkt, was es marginalisiert hat. Hat die amerikanische Filmindustrie den Rassismus endlich überwunden?

Mir macht man es jedenfalls nicht schwer, Filme zu machen. Ich bin an einem idealen Ort und meine Hoffnung ist, Filme zu machen, die beweisen, dass Geschichten Geschichten sind, unabhängig von der Hautfarbe, wenn sie gut gemacht sind. Man kann sich mit einer Hauptfigur identifizieren, egal wer es ist. Aber was die Vielfalt angeht, bin ich noch nicht zufrieden.

Wir stehen an einem Wendepunkt der Filmgeschichte. Die Streamingdienste locken auch mit diverseren Angeboten. Aber das Kino scheint nur im Blockbuster-Format noch Massen anzuziehen. Sie haben ja nun bewiesen, was damit möglich ist, aber wie sehen Sie die Zukunft?

Die Zeiten sind großartig, weil es viele Angebote gibt, Geschichten zu erzählen. Ich bin passioniert, was Kino angeht. Vor ein paar Jahren hat man gesagt, es kommt vielleicht gar nicht mehr zurück, jetzt heißt es, nur als Blockbuster. Ich glaube weder noch: Kino wird weiterhin eine lebensfähige Industrie sein. Es hat einfach etwas, in ein Kino zu laufen und sich noch an der Kasse für einen anderen Film zu entscheiden.

Sagte denn niemand zu Ihnen, als Sie „Get Out“ gedreht haben: Vorsicht, jetzt verscherzen wir es uns mit einem Schlüsselpublikum für Horrorfilme, nämlich weißen jungen Männern in den Südstaaten?

Ich bin davon überzeugt, dass die Wahrheit diejenigen erreichen wird, die nach ihr suchen. Wenn einem die Wahrheit egal ist, und man meine Filme nicht mag, ist mir das egal. Tatsächlich habe ich das Gefühl, dass Trump-Wähler gar nicht wissen, was sie von meinem Film halten sollen, denn es geht darin ja um den liberalen Rassismus. Rassisten, die meine Filme lieben, wissen plötzlich gar nicht mehr, was sie machen sollen (lacht).

Interview: Daniel Kothenschulte

US-Filmregisseur und Oscar-Preisträger Jordan Peele.
US-Filmregisseur und Oscar-Preisträger Jordan Peele. Foto: AFP. © AFP

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