„Under Your Bed“ von Mari Asato. 
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„Under Your Bed“ von Mari Asato. 

Frankfurter Filmfestival

Nippon Connection: Aufbegehren gegen die männliche Dominanz

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Weibliche Selbstfindungsgeschichten gehören zu den Entdeckungen der 20. Ausgabe des Frankfurter Festivals Nippon Connection.

Ob irgendein anderes Filmland außer Japan „Little Miss Period“ hervorgebracht haben könnte? Eine einzigartige Kreuzung aus gesellschaftskritischer Komödie und Monsterfilm mit einer rosafarbenen Stoffpuppe in der Hauptrolle? Nur sichtbar für die Frauen, die sie peinigt, wird „Little Miss P“ geduldet wie eine unliebsame Verwandte. Die Verkörperung der Menstruation ist etwa einen Meter hoch, herzförmig, hat einen Kussmund und ein feminines Kreuzzeichen als Nase. Beschwerlich schleppt sich Aoko, Redakteurin eines Modemagazins, mit ihr huckepack zum Arbeitsplatz. Im landestypisch-disziplinierten Büroalltag kann sie wenig Verständnis für ihre Bürde erwarten.

Schon farblich passt das ungewöhnliche Filmmonster aus dem Lande Godzillas gut zum Frankfurter Festival Nippon Connection, dessen magentafarbenes Logo nun schon zum 20. Mal im Stadtbild auftaucht. Diesmal allerdings leider nur als Plakatmotiv: Auch die japanische Filmschau hat sich 2020 für eine Online-Ausgabe entschieden. Bis Sonntag kann man das Programm filmweise buchen, jeder virtuelle Kinobesuch kostet 5 Euro. In finanzieller Hinsicht ein gutes Familienangebot.

Längst gehört die bedeutendste Übersichtsschau des japanischen Filmschaffens außerhalb des Inselreichs zu den bedeutendsten deutschen Festivals. Auf einer Liste der hundert wichtigsten internationalen Filmereignisse, die das Londoner Raindance-Festival veröffentlichte, sind überhaupt nur drei deutsche Festivals gelistet: Statt München oder Hamburg empfiehlt man dort das Frankfurter Japan-Festival, dem es jedes Jahr gelingt, die enorme Spannbreite dieses einzigartigen Filmlands abzubilden.

Man kann argumentieren, dass sich in den letzten hundert Jahren das Kino nirgendwo unabhängiger von internationalen Strömungen entwickelt hat. Daraus erwuchs eine besondere Überlebenskraft. Nach gleich drei klassischen Perioden in den 30er, 50er und späten 60er Jahren ruht der japanische Film heute auf drei tragfähigen Säulen: Einem populärem, aber immer wieder experimentierfreudigen Mainstream, dem auch der etwas glatt geratene „Little Miss Period“ zuzurechnen ist; einem unabhängigen Autorenfilm, der oft mit bescheidenen finanziellen Mitteln operiert und die Grenze zur Avantgarde berührt; und schließlich dem inzwischen weltbekannten Anime. Dazu kommen im japanischen Film immer wieder interessante Überschneidungen, etwa im Genrefilm.

Ein faszinierendes Beispiel ist der Thriller „Under Your Bed“, eines der leider immer noch wenigen Filmwerke von Regisseurinnen in einer männlich dominierten Industrie – und zugleich eine ungewöhnliche Auseinandersetzung mit sexueller Obsession. Mari Asato ist dem Frankfurter Publikum seit ihrem Spielfilmdebüt „Girls for Independence“ bekannt, das hier 2005 zu sehen war. Seither hat sie sich vor allem auf Horrorfilme spezialisiert, diesmal aber scheint sie sich ein wenig an Wong Kar-wais Liebesfilm „Chungking Express“ orientiert zu haben.

Unterlegt mit der sanften Erzählstimme des Protagonisten verführt sie das Publikum dazu, sich in die Gedankenwelt eines „Otaku“ einzufühlen: Ein Aquarienfreund hegt auch nach fast zehn Jahren ein fetischisierendes Verhältnis zu seiner Jugendliebe. Stalker-haft verfolgt er sie. Man muss schon zurückblicken zu Michael Powells Klassiker „Peeping Tom“ für eine ähnlich irritierende Darstellung sexueller Obsession und Gewalt. Besonders interessant ist dabei die Frauenfigur, deren sexuelle Identität nie ganz offengelegt wird.

Weibliche Rollenbilder in einer noch immer männlich dominierten Gesellschaft kristallisieren sich als ein Schwerpunkt heraus. Wo auf der Welt würde man die Coming-of-Age-Geschichte einer 17-Jährigen, die ihre Liebe zur Rockmusik in ihr Erwachsenenleben retten möchte, als Animationsfilm realisieren? Anime-Regisseur Tatsuyuki Nagai gelingt dabei in „Her Blue Sky“ eine imponierende psychologische Tiefe.

Auch in den 130 Minuten seines minimalistischen Independentfilms „Minori, on the Brink“ erzählt der Schauspieler Ryutaro Ninomiya vom Selbstfindungsprozess einer jungen Frau. Sie heißt Minori wie ihre faszinierende Darstellerin, Minori Hagiwara, und befindet sich an einem Wendepunkt ihres Lebens ohne dessen Zielrichtung zu kennen. Bei ihrem Job als Kellnerin, in Gesprächen mit ihren Freundinnen und beim wiederholten Schlagabtausch mit den jungen Männern des Küstenortes lernt sie vor allem, was sie hasst: Sexuelle Grenzüberschreitungen in einem Klima beklemmender Indifferenz auch seitens ihrer Geschlechtsgenossinnen.

Ein unaufgelöster Zorn prägt dieses gleichwohl verhalten inszenierte Gesellschaftsporträt. In seinen langen Einstellungen diskursiver Dialoge erinnert der Film manchmal an die Werke des Koreaners Hong Sang-soo, doch Ninomiya versucht zugleich noch etwas anderes: Eine besondere Rohheit und bewusste Unvollkommenheit rückt seinen Film in die Nähe zum amerikanischen „Mumblecore“, jener Bewegung, aus der unter anderem die Schauspielerin und Regisseurin Greta Gerwig hervorging.

Zugleich bricht der Filmemacher erfreulich mit der digitalen Ästhetik seiner Zeitgenossen. Schließlich ist Japan auch das Land des Fuji-Filmmaterials mit seinen warm leuchtenden Farben. Welches Filmland macht uns Jahr für Jahr derart neugierig auf seine neuesten Produktionen?

Nippon Connection:Die Filme sind bis 14. Juni online abrufbar auf www.nipponconnection.com

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