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„Niemand ist bei den Kälbern“ im Kino: Grün ist die Weide

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Von: Daniel Kothenschulte

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Saskia Rosendahl als Christin, die den Absprung mit 24 noch nicht geschafft hat.
Saskia Rosendahl als Christin, die den Absprung mit 24 noch nicht geschafft hat. © Max Preiss

Sabrina Sarabis Anti-Heimatfilm „Niemand ist bei den Kälbern“.

Das Kino, sagen die Amerikaner, ist größer als das Leben. Aber auf dem deutschen Film klebt noch etwas anderes, das größer als das Leben ist, das ist das Wort „Heimat“. Der Topos der schicksalhaften Verortung in Landschaften und Traditionen hat alle Moden und politischen Systeme überdauert, und die Wiedervereinigung hat viele der alten Geschichten über Mentalitäten und unsichtbare Grenzen plötzlich aktuell erscheinen lassen.

Was wiegen im Gesamtbild des deutschen Kinos eine Handvoll Großstadtfilme aus der Weimarer Republik oder der „Berliner Schule“ gegen Legionen von Berg- und Heimatfilmen, kritischen „Neuen Deutschen Heimatfilmen“ und Märchenfilmen im Heimatlook? Manche kriegen den Geist zu fassen, indem sie ihn wie Edgar Reitz beim Namen nennen. Doch im TV finden die ewig grünen Wälder tagtäglich ganz selbstverständlich neue Bergretter und Bauern auf Brautschau.

Sabrina Sarabi, die Regisseurin von „Niemand ist bei den Kälbern“, weiß, welchen filmgeschichtlichen Ballast sie sich mit der Verfilmung von Alina Herbings gleichnamigem Debütroman von 2017 auf den Karren lädt. Und doch scheint ihre erstaunliche Arbeit seltsam befreit von seinen Konventionen. Die Landschaft spielt auch hier die zweite Hauptrolle – neben der 24-jährigen Christin (Saskia Rosendahl), die es zwischen den Kuhställen und dem malerischen Weideland in Mecklenburg-Vorpommern einfach nicht mehr aushält, weil ihr der Kopf platzt. Es wäre leicht gewesen, die Landschaften zu überhöhen, ins Erhabene wie auch ins Schreckliche.

Sarabi und ihr begabter Bildgestalter Max Preiss nähern sich ihnen stattdessen wie in einer kunstaffinen Dokumentation: Sachlich, aber mit einem Auge für ihre sommerliche Verführungskraft. Wer von einer kaputten Beziehung erzählen möchte, tut schließlich gut daran, mit den Reizen des abgemeldeten Partners, der abgemeldeten Partnerin zu beginnen – auch wenn diese eine Landschaft ist. Dieser Film hat etwas von der ungeschminkten Schönheit, die das US-amerikanische Independentkino einer Kelly Reichardt der Provinz verleiht. Dort ist es das Westerngenre, dessen Erbe in Landschaftsdramen immer mitschwingt.

Die Eröffnungsszene macht kurzen Prozess mit der Idylle. Auf dem Beifahrersitz eines Traktors erleben wir mit Christins Augen, wie ihr Freund Jan (Rick Okon) ein Reh überfährt und dem armen Tier gleich dafür die Schuld gibt: „Scheißviecher, ey!“ Da haben wir noch Glück: Im Roman wird es per Mähdrescher zerhäckselt – und die junge Frau findet später sein gut erhaltenes Ohr im Gras: „völlig hell, als könnte es noch hören und wackeln und alles. Mir wird schlecht.“

Wenige Einstellungen später kommt schon der nächste Kadaver ins Bild: In der Nähe eines Windrads liegt ein toter Mäusebussard, den ein Windkraftingenieur fachmännisch in einen Müllsack packt. Es geht prosaisch zu, wenn die schönste Landschaft grauer Alltag ist. Und dass sich inzwischen die Sonne zur blauen Stunde herausgeputzt hat, ist den Anwesenden erst recht egal. Kein gutes Omen für die Affäre, die sich sogleich zwischen Christin und dem etwa zwei Jahrzehnte älteren Windrad-Mann (Godehard Giese) anbahnt.

Diese exzellente Eröffnung stellt die Weichen für das Folgende. Sicher hätten sich viele die romantischen Chancen eines solchen Filmanfangs nicht ganz entgehen lassen. Aber die halbherzigen Fluchtbewegungen dieser tragischen Heldin rechnen gar nicht mit Romantik. Wer mit 24 den Absprung noch nicht geschafft hat, der hat kaum auf einen Fremden mit Hamburger Nummernschild gewartet.

Es ist interessant, wie diese Filmemacherin Literatur verfilmt, ohne sich an Dialogen festzuhalten oder gar auf einen inneren Monolog zu setzen. Umso stärker ist ihr Gefühl für Blicke und Gesten – immer wieder im Kontrast zu einem Überschuss an kaum wahrgenommener Schönheit. Dazu gehört neben der Landschaft auch die verschwenderische, stilunsichere Art, wie die Hauptfigur mit ihrer eigenen Attraktivität umgeht.

Zur Redseligkeit neigt keine der Hauptfiguren, lediglich die Mutter der besten Freundin hört gar nicht auf zu erzählen. Was Christin nicht schafft, ist der jungen Frau ohne Ankündigung oder nachträgliche Erklärung gelungen: Sie hat sich abgesetzt. Diese Szene hat in ihrer ungeschliffenen Sprache etwas Improvisiertes, und es wäre naheliegend gewesen, diesen autobiografisch gefärbten Roman in einem semidokumentarischen Stil zu drehen.

Umso imponierender ist es, wie Sarabi stattdessen mit klassischen filmischen Mitteln arbeitet. Besonders bemerkenswert sind Ton und Sounddesign (Jonathan Schorr und Dominik Leube), die Naturgeräusche wie das allgegenwärtige Brummen von Fliegen langsam zu einer unterschwelligen Bedrohung anschwellen lassen.

Das amerikanische Kino hat aus jugendlichen Provinzfluchtgeschichten fast ein eigenes Genre gemacht. Am Ende fährt dann vielleicht ein Greyhound-Bus nach New York. Wem ein so grandioser Absprung gelingt, der leistet sich auch einen nostalgischen Blick zurück. Nichts davon hier: Allein die Szene in einer Dorfdisco ist an Elend kaum zu überbieten. Wer immer als Städter davon träumen sollte, mit seinen Kindern in eine solche Gegend zu ziehen – die Romanautorin Alina Herbing erlebte es in einem gewissen Schlagensülsdorf –, sollte unbedingt daran denken, was diese als Jugendliche dort erwartet.

Niemand ist bei den Kälbern. D 2022. 116 Min.

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