1. Startseite
  2. Kultur
  3. TV & Kino

Pianist Igor Levit über Porträt „No Fear“: „Mir erlaubt dieser Ort die allergrößte Form von Angstfreiheit“

Erstellt:

Von: Daniel Kothenschulte

Kommentare

„Ich muss mich nicht um Haltung bemühen beim Musikmachen“, sagt Igor Levit – hier in Regina Schillings Dokumentarfilm „No Fear“. Foto: Zero One Film
„Ich muss mich nicht um Haltung bemühen beim Musikmachen“, sagt Igor Levit – hier in Regina Schillings Dokumentarfilm „No Fear“. Foto: Zero One Film © Zero One Film

Pianist Igor Levit über den Porträtfilm „No Fear“, die Notwendigkeit leidenschaftlicher Kunstvermittlung und die Grenzen deutscher Erinnerungskultur.

In ihrem außergewöhnlichen Dokumentarfilm „Igor Levit – No Fear“ gelingt der Dokumentaristin Regina Schilling ein bemerkenswertes Doppelporträt des Pianisten: Während sie die Arbeit des Interpreten mit angemessener Geduld sichtbar werden lässt, begleitet sie diesen zugleich bei seinen politischen Interventionen. Tatsächlich erwächst beides aus der gleichen, bewundernswerten Leidenschaft. Selten wurde klassische Musik im Kino so klug vermittelt, selten wurde der Überlebenskampf der Kultur in der Corona-Krise so eindringlich beschrieben.

Igor Levit, Kultur war während der Lockdowns plötzlich keine Selbstverständlichkeit mehr, umso wichtiger wurde Ihre Vermittlung. Sie machen das, wie der Film zeigt, besonders leidenschaftlich, mich erinnern Sie darin an Leonard Bernstein ...

Vielen Dank erst mal, was die Vermittlung angeht, haben die Regisseurin Regina Schilling und ich häufig über Leonard Bernstein gesprochen. Wie wohl für jeden, der klar bei Verstand ist, sind Bernstein und seine „Young People’s Concerts“ ein Vorbild. Selbstverständlich ist er das. Aber wir leben in anderen Zeiten. Wir haben ungeheure Legitimationsprobleme zurzeit, und es ist eine besonders schwierige Aufgabe in dieser politischen Gemengelage. Es geht einerseits um das Erneuern und anderseits um das Bewahren. Das geht dem Kino genauso. Wenn wir Orte nicht schaffen zu bewahren, können wir uns das Erneuern sonst wohin tun. Wenn wir aber nicht erneuern, werden die Orte irgendwann obsolet. Ich sehe meine wichtigste Aufgabe nach außen hin nicht darin zu erklären, wie mein Geheimnis funktioniert, sondern zur Teilhabe zu begeistern: Hört euch das Zeug an! Erfahrt es! Erlebt es! In dieser Art Vermittlung sehe ich meine wenn nicht wichtigste Aufgabe.

Warum nicht das Geheimnis erklären, wie Sie es machen? Ist das für Sie unantastbar? Ich kenne Schauspieler, die so intuitiv arbeiten, dass sie geradezu fürchten, darüber zu sprechen.

Ehrlich gesagt kann ich mit dem Schauspielerkollegen nur übereinstimmen. Ich wüsste gar nicht, was ich erzählen soll, wie ich den Finger auf die Taste lege. Ich erzähle auch nicht, wie ich an einem Stück arbeite, es sei denn, ich werde explizit danach gefragt. Und auch da gibt es keine pauschalen Antworten. Für mich ist die Erzählung über die Begeisterungsebene eine viel wichtigere.

Gibt es auch einen Punkt dabei, der für Sie selbst tabu ist? Zum Beispiel Ihre Selbstsicherheit in der Performance, die könnte ja durch zu viel Reflexion in Gefahr geraten. Immerhin heißt der Film „No Fear“.

