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Julia (Nadeshda Brennicke) ist in einer Szene des Fernsehfilms "Blütenträume" zu Tränen gerührt.

„Blütenträume“, ARD

Im Niemandsland zwischen Beruf und Greisenalter

In der nachdenklichen Komödie von Lutz Hübner sucht die Generation 50plus nach einem neuen Lebenssinn. Seine Protagonisten sind längst nicht mehr jung - aber auch noch nicht alt.

Von Tilmann P. Gangloff

Mit 17 hat man noch Träume... Und mit siebzig? Ganz so alt sind die Figuren in Lutz Hübners Stück „Blütenträume“ zwar noch nicht, aber der Lebensabend ist in Sichtweite. Der Dramatiker nennt diese Zeit zwischen Berufsalltag und Greisenalter ein „biografisches Niemandsland“.

Seine Protagonisten sind schon lange nicht mehr jung, aber auch längst noch nicht alt, doch die Gesellschaft hat keine Verwendung mehr für sie. Paul Harather, der auch schon Hübners Stück „Indien“ adaptiert und verfilmt hat, macht die Figuren etwas jünger, sodass sie sich in der „spätberuflichen Lebensphase“ befinden, bleibt dem Kern sowie dem Charakter der Vorlage aber treu: Sieben Singles besuchen einen Flirtkurs der Volkshochschule. Für eine erste Irritation sorgt die Tatsache, dass Seminarleiter Jan (Alexander Khuon), ein Schauspieler und Psychologe, deutlich jünger ist als sie. Außerdem gefällt ihnen nicht, dass sich der junge Mann wie ein Verkaufscoach aufführt. Keiner der Teilnehmer hat Lust, sich wie in einem Werbespot anzupreisen; einige sind ja nicht mal in der Lage, sich selbst halbwegs vernünftig zu charakterisieren. Schließlich kommt es zum Aufstand, die Gruppe setzt Jan vor die Tür und entwirft bei einem feuchtfröhlichen Abend einen verwegenen Plan. Leider ist der Traum bei Licht und nüchtern betrachtet zu schön, um wahr zu sein.

Ähnlich wie bei Jan Georg Schüttes ganz ähnlich konzipierter und mit dem Grimme-Preis geehrter Tragikomödie „Altersglühen“ dürfte Harathers größte Herausforderung darin bestanden haben, das richtige Ensemble zusammenzustellen. Seine acht Hauptdarsteller mögen nicht so prominent sein wie einige von Schüttes Schauspielern, aber sie sind allesamt erfahren und profiliert; und sie passen perfekt zu ihren Rollen.

Die große Qualität von Harathers Drehbuch liegt in der Entwicklung der Figuren, die auf den ersten Blick stereotyp wirken, aber dann die Klischees hinter sich lassen und gegen Ende regelrecht aufblühen: der etwas tumbe Automechaniker Heinz (Max Herbrechter), die scheinbar lebensuntaugliche Witwe Gisela (Teresa Harder), der selbstverliebte und mit seiner humanistischen Bildung prahlende Schuldirektor Friedrich (Falk Rockstroh), die unleidliche und ständig nörgelnde Britta (Proschat Madani), der melancholische Schreiner Ulf (Rufus Beck). Und dann ist da noch Frieda (Corinna Kirchhoff), ebenfalls verwitwet, die als einzige ein wirklich trauriges Schicksal hinter sich hat: Ihr Mann war deutlich älter als sie und ist dement geworden; spätestens ihre schonungslosen Beschreibungen des trostlosen Alltags lassen vergessen, dass der Film wie eine Komödie begonnen hat. Siebte im Bunde ist die mit Vorliebe in Selbstmitleid badende Maklerin Julia (Nadeshda Brennicke), zehn Jahre jünger als der Rest, die eigentlich von der Lebenserfahrung der Älteren profitieren möchte. Während sich zwischen den anderen erwartbare Animositäten und überraschende Allianzen ergeben, tröstet sich Julia mit Jan, der allerdings eine ähnlich gescheiterte Existenz ist wie seine Schützlinge.

Die Dialoge sind von zum Teil herzerfrischender Absurdität, aber es ist vor allem die Führung des Ensembles, die „Blütenträume“ zu einem herausragenden Fernsehfilm macht. Logistisch war die Umsetzung sicher nicht einfach, weil die acht Protagonisten von den als Kapiteltrenner fungierenden Zwischenspielen, in denen sie näher charakterisiert werden, praktisch permanent im Bild sind. Die Bildgestaltung oblag Andreas Schäfauer, dessen Kameraarbeit dafür sorgt, dass der Film nie wie ein abgefilmtes Theaterstück wirkt.

 

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