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Alexander Khuon und Anna Brüggemann in der Episode mit dem Baby. Foto: Flare Film/Filmwelt
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Alexander Khuon und Anna Brüggemann in der Episode mit dem Baby.

„Nö“

„Nö“ von Dietrich Brüggemann im Kino: Filmische Hausapotheke

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Dietrich Brüggemanns Beziehungskiste „Nö“ ist das im deutschen Kino seltene Beispiel einer experimentellen Komödie.

Es kommt nicht oft vor, dass deutsche Filme auf bedeutenden ausländischen Festivals Hauptpreise gewinnen. Man glaubte Dietrich Brüggemann seine Überraschung, als er im vergangenen Monat den Regiepreis im tschechischen Karlovy Vary erhielt. Schließlich lebt auch dieses Beziehungs-, Familien-, ja Ganz-Lebens-Drama wie die meisten seiner Filme ganz entscheidend von zwei Dingen, die angeblich ungerne außer Landes reisen: Sprache und Humor.

Die formale Beschränkung auf 15 in Plansequenzen aufgelöste Szenen gibt dem Spiel mit Worten erst recht eine Bühne. Das fängt schon an mit dem viel zu selten in der Schriftsprache genutzten Zwei-Buchstaben-Wort des Titels. „Nö“ ist die Antwort der von Anna Brüggemann gespielten Dina auf den Vorschlag ihres Freundes Michael (Alexander Khuon), es mal mit Trennung zu versuchen. In der letzten Szene wird sich dieser Dialog noch einmal in umgekehrter Richtung wiederholen. Aber frei nach Wolfgang Borchert gibt es in lebensbedrohlichen Situationen eben nur eins: „Sag Nö!“

Zwischen den Szenen der Paarbeziehung, die jeweils durch lange Zeiträume getrennt sind, zieht das Leben auch andere Register. Ein herrisch-patriarchischer Vater (Wolfgang Zischler) verabschiedet sich ungnädig aus dem Leben, und ein Patient auf dem Operationstisch (Rüdiger Vogler) redet Doktor Michael ins Gewissen. Was für ein verschmitzter Coup die beiden Hauptdarsteller aus Wim Wenders’ vielleicht bestem Film noch einmal zusammen zu besetzen, wenn auch in getrennten Szenen. So projiziert man beim Zuschauen unwillkürlich dessen Titel auch auf dieses Werk: „Im Lauf der Zeit“.

Auch Dina erhält in ihrem Beruf als Schauspielerin unverhoffte Lebenshilfe. Bei einem psychologischen Bühnenseminar wird sie von einer Pina-Bausch-haften Dozentin dazu gedrängt, der ungeliebten Seite ihres Ichs den Kampf anzusagen. Brüggemann untermalt diese eindringliche Reflexion über den mitunter missbräuchlichen Zwang zur Selbstentäußerung in den performativen Künsten mit eigener Filmmusik. Schon bei seinen „Tatorten“ reservierte er gern einen Teil des begrenzten Budgets für eine Orchestermiete.

Beschränkungen regen an

Unter den Filmemachern seiner Generation ist Brüggemann eine seltene Mehrfachbegabung. Imponierend ist hier auch ein klassisch komponiertes Kunstlied, das bei einer Beerdigungsszene erklingt. Vielleicht haben es Filmemacher mit weniger Talenten leichter, den Wunsch nach homogenen, ästhetisch stringenten Kunstwerken zu erfüllen. Vielleicht auch sucht er deshalb immer wieder nach formalen Beschränkungen, an denen man sich reiben kann.

Im Dialog mit den Genreerwartungen der „Tatort“-Reihe gelangen ihm seine größten Publikumserfolge, für den minimalistischen Kunstfilm „Kreuzweg“ gewannen Anna und er den Berlinale-Drehbuch-Bären.

Etwas aber hindert die Brüggemanns zugleich daran, an ihren Filmen so lange zu feilen, bis die Ecken und Kanten zu gefälligen Rundungen abgeschliffen würden. Auch diese 15 Szenen besitzen nicht alle die gleiche Qualität, nicht jeder Witz zündet, manche Dialoge wirken überorchestriert. Zudem führt die episodische Form unwillkürlich dazu, dass die Szenen wie ihr eigenes Kurzfilmfestival miteinander in einen Wettbewerb treten. Aber was man dafür bekommt, ist etwas Einzigartiges im deutschen Kino, eine experimentelle Filmkomödie. Ein Kino, das polarisiert, aber niemanden von vornherein ausschließt.

Als Autorenpaar wandeln die Brüggemanns auf den Spuren von Erich Kästner, Hans Fallada oder Thomas Theodor Heine. In ihren filmischen Hausapotheken sind die Heilmittel neben bitteren Pillen und Placebos versteckt. Das ist nicht die schlechteste Kinotherapie. Irgendetwas hilft immer. Auch wenn nicht immer gleich klar ist, wogegen.

Nö. Deutschland 2021. Regie: Dietrich Brüggemann. 119 Min.

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