Nein, es gibt für mich als Künstler keinen Punkt, vor dem ich Angst habe. Am Klavier generell, aber besonders auf der Bühne mit Menschen erlebe ich einen der wenigen tatsächlichen Freiheitsorte in meinem Leben. Das ist ein Ort und ein Moment, an dem ich mich sehr stark fühle: Mir kann nichts passieren. Ich muss mich nicht um Haltung bemühen beim Musikmachen. Und je tiefer ich in mich gehen kann, desto schöner. Mir erlaubt dieser Ort die allergrößte Form von Angstfreiheit.

Nun sagten Sie eingangs aber doch etwas, was Angst machen kann: Die Kultur habe ein Legitimationsproblem. Wie meinen Sie das? Haben wir so viele andere Ausgaben, dass die Kultur wieder um ihr Recht kämpfen muss?

Die Kultur muss gar nichts müssen. Sie muss existieren dürfen. Wir haben die letzten drei Jahren erlebt, was passiert, wenn kulturelle Orte für unwichtig erklärt werden. Jetzt laufen alle Sturm und fragen, warum kommt das Publikum hier nicht zurück und da nicht zurück. Und die Antwort ist in jedem Einzelfall sehr kompliziert. Es gibt Orte, die stehen vor Existenzfragen. Und darum müssen wir uns bemühen. Aber was aus Gesellschaften wird, in denen über Jahre Orte wegbrechen, in denen Fragen frei gestellt werden können, denn auch das schafft ja Kultur, das sehen wir jetzt.

Nun liegen ja auch viele Defizite in der Schulbildung. Medienwissenschaft gibt es in den Schulen nicht, in meinem Musikunterricht kam die Neue Musik gar nicht vor. Bei Ihnen lernen die Menschen Morton Feldman kennen oder den wenig bekannten Briten Ronald Stevenson. Sehen Sie sich als Kurator ihrer Musik?

Ich sitze zu Hause und denke: Was begeistert mich? Das kann alles sein. Dann baue ich mir ein Programm, und dann beginnt die Begeisterungsvermittlung. Denn ich bin davon begeistert, was ich tue. Wenn ich etwas gelernt habe von den Hauskonzerten am Anfang der Pandemie: Die Menschen haben eingeschaltet und nie nach dem Programm gefragt. Und ich habe gesagt: Heute gibt es Morton Feldman. Es waren 80 000 Menschen da. Manche haben abgeschaltet, andere blieben da, aber es gab ein Grundvertrauen. Das ist für mich das Allerwichtigste. Und der entscheidende Grund für die Vermittlungsarbeit.

Ist es möglich, Musik zu vermitteln, die man selber nicht mag?

Ich stell mir dir Frage nicht, weil ich Musik, die ich nicht mag, nicht spielen will. Es gibt so viel gute Musik da draußen, mir geht der Stoff nie aus.

Sie erzählen im Film, wie Sie ein Stück von Muddy Waters begeistert hat, dem großen Bluesmusiker. Schmerzt es Sie, dass man doch nicht alles auf dem Klavier ausdrücken kann?

Zur Person:

Igor Levit, 1987 in Gorki in der damaligen Sowjetunion geboren, kam mit seiner Familie 1995 als jüdischer „Kontingentflüchtling“ nach Hannover. Dort studierte er später an der Musikhochschule und ist seit 2010 als Konzertpianist tätig. Levit, der Mitglied der Grünen ist, hat sowohl die „Friday for Future“-Bewegung als auch die Demonstrationen im Dannenröder Forst mit Konzerten unterstützt.

Seine CDs erscheinen bei Sony, zuletzt 2021 „On DSCH“ mit Werken von Dmtri Schostakowitsch und Ronald Stevenson.

Das hat mich in eine schwere Krise gestürzt.

Aber ist das nicht eine schöne Utopie? Zu wissen, ein Klavier kann nicht klingen wie eine knarzige Bluesstimme, aber man könnte es doch versuchen?

Natürlich ist das Utopische beim Musikmachen, das Immaterielle der tönenden Luft, das Allerschönste.

Nun ist die Art, wie Sie Musik vermitteln, ja sehr emotional ...

Nicht nur, aber ja.

