1. Startseite
  2. Kultur
  3. TV & Kino

Noah Baumbachs „White Noise“ und Todd Fields „Tár“: Philharmonisches Rauschen

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Daniel Kothenschulte

Kommentare

Cate Blanchett als Lydia Tár.
Cate Blanchett als Lydia Tár. © Focus Features

Zeitkritik im Blockbuster-Gewand: Noah Baumbachs „White Noise“ und Todd Fields „Tár“ mit Cate Blanchett.

Als Don DeLillo 1985 seinen Roman „Weißes Rauschen“ veröffentlichte, schneite es nur noch selten auf Fernsehgeräten. Auch in Deutschland war der Sendeschluss weitgehend abgeschafft, und das analoge Zeitalter bereitete sich auf sein Ende vor. Dennoch gilt der US-Autor heute als Prophet der Mediengesellschaft, deren Informationsflut er in all ihrer Widersprüchlichkeit voraussah.

Diesen Roman heute mit all seiner visionären Ironie zu verfilmen und ihn gleichwohl in seiner historischen Spielzeit zu belassen: Es ist ein wenig, als verfilme man Orwells Zukunftsroman 1984 im Stil der vierziger Jahre, als er entstand. Regisseur und Drehbuchautor Noah Baumbach geht noch einen Schritt weiter. Er nutzt seinen Mehrjahresvertrag, den ihm der Streamingdienst Netflix – heute eines der mächtigsten Filmstudios der Welt – beschert hat, für einen wahren Monumentalfilm. Man sieht selten Gesellschaftssatiren im Blockbuster-Format. Für das Filmfestival Venedig, das gerne mit Hollywood eröffnet, ist es ein gefundener Festschmaus. Aber ist es wirklich ein Kandidat für den Goldenen Löwen?

Adam Driver spielt die zentrale Figur des College-Professors und Hitler-Experten Jack Gladney, den mit seiner von Greta Gerwig gespielten Ehefrau Babette eine manische Todesangst verbindet. Das macht beide Figuren nicht weniger zu liebenswerten Familienmenschen. Doch während sich Jack mit nerdiger Wissensakkumulation über Forschungsthemen wie „Hitlers Hund“ ablenkt, gerät Babette in den Einfluss einer experimentellen, wenn auch völlig wirkungslosen Droge. Schlimmer noch, sie lässt sich auf eine Affäre mit dem dubiosen Beschaffer des Stoffes ein. Bevor der vor Eifersucht rasende Jack ausgerechnet Lars Eidinger in dieser Rolle gegenübersteht, geschehen aber noch andere Katastrophen. Am spektakulärsten ist die eines Chemieunfalls mit Massenevakuierungen, die Baumbach mit angemessenem Statistenaufwand auf die Breitleinwand bringt.

Wie im Buch ist dies der zentrale Wendepunkt, dessen psychologische Dimension hinterm Spektakel nicht vergessen wird. Was wird aus Paranoikern, wenn ihnen das Schicksal plötzlich recht gibt? Zugleich schlägt die Stunde der selbsternannten Deuter. Hier nutzt Baumbach das Netflix-Medium tatsächlich für sehr gegenwärtige Medienkritik. Während sich das Nachrichtenfernsehen mit kläglichen Beschwichtigungsformeln überflüssig macht, erwacht im Teenager-Sohn der Familie so etwas wie ein Influencer: Charismatisch hält er den Evakuierten Vorträge aus zusammengereimten Informationssplittern.

Es ist fraglos ein großer, aber nur selten auch großartiger Film. Baumbach, dieser Meister süffisanter Dialoge, verlässt sich zu selten auf das Bild. Sehen möchte man ihn trotzdem: Für ein hinreißendes Vortragsduell, bei dem sich Driver und Don Cheadle, der den Elvis-Experten am College spielt, mit Nerd-Wissen übertreffen; für ein sinnlos-schwelgerisches Ballett im Supermarkt; und vor allem für Barbara Sukowa als atheistische Nonne in einem deutschsprachigen Kloster.

