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Pete Davidson as Scott Carlin in „The King of Staten Island,“ directed by Judd Apatow.

 „The King of Staten Island“

Niemand ist eine Insel

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Der amerikanische Komödienspezialist hat mit „The King of Staten Island“ sein erstes Meisterwerk geschaffen.

Der erste Film, der ein Auge hat für die soziale Realität im gegenwärtigen Amerika, ist kein kleiner Arthouse-Film, und er läuft auf keinem Festival. Es ist eine aufwändige Komödie aus Hollywood und zugleich der erste große Studiofilm, der während der Corona-Krise in die Kinos kommt. Sein Regisseur Judd Apatow war nie in Cannes oder auf der Berlinale, und die einzigen renommierten Preise erhielt er für Fernsehproduktionen wie die Serie „Girls“. Doch in den Multiplex-Kinos ist sein Name eine feste Größe.

Seine mit manchmal derben Übertreibungen gewürzten Komödien werden weniger für ihre intellektuelle Distanz bewundert als für ihre Treffsicherheit – vorzugsweise von Menschen, die sich darin wiedererkennen. Es kann nicht mehr lange dauern, bis auch die Kunst und soziale Schärfe an ihnen allgemein bewundert wird: Wie kaum ein anderer Filmemacher zerlegt Apatow gesellschaftliche Erwartungen an die Geschlechterrollen. Dabei wirkt die Fremdscham in Filmen wie „Jungfrau (40) männlich sucht“, „Immer Ärger mit 40“ oder „Dating Queen“ als kathartische Durchgangsstation für eine höhere Gesellschaftskritik.

„The King of Staten Island“ ist mit zwei Stunden und 16 Minuten nicht nur sein längster und aufwendigster Film. Die für Apatow typische episodische Struktur, das Pastiche komischer oder absurder Szenen fügt sich diesmal auch zu einem Zeitbild der krisengeschüttelten amerikanischen Mittelschicht.

Wieder steht ein männlicher Spätentwickler im Mittelpunkt. Der junge Komiker Pete Davidson spielt jemanden, der er auch im wirklichen Leben ist: den Sohn eines Feuerwehrmanns. Mit 24 wohnt seine Filmfigur Scott Carlin noch immer bei der Mutter, die sich ihrerseits seit 16 Jahren, als ihr Mann starb, an ihn klammert (hinreißend gespielt von Marisa Tomei).

Damals ist der Familienvater verunglückt, und auch wenn kein Bezug zum 11. September 2001 hergestellt wird, ist es schwer, die Verbindung nicht zu ziehen: Wann immer Opfer zu Helden ernannt werden – und die USA sind besonders groß darin –, kann man sich fragen, wie wohl die Angehörigen später an dieser ungebetenen Ehre tragen. Setzt es sie nicht unweigerlich herab? Scotts Mutter, eine Krankenschwester, ist dem Verstorbenen all die Jahre treu geblieben. Immerhin scheint Scotts Schwester, die gerade mit der Uni beginnt, mit beiden Füßen im Leben zu stehen.

Trotz der langen Laufzeit, verliert Apatow über die psychologischen Hintergründe keine Worte und widmet sich zunächst einmal ganz der Komödie. Er skizziert seine Figuren wie ein Karikaturist in feinen Strichen. Pete Davidson sieht mit seiner prägnanten Oberlippe und den Peter-Lorre-Augen aus wie der junge Steve Buscemi. Diesem hat Apatow die Nebenrolle eines alternden Feuerwehrmanns gegeben, der am Ende in einer berührenden Szene fast zu Scotts Vaterfigur wird.

Der arbeitslose Scott hat sich eine Scheinexistenz als Tattoo-Künstler aufgebaut, ohne dafür besonders talentiert zu sein. Eine abgebrochene Zeichnung auf dem Arm eines Nachbarjungen ruft dessen wütenden Vater auf den Plan, einen ehemaligen Kollegen seines eigenen bei der Feuerwehr. Wie sich bald herausstellt, ist der stolze, alternde Muskelprotz Ray (Bill Burr) obdachlos und schläft nach dem Scheitern seiner Ehe in der Feuerwache. Als Scotts Mutter ausgerechnet mit diesem in Scotts Augen unwürdigen Mann ihre erste Liebesbeziehung seit dem Tod des Vaters beginnt, legt der Sohn sich mit beiden an. Die Mutter quittiert es mit dem überfälligen Rauswurf, was ihn zu einem weiteren Schlafgast in der Feuerwache macht: Ausgangspunkt für eine erstaunliche Geschichte des „male bonding“ oder gar, nach alten Hollywood-Begriffen einer „wunderbaren Freundschaft“?

Ganz am Anfang der amerikanischen Filmgeschichte steht ein Film über den Heldenmut der Feuerwehr: „Life of an American Fireman“ aus dem Jahre 1903 war ein früher Höhepunkt der Filmmontage. In der ersten Szene träumte ein Feuerwehrmann von seiner Familie. Fast 120 Jahre später scheint die selbstverständliche kapitalistische Gleichung aus Leben und Arbeit aus dem amerikanischen Traum erwacht.

Der Spielort des Films, Staten Island, ist jener Teil von New York, an den Touristen gerne von Manhattan mit der Gratisfähre schippern, weil man unterwegs die Freiheitsstatue von weitem sehen kann. Es ist der bevölkerungsärmste der fünf New Yorker Stadtteile und eine der wenigen Gegenden, die auch für Ärmere noch Wohnraum bietet. Für die anderen New Yorker war es lange vor allem die Insel mit der städtischen Müllkippe. Apatows Art, mit der Armut und dem Selbsthass der Leute dort umzugehen, ist Wortwitz. Hätte Woody Allen nicht lieber einen Film über das schicke Manhattan gedreht, wäre ihm vielleicht auch der Monolog eines Feuerwehrmanns über Bettwanzen eingefallen: „Wenn du Bettwanzen hast, wirst du von allen verlassen. Niemand kommt dich mehr besuchen. Und weißt du, wer am Ende noch für dich da ist? Die Bettwanzen.“

Einmal benutzt auch Scott, der traurige „King of Staten Island“ diese Fähre. Am Ende des Films hat er sich dazu durchgerungen, endlich mit seiner Gelegenheitsfreundin eine ernsthafte Liebesbeziehung zu beginnen. Sie muss im Rathaus in Manhattan eine Aufnahmeprüfung absolvieren, und er begleitet sie. In einem sind sich beide einig: Danach geht es gleich wieder zurück. Es ist eine Szene von seltenem proletarischen Klassenstolz: So sehr die beiden mit ihrem Vorort hadern, zu Manhattan-Touristen werden sie deshalb noch lange nicht.

The King of Staten Island. USA 2020. Regie: Judd Apatow. 136 Min.

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