... aber gerade die Neue Musik umgab besonders in Deutschland ein gewisses Credo der Nüchternheit. Hat das nicht ein Vorurteil hinterlassen, dem noch immer schwer beizukommen ist? Ich fand ja kaum jemanden so gefühlvoll wie John Cage, und selbst Conlon Nancarrows Musikautomaten hatten für mich eine Seele. Gibt es in der Neuen Musik Werke, die Sie meiden, weil sie Ihnen zu wenig Raum für Gefühl lassen?

Interessant, was Sie gerade gemacht haben, das haben Sie vielleicht gar nicht gemerkt: Sie haben Komponisten genannt, die Sie beseelt finden, und das waren nicht die Deutschen nach ’45. Auch ein Hans Werner Henze ist ja aus guten Gründen aus Deutschland weggegangen. Wenn Sie mich fragen, ich habe ja eingangs gesagt, ich spiele Musik nicht, die ich nicht mag. Und die Musik, die ich aus dem späten 20. und dem 21. Jahrhundert spiele, ist eben häufig nicht aus Deutschland. Jetzt kommt die pauschale Aussage, für die ich sicher einen hinter die Löffel kriege: Ich erlebe bei den Amerikanern, bei jungen Komponisten und Komponistinnen, dass sie ein direktes Kabel zum Publikum wichtig finden. Und das ist mir sehr nah. Ich fühle mich rein abstrakter Musik nicht nah. Wenn sie sich nur über Klang und Geräusch definiert, kann ich mit ihr nichts anfangen. Aber wo es bebt, wo es riecht, wo es stinkt, wo es brennt, wo es liebt, wo es zittert! In Deutschland ist Jörg Widmann so ein Beispiel, der schreibt Musik, der fühle ich mich sehr nah. Und die zu vermitteln, ist nicht besonders schwer. Sobald Leute im Raum sind, die werden’s schon hören. Aber Musik, die sich nur um sich selbst dreht, die spiele ich halt auch nicht. Andere machen das grandios gut, ich kann das nicht – vermitteln, was ich mir selbst nicht vermitteln kann.

Nun vermitteln Sie durchaus auch unangenehme Gefühle, allerdings eher außerhalb des Konzertsaals. Eine der stärksten Szenen des Films ist Ihr Podiumsgespräch mit Wolfgang Schäuble: Als Sie die schrecklichen Worte zitieren, die ein Antisemit an Sie richtete, zeigt er sich unfähig zu Empathie. Woher kommt das Versagen mancher Politiker, sich dem Hässlichen in diesem Land zu stellen?

Das Problem liegt noch viel tiefer. Was für euch Politik ist, ist für Menschen wie mich Biografie. Wir kommen wieder zum Abstrakten und Nichtabstrakten. Die Stelle im Film spricht für sich. Sprachlich ist Selbstkritik gang und gäbe. Aber diese Aussagen haben mit Zuhören den Opfern gegenüber wenig bis gar nichts zu tun. Das sitzt tief und tut weh. Wo soll ich anfangen?

Wir Deutschen rühmen uns oft der Erinnerungskultur, die anderen fehle – etwa in Italien, wo vielleicht deshalb die Faschisten gerade an die Regierung kommen. Aber ist diese Deutungshoheit über die Vergangenheit vielleicht manchmal ein Alibi, die Gegenwart zu ignorieren?

Ich kann keine Vergleiche zu anderen Ländern anstellen und mich nur wiederholen: Politische Gesten und tatsächliches Zuhören gehen leider häufig nicht Hand in Hand. Wie ich in Frankfurt bei der Preisverleihung sagte, ...

... des Ludwig-Landmann-Preises für Mut und Haltung ...

... auf gesellschaftlicher Ebene würde ich als Jude jeden einzelnen Stolperstein wahren und seine Anbringung mit allem, was ich habe, unterstützen. Aber als Mensch Igor muss ich einen sehr hohen Preis dafür zahlen, sie jeden Tag sehen zu müssen. Ich habe keine Lösung, aber es würde schon sehr helfen, wenn mir vonseiten des Landes das Gefühl gegeben würde: Ja, wir wissen, es gibt einen Konflikt. Ja, wir hören dich.

Interview: Daniel Kothenschulte

Auch interessant

Kommentare