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Sabine (Katharina Schüttler, M.) in ihrem Paradies, links ihr Mann Bernd, Jan Josef Liefers.
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Sabine (Katharina Schüttler, M.) in ihrem Paradies, links ihr Mann Bernd, Jan Josef Liefers.

„Tod von Freunden“ im ZDF

Noch einmal und noch einmal

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Die ZDF-Serie „Tod von Freunden“ kann mit dem Unglück mehr anfangen als mit der vielen Zeit, die sie dafür hat.

Die Serie „Tod von Freunden“ wirft wie jede intensive Geschichte das Publikum auch auf sich selbst zurück. Das Ausmaß zum Beispiel, in dem es hier um Lüge und Wahrheit geht, zeigt doch eine seltsame Seite dieser anscheinend so klaren Angelegenheit. Was hat man noch gleich genau von der Wahrheit auf Teufel komm raus? Sagen die, die anderen ihre Lügen verübeln, ihrerseits die Wahrheit? Wer, fragen wir nämlich ferner vorsichtig und verschwiegen, steht für den schlimmsten, den allerschlimmsten Betrug in dieser Geschichte und ist doch trotzdem der Vorwurf in Person? Und wäre es nicht insgesamt nützlicher, sich mehr umeinander zu kümmern, als sich im Kampf um die moralische Deutungshoheit zu verzehren? Immerhin: Alle bekommen tüchtig auf die Nase.

Friedemann Fromm, der Autor und Regisseur, hat fast acht Stunden Zeit, die Handlung auf einem selbstgewählt engen Feld zu entfalten, räumlich wie zeitlich. Denn „Tod von Freunden“ schreitet kaum voran, stattdessen wechselt Fromm acht Mal die Perspektive, um jeweils aus der Sicht einer weiteren Figur zu erzählen, was Schreckliches passiert ist und wie es dann weitergeht. Fromm geht nicht zu schematisch vor, aber man lernt die jeweiligen Figuren und ihre Geheimnisse besser kennen (Geheimnisse: so viel zum Thema Wahrheit).

Solche Konstellationen sind grandios und tückisch zugleich. Grandios, weil sie im Idealfall mit immer neuen Überraschungen aufwarten und vor allem aus jeder Perspektive zwingend und einleuchtend wirken lassen, was dann in der nächsten Runde sich wieder auflöst und relativiert. Tückisch, weil sie eben auch ständig etwas nachlegen müssen.

Viele Szenen werden sich ja zwangsläufig wiederholen. Wenn sie dabei nicht jedes Mal oder wenigstens oft in einem neuen Licht erscheinen, weil die nächste Perspektive eine ganz andere Deutung nahelegt, ist die Wiederholung bloß eine Wiederholung. Vieles in „Tod von Freunden“ ist bloß eine Wiederholung. Sie dient vielleicht der Orientierung (ah, an dieser Stelle sind wir), denn Fromm verzichtet darauf, die zeitliche Situation immer glasklar zu halten. Aber Orientierung ist noch keine Spannung.

Die Spannung in einem so breit angelegten Tableau, das so viel Zeit hat und sich auch so viel Zeit nimmt, Szenen immer wieder und fast, aber nicht ganz gleich zu zeigen, diese Spannung muss im Grunde atemberaubend sein. Nicht weil man im engeren Sinne auf Tätersuche wäre (es war doch ein Unfall, oder?), aber weil der Aufwand die Mühe wert sein sollte. Man will überrascht und frappiert werden. Das kann „Tod mit Freunden“ nicht einlösen. Es spielt, es sei raffiniert, dabei rückt es in erster Linie selbst nicht direkt mit der ganzen Wahrheit heraus, die in acht Schachteln stecken, ohne ernstlich ineinander verschachtelt zu sein. In zweiter Linie verspricht es, dass das noch nicht alles sein kann. In der Tat.

Interessant: Das ZDF stellt am 7. Februar direkt alle Teile auf einmal in die Mediathek, aber in diesem Fall könnte es besser sein, sich die vier Doppelfolgen auf die nächsten Sonntage zu verteilen, wie es in der Programmzeitschrift steht. Dann sind die Wiederholungen sicher nicht so penetrant.

Wahrheit und Lügen: Eine Serie, in der Menschen dermaßen glücklich sind und sich dessen bewusst und in ihr Glück auch ganz verliebt, kann sich für diese Menschen nur übel entwickeln. Wehe dem, der glaubt, er wäre im Paradies, eine Grundkenntnis, die sowohl durch Bibellektüre als auch durch regelmäßigen TV-Konsum erworben werden kann, die hier allerdings anscheinend niemandem bekannt ist.

Das Paradiesische wird stattdessen beschworen. Es ist auch schön dort, dafür sorgt die Umgebung, dafür sorgen Fromm und sein Team mit ästhetisch ansprechenden Bildern und ausgesuchten Interieurs. Zwei Familien, man spricht deutsch und dänisch, wohnen auf einer dänischen Insel (Ochseninsel heißt sie in echt) in der Flensburger Förde. Man steht sich nah wie eine Großfamilie und lebt auch so.

Katharina Schüttler und Jan Josef Liefers, Sabine und Bernd, gehören zusammen, Lene Maria Christensen und Thure Lindhardt, Charlie und Jakob, sind das andere Paar. Beide Paare haben jeweils zwei Kinder im Teenageralter: Charlies und Jakobs Kinder heißen Cecile und Emile, Milena Tascharntke und Oskar Belton. Sabines und Bernds Sohn Karl, Anton Petzold, ist Autist, sein Bruder Kjell, Lukas Zumbrock, geht bei einem Segelwochenende nachts über Bord.

Der Unfall ist der Ausgangspunkt für alles. Man ahnt allerdings, und Fromm bestätigt es nun nach und nach: Das schreckliche Ereignis ist nicht der Anfang vom Ende der Lügen, sondern bereits eine Folge davon. Zunächst sind es die Erwachsenen, die in vielerlei verwickelt sind: eine Antifa-Vergangenheit (so ist das bei Erwachsenen von heute), in die auch ein Kapitalverbrechen gefallen ist (wird das nicht noch jetzt eher als Kavaliersdelikt behandelt?); private Wirrungen, die im Nachhinein eine fatale Note bekommen. Auch aktuell ist viel los, über das nicht gesprochen wird.

Wenn „Tod von Freunden“ etwas gelingt, dann ist es erstens zu dokumentieren, wie gewaltig die Abgründe sich weiten können, wenn Dinge zu lange nicht besprochen werden. Jetzt richtet Fromm die Scheinwerfer darauf.

Zweitens führt Fromm vor, wie Kunst nicht immer weiterhilft. Die meiste Kunst, die zu sehen ist – Sabine, Cecile und Kjell, als er noch da ist, tanzen, Jakob ist Maler und Bildhauer –, wirkt bescheiden. Drittens führt er auch vor, wie Achtsamkeit sowie Körpernähe nicht immer weiterhelfen. Diese Last-Minute-vor-Corona-Produktion zeigt Umarmungen bis zum Abwinken.

Vielleicht erwartet man leicht zu viel von einem solchen Projekt. Eine zu große Erwartungshaltung einer Serie gegenüber ist aber weniger gefährlich als eine zu große Erwartungshaltung dem Leben gegenüber. Wie man sich nun ausführlich anschauen kann.

„Tod von Freunden“, ZDF, So., 22.15 Uhr, ebenso an den drei darauffolgenden Sonntagen. Außerdem von So. an komplett in der ZDF-Mediathek.

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