Wer hat überhaupt gesagt, das deutschsprachige Kino glänze am Lido mit Abwesenheit? Auch Cate Blanchett spielt in „Tár“, der zweiten Gesellschaftssatire im Wettbewerb, ganze Szenen auf Deutsch. Filmemacher Todd Field, der für jeden seiner bisherigen zwei Filme, „In the Bedroom“ und „Little Children“, Oscar-Nominierungen erhielt, schrieb ihr die Rolle einer in Berlin engagierten Dirigentin auf den Leib. Ohne ihre Zusage, sagt er, hätte es seinen ersten Film seit sechs Jahren nie gegeben; Nina Hoss spielt ihre Lebenspartnerin als Erste Geigerin des Orchesters.

Das Drama elektrisierte zweieinhalb Stunden lang das Publikum – und hinterließ es gespalten. Offensichtlich angeregt durch den Missbrauchs-Skandal um den Dirigenten James Levine und andere MeToo-Fälle, werden ihre Muster auf eine weibliche Karriere übertragen. Damit sucht Field selbst die Kontroverse – schon die Darstellung einer lesbischen Paarbeziehung durch zwei heterosexuelle Schauspielerinnen steht in Konflikt zu Diversitäts-Vorgaben – die selbst heftig umstritten sind. Ebenso zu erwarten sind Einwände gegen eine solche Handlungskonstruktion aus der Feder eines männlichen Filmemachers. Doch schon in der ersten Szene lässt Field keinen Zweifel daran, dass wir es eben mit nichts anderem als einer Konstruktion zu tun haben. Ähnlich Ruben Östlunds Satire „The Square“ zielt dieser Film auf einen elitären, scheinheiligen und von kommerziellen Interessen bestimmten Kulturbetrieb, der Verfehlungen begünstigt.

Es beginnt mit einer akademischen Lobpreisung von Blanchetts Filmfigur, der gefeierten Dirigentin Lydia Tár, und einem in epischer Breite geführten Interview, in dem sie sich in die Nähe des großen Leonard Bernstein rückt, als wäre er ihr Mentor gewesen. Könnte das sein? Bernstein starb 1990. Der Film ist reich an solchen, mit Bedacht gesetzten Irritationen. Diese Chefdirigentin eines Orchesters, das den Berliner Philharmonikern nachgezeichnet ist, wird mit Ehren überschüttet, und Professorin am New Yorker Juilliard-Konservatorium ist sie auch. Bei einer Unterrichtsstunde brüskiert sie einen Studenten, der aus fragwürdigen ethischen Gründen die Werke Bachs ablehnt.

Hier braut sich bereits etwas zusammen, aber noch sind wir auf ihrer Seite. In den Hinterzimmern der Berliner Philharmonie betreibt sie freilich ein anderes Spiel. Sie entlässt einen langjährigen Mitarbeiter und macht einer zeitweiligen Geliebten Hoffnung auf den Posten. Scheinbar großzügig verhilft sie zugleich einer jungen Cellistin zum großen Solo-Auftritt mit ihrem Paradestück, Elgars Cello-Konzert. Doch da geistern ähnliche Fälle von Begünstigung schon durch die New Yorker Presse.

Man erkennt vieles davon wieder, doch Field zieht immer wieder verfremdende Register, die das Vertraute anders klingen lassen. Oder eine Atmosphäre Dario-Argento-haften Horrors streifen. Dabei spiegelt seine eigene Virtuosität die Arbeit auf dem Dirigentenpodium. Dass sich Blanchetts Filmfigur unaufhaltsam in eine überwirkliche Disney-Schurkin verwandelt, ist nur ein weiterer Verfremdungseffekt. Nein, dieser verstörend-faszinierende Film gerät nie in Realismus-Verdacht. Und das sollte ihn vor schematischer Ablehnung schützen.

Auch interessant

Kommentare