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Und noch ein Requiem

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Ein Kinodokumentarfilm hält Augenblicke der letzten Castorf-Saison an der Volksbühne fest.

Der Dokumentarfilm mit dem geradezu autoaggressiven plumpen und viel zu langen Titel: „Macht das alles einen Sinn? Und wenn ja – warum dauert es so lange?“ erzählt von der Berliner Volksbühne, die es nicht mehr gibt. Mit zwei Stunden ist das Werk gar nicht mal so lang, und der Sinn erschließt sich auf den ersten Blick. Es ist ein Requiem in Bildern auf die Volksbühne von Frank Castorf und Bert Neumann. Ein Abspann auf den letzten großen Castorf-Flow mit Ausschnitten, Seiten- und Kulissenblicken, Takeouts, Probenbeobachtungen, aber ohne Voice-over-Kommentar und ohne Interviews. Es erzählt und feiert sich ja auch wirklich alles von selbst, wenn sich eine Legende erst einmal aus der Diesseitigkeit gelöst hat und in die Hall of Fame der Verklärung aufsteigt. Jedes der Bilder, jede lange Einstellung, jeder kurze Schnitt auf ein Detail fühlt sich an wie ein Beleg der Erinnerungen, über die sich jedoch schon beim Miterleben jener Abschiedskaskade der samtene Edelschimmel der Nostalgie legte.

Andreas Wilcke, der mit „Die Stadt als Beute“ (2016) einen Blick auf die sozialen Verwerfungen des entzündeten Immobilienmarktes Berlins geworfen hat, war mit der Kamera dabei, als die letzte Saison der Volksbühne unter Frank Castorf lief. Eine künstlerisch überwältigende, vom Abschiedsschmerz angeheizte Spielzeit, in der der Meister nach einem 25-Jahre-Marathon noch einmal das ganze Haus zu einer gigantischen Selbstinszenierung hochriss.

Das ging von seinen großen Volksbühnen-Würfen: „Die Kabale der Scheinheiligen. Das Leben des Herrn de Molière“, „Die Brüder Karamasow“ und „Faust“, die jeweils mit tränenreichen Applausorgien verabschiedet wurden, bis hin zu seinem verstörenden Auftritt beim Abschiedsfest im Sommer 2017, wo er eine Militäruniformjacke trug, von Feinden und Freunden, von gewonnenen Schlachten und verlorenen Kriegen schwadronierte und Regen herbeizauberte.

Macht das alles einen Sinn? Regie: Andreas Wilcke. Deutschland 2019.

Aber natürlich war das alles auch mehr als die Feier eines Genie-Egos, das sich in jeder seiner Inszenierungen – auch heute noch – selbst porträtiert und gerade durch diese scham- und schonungslose Ich-Perspektive Geschichte und Gegenwart, Kunst und Wirklichkeit zerpflückt. Hinter ihm versammelten sich die Schauspieler, die Techniker, die Gewerke, die sich aus eigenem Antrieb in die Erschöpfung trieben – die einander anstachelten und beim Sprint über die Ziellinie die letzten, in den Tiefen der seelischen Substanz verborgenen Reserven verpulverten, als gäbe es kein Morgen mehr (das inzwischen längst schon wieder ein Gestern ist).

Das alles hält der Film, der in der Konkurrenz gegen die vom RBB koproduzierte und entsprechend fernsehmundgerechtere Volksbühnendokumentation „Partisan“ von Lutz Pehnert aus der Kurve getrieben wurde, mehr für die Zeitgenossen als für die Nachwelt fest. Und das macht ihn kostbar. Man kann den seliggetrunkenen Castorf mit Weißwein-Plastebecher im Kreis der abgerockten Schauspieler hinter den Kulissen auf das späte Ende eines „Karamasow“-Gastspiels warten sehen.

Schon bei der ersten Einstellung, in der Alexander Scheer sich für eine Probe mit „It’s All Over Now, Baby Blue“ einsingt und Martin Wuttke dazukommt, wird einem anders. Man sieht den Vorschlaghammer auf den Bert-Neumann-Asphalt knallen, wie der Chefrequisiteur eine Glasharfe stimmt oder ein Schauspiel aufstellt, wie Marc Hosemann, Martin Wuttke und Alexander Scheer hinterm Vorhang hibbeln, wie Castorf bei der Probe meckert oder bei einer Konzeptionsprobe seine Exkurse entrollt. Aber auch die Wut steigt wieder hoch, wenn der längst gescheiterte Castorf-Nachfolger Chris Dercon vor der Belegschaft oder auf irgendeinem kulturpolitischen Podium von Interdisziplinarität und Offenheit schwafelt und die Volksbühne samt ihrem im Sommer 2015 gestorbenen Chefdesigner Bert Neumann als Marke vereinnahmt.

Man nehme sich was zu trinken und Freunde mit, die dabei waren, und zelebriere den Kinobesuch als feuchte Totenmesse. Und dann gehe man bald mal wieder ins Theater. Denn das lebt ja weiter.

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