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„Nightmare Alley“ im Kino: Wenn der Filmfan zweimal klingelt

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Von: Daniel Kothenschulte

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Warum ahnt Cooper (r.) nichts? Warum muss Blanchett eine steife Marlene-Dietrich-Imitation sein?
Warum ahnt Cooper (r.) nichts? Warum muss Blanchett eine steife Marlene-Dietrich-Imitation sein? © epd

Guillermo del Toros allzu ehrgeizige Neuverfilmung des Film-Noir-Klassikers „Nightmare Alley“ mit Bradley Cooper und Cate Blanchett.

Das Ernüchterndste an Hollywoods pessimistischen Kriminalfilmen der „schwarzen Serie“ ist wohl, wie sie zu ihrem Namen kam. Die französische Filmkritik erkannte in den verfilmten Romanen die schwarzen Cover wieder, mit denen diese in Frankreich erschienen waren. Erst später verwies man auch in den USA mit Stolz unter dem Namen „film noir“ auf die meist in expressivem Schwarzweiß gehaltenen Thriller aus den Vierzigern.

William L. Greshams „Nightmare Alley“, 1947 von Edmund Goulding verfilmt, erschien in Frankreich übrigens mit weißem Umschlag. Der Film war zunächst ein Misserfolg und rückte erst spät in den klassischen Kanon auf. Tyrone Power spielt darin einen von Ehrgeiz korrumpierten Schausteller, dessen Amerikanischer Traum in Wahrheit der Alptraum des Titels ist. Wie ernüchternd dagegen der deutsche Titel, der gleich den faulen Zauberer entlarvt: „Der Scharlatan“.

Guillermo del Toro hat sich von der schwierigen Wirkungsgeschichte nicht abhalten lassen: Seine Neuverfilmung versteht sich nicht als Remake, sondern als Neuinterpretation von Greshams Vorlage. Der berühmte Filmkritiker James Agee nannte den Roman seinerzeit „intelligenten Trash“, attestierte den Filmemachern allerdings, „nie vergessen zu haben, dass sich auf der Leinwand aus Müll die schönsten Dinge machen lassen“.

Del Toros Film ist voller schöner Dinge. Der namhafte Sammler von Filmdevotionalien hat die Geschichte ins Jahr 1941 verlegt, offensichtlich um möglichst viel Museumsstücke und Architekturdenkmäler darin unterzubringen. Leider verbindet sich das Dekor kaum mit dem Geschehen: nicht der Kuriositäten-Zirkus, wo ein von Willem Dafoe gespielter Schausteller-Direktor eine Sammlung abnormer Föten präsentiert. Und auch nicht die verschwenderischen Art-Deco-Lobbys und -Büros, in denen der von Bradley Cooper gespielte Brandon Carlisle ein und aus geht, als er erst mit einer eigenen Mentalisten-Nummer zu Erfolg gekommen ist. Tatsächlich wirkt der Film selbst wie ein Jahrmarktsbesuch, bei dem irgendjemand immer „hereinspaziert“ ruft.

So schleppend vollzieht sich der vorhersehbare Aufstieg über helfende Nebenfiguren, dass ihre prominenten Darstellerinnen und Akteure interessanter werden als das, was sie verkörpern: Toni Colette und David Strathairn spielen ein heruntergekommenes Bühnengespann, das Carlisle die entscheidenden Kunstgriffe lehrt, Rooney Mara eine „elektrische Frau“, die verständlicherweise lieber dem selbsternannten Hellseher assistiert, als weiterhin in Steckdosen zu fassen.

Der größte der vielen an diesen Film verschenkten Stars, Cate Blanchett, tritt erst in der zweiten Hälfte auf. Als Star-Psychologin steckt sie den autodidaktischen Manipulator schnell in die Tasche, was seinen tragischen Abstieg ebenso vorhersehbar erscheinen lässt wie seinen Aufstieg.

Waren die nie im Kino?

Ausgestattet mit allerhand Beute aus dem Unbewussten ihrer reichen Kundschaft macht sie ihn zum Komplizen eines Erpressungs-Komplotts. Dabei wirkt sie maskenhaft und steif wie eine schlechte Marlene-Dietrich-Imitation. Ohnehin fragt man sich wie so oft im „Neo-Noir“: Waren diese willigen Helfer abgebrühter Frauen nie im Kino? Haben sie nie gesehen, wo es hinführt, wenn der Postmann zweimal klingelt?

Es ist das erste Mal, dass del Toro dem Hokospokus den Vorzug gegenüber dem „wahren“ Übernatürlichen gibt, doch es gelingt ihm nicht, auch dieses Milieu mit einer faszinierenden Aura auszustatten. Es ist das Scheitern des Fans vor den eigenen Idolen und dem, was er wohl am meisten liebt: Vor allem zwei Klassiker von Regisseur Tod Browning aus dem Schaustellermilieu, „The Unknown“ und „Freaks“, werden oft heraufbeschworen und bleiben doch wie trotzige Geister lieber in der Flasche.

Es ist eine schlechte Zeit für del Toro: Zuerst wurde ein Teil seiner unschätzbaren Sammlung ein Opfer der kalifornischen Waldbrände, nun misslingt ihm eines seiner ehrgeizigsten Projekte. Es scheitert tragischerweise an der eigentlich so sympathischen Mitteilsamkeit des Fans – am cinephilen Sammlerstolz. Über das Vorzeigen von Stars und Requisiten wird das Geschichtenerzählen über die Laufzeit von zweieinhalb Stunden immer wieder fast vergessen.

Nightmare Alley. USA 2021. Regie: Guillermo del Toro. 150 Min.

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