Creme aus Kakerlaken-Resten und pürierten Fischabfällen auf die Haut: Die Kandidaten Sara Kulka (24) und Aurelio Savina (36) bei einer Dschungelprüfung.
+
Creme aus Kakerlaken-Resten und pürierten Fischabfällen auf die Haut: Die Kandidaten Sara Kulka (24) und Aurelio Savina (36) bei einer Dschungelprüfung.

TV-Kritik: „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“

Wo Niedertracht legitimiert wird

Das Dschungelcamp zeigt keine Abnutzungseffekte und beschert RTL weiter Zuschauerrekorde. Das Erschreckendste ist dabei die Tatsache, dass das Dschungelcamp noch genauso zynisch und sadistisch ist wie vor elf Jahren; aber niemand regt sich mehr darüber auf.

Von Tilmann P. Gangloff

Es ist schon seltsam, dass die Reality-Show noch immer so viele Fans hat. 2014 hat das „Dschungelcamp“ RTL sogar die besten Zahlen in der Geschichte dieses Formats beschert. Angesichts der eifrigen Kollaboration aller möglichen Medien wird sich das wohl auch in diesem Jahr nicht wesentlich ändern. Der dreistündige Auftakt am Freitag bewegte sich mit rund 7,5 Millionen Zuschauern in einer ähnlichen Größenordnung wie im Vorjahr. In der für RTL maßgeblichen Zielgruppe der 14- bis 59-Jährigen übertraf der Marktanteil (36,9 Prozent) sogar alle bisherigen Werte.

Dabei haben sich die Rahmenbedingungen seit 2004 weitgehend gewandelt. Ähnlich wie die zwei Jahre ältere Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“ (ebenfalls RTL) war „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ ein typisches Produkt der neoliberalen Ellenbogengesellschaft. Der stetige Sinkflug von „DSDS“ verdeutlicht, dass diese Zeiten auch im Fernsehen vorbei sind.

Umso verwunderlicher ist der ungebrochene Zuspruch, den die Dschungelshow nach wie vor erfährt. Gleiches gilt für die Karriere, die das einst nach allen Regeln der Kunst angefeindete Format in der Presse genommen hat. Wer hätte vor elf Jahren gedacht, dass eine Sendung, in der die Teilnehmer regelmäßig denkbar unappetitliche Mutproben bestehen müssen, dereinst in den Feuilletons salonfähig sein würde?

Fragwürdiges Format

Fragwürdig ist das Format vor allem wegen des menschenverachtenden Umgangs der Moderatoren mit den Kandidaten. Auch das Publikum teilt diesen Zynismus; die Tatsache, dass die vermeintlichen „Stars“ ja für ihre Teilnahme bezahlt werden, scheint jede Niedertracht zu legitimieren. 

Tatsächlich scheinen viele Fans die Sendungen gerade wegen der bitterbösen Sätze von Sonja Zietlow zu schätzen (die sie sich aber natürlich nicht selbst ausgedacht hat). Womöglich warten manche auch nur darauf, dass ihr einer der provozierten Teilnehmer endlich mal einen Eimer mit Maden, Kakerlaken und Aalschleim über den Kopf schüttet.

Was aber ist andererseits davon zu halten, dass sich just diese Zuschauer, des Englischen größtenteils nur mittelprächtig mächtig, gemeinsam mit Zietlow über das gleichfalls nicht so tolle Englisch von Sara Kulka amüsieren? Das kommerzielle Fernsehen macht sich dieses Überlegenheitsgefühl schon seit den frühen Neunzigern zunutze, als RTL in den ersten täglichen Talkshows Menschen präsentierte, die noch mehr Probleme hatten als das Publikum.

Auf diesen Effekt spekuliert die Show auch bei den Feuilletonlesern, wenn Zietlow und ihr Stichwortgeber Daniel Hartwich ironisch Schlagwörter wie „Pegida“ und „Lügenpresse“ einwerfen; das ist fast noch zynischer als die Sprüche über die Teilnehmer.

Thematisiert wird diese Programmtaktik selbstredend nicht; jedenfalls nicht bei RTL. Bei ProSieben hingegen schon: Für „Circus HalliGalli“ lassen sich Menschen regelmäßig auf absurde Herausforderungen ein, damit ihre Freunde einen Fernseher bekommen; die Rubrik heißt sinnigerweise „Mein bester Feind“. Anfang Dezember hat ProSieben eine abendfüllende Show daraus gemacht. Mittendrin fragte Moderator Klaas Heufer-Umlauf mit Blick in die Kamera, wer eigentlich schlimmer sei: „Wir, die wir diese Show machen, oder Sie, die sich das alles anschauen?“

Bei RTL käme nie jemand auf die Idee, so eine Frage zu stellen, zumindest nicht öffentlich; und das ist der Unterschied. Dein bester Feind: Das ist RTL.

Kommentare