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Nicole Kidman mischt das Festival Cannes auf

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Nicole Kidman beim Fototermin vor der Premiere von "Paperboy" in Cannes.
Nicole Kidman beim Fototermin vor der Premiere von "Paperboy" in Cannes. © Getty Images

Dicke, falsche Wimpern, pinkfarbene Lippen, tiefe Bräune, knallenge Lurexhosen und ein Oberteil mit Leopardenmuster: Nicole Kidmann spielt die Rolle ihres Lebens beim 65. Filmfestival Cannes.

Von Anke Westphal

Man hatte die Australierin schon abgeschrieben nach einigen unerheblichen Filmen und tragisch missglückten Jugenderhaltungsmaßnahmen, die ihr in den Ruf einbrachten, alle mimischen Qualitäten in den OP-Räumen der  Schönheitschirurgie zurückgelassen zu haben. Doch in „The Paperboy“ kommt Kidman noch einmal ganz groß raus als Charlotte, eine nicht mehr ganz junge Südstaatenschlampe mit großem Herzen und freiem Geist, die den falschen Mann liebt. Der soll einen Sheriff ermordet haben. Um seine Unschuld zu beweisen, verbündet sich Charlotte mit zwei Journalisten, einer weiß, der andere farbig, die den Fall recherchieren wollen, um eine große Geschichte in der „Miami Times“ draus zu machen.

Eigentlich erzählt der neue Film des jungen US-Amerikaners Lee Daniels („Precious“), in die Kriminalrecherche eingebettet, die Geschichte zweier Männer und ihrer Obsessionen. Der smarte, schwule Ward ist so fixiert auf Afroamerikaner wie sein naiver kleiner Bruder Jack (Zack Efron) rasend verliebt in Charlotte. Matthew Mcconaughey, der Ward verkörpert, kommt an der Côte d’Azur in gleich zwei Wettbewerbsbeiträgen ebenfalls groß raus, doch es ist Nicole Kidmann, die diese erste Hollywood-Arbeit eines gefeierten Independent-Regisseurs trägt. Inzwischen haben sich an der Croisette einige Schauspielerinnen für den Preis als beste Darstellerin empfohlen.

Kidman ist definitiv eine von ihnen.

Filmfestival nähert sich dem Ende

Das Filmfestival nähert sich seinem Ende; das Summen unzähliger Rollkoffer erfüllt die sich leerenden Gassen des Mittelmeerstädtchens. Man ist ein wenig unschlüssig, was man nun im Ganzen vom Wettbewerb halten soll. Walter Salles etwa konnte dem Publikum mit seiner Verfilmung von Jack Kerouacs „On the Road“ nicht erklären, warum es ausgerechnet dieser Roman hat sein müssen. Musik, viel Sex, Alkohol und Drogen – das zeichnete wohl noch jede Subkultur aus, die auf sich hielt. Und hier sieht man Sam Riley als Kerouac alias Sal Paradise eben dabei zu, wie er unterwegs alles beobachtet und hinterher Notizen macht.

Schöne Panoramen bietet Salles (u.a. „The Motorcycle Diaries“), der brasilianische Reise-Editor unter den Regisseuren, auf in einer Arbeit, die ungeachtet vieler Sexszenen bieder wirkt. Das muss man erst mal schaffen! In den Filmen des Mexikaners Carlos Reygadas (u. a. „Battle in Heaven“) geht es hingegen gleich um die Erbärmlichkeit und Heiligkeit des Geschöpfs Mensch an sich. Dieser Doppelnatur geht der mexikanische Regisseur unter weiten Himmeln nach, in der eigentlichen Natur, aber auch mal in einem Swinger-Club. Leider ist Reygadas neuer Film „Post tenebras lux (Licht nach der Dunkelheit)“ mit seinen permanenten Doppelbildern und Überbelichtungen ein Fall von metaphysischer Bedeutungshuberei.

+++ Seite 2: Nicht wenige Talente wurden von den Erwartungen erschlagen +++

Nicht wenige der von den großen Filmfestivals gehätschelten Talente werden wie Reygadas am Ende erschlagen von den Erwartungen, die man in sie setzt. Mit Jeff Daniels’ Drama „Mud“, „Do-nuit mat (Der Geschmack des Geldes)“ von Im Sang-Soo und David Cronenbergs Adaption von Don DeLillos Roman Cosmopolis“ stehen noch  drei Wettbewerbsfilme aus. Favorit der Kritiker in der Konkurrenz um die Goldene Palme ist bislang Michael Hanekes  Kammerspiel „Amour“.

Doch inzwischen hat der französische Regisseur Leos Carax die Hauptsektion des Festivals mit einem Überraschungscoup aufgemischt - und das Publikum extrem gespalten. „Holy Motors“ ist eine Tour de Force für den brillanten und berüchtigt schwierigen Schauspieler Denis Lavant, der in allen Filmen von Carax auftrat. Hier verkörpert er Oscar, dessen Job es ist, andere Identitäten anzunehmen: Im Laufe eines Tages sind es hier elf. Gleich zu Beginn des Films besteigt Oscar eine Limousine, die zugleich Garderobe ist, als schwerreicher Wirtschafsboss und verlässt den Wagen wenig später als rumänische Bettlerin.

Danach ist er Darsteller eines Darstellers, aber auch Satyr, Vater, Mörder, Opfer. Als Episodenreihung ist „Holy Motors“ eine wilde, ungeheuer verrückte und verstiegene, aber fast durchweg interessante Reflektion über das Kino, die Schauspielerei und die Allgegenwart immer kleiner werdender, wenn nicht ganz unsichtbarer Kameras. Wer sieht uns - und wie, fragt dieser Film letztlich? Dass „Holy Motors“, in dem Kylie Minogue und Eva Mendes Rollen übernommen haben, einen Preis erhalten wird, scheint so gut wie ausgemacht. Ob es die Palme d’Or sein wird, steht zu bezweifeln – gern werden ästhetische Überforderungen ja mit einem Innovationspreis abgefunden.

Wo soll die Reise hingehen?

Auch Leos Carax, Spross eines alten, reichen Adelsgeschlechts, gilt als ausgesprochen schwieriger Mensch. Und natürlich ist es viel besser, Filme zu machen, als sich von einem Dach fallen zu lassen oder andere Leute mit gefährlichen Gegenständen zu attackieren. Dass Kunst eben nicht nur eine Art ist, die Wirklichkeit zu bearbeiten, sondern vor allem ein Weg, die eigenen Dämonen wenigstens zeitweise zu bannen – dafür war hier als Erstes Wes Andersons Eröffnungsfilm ?Moonrise Kingdom? ein schönes Beispiel.

Das große, übergreifende  Thema dieses 65. Filmfestivals von Cannes wurde schon am Anfang gesetzt: die Flüchtigkeit der menschlichen Identität und die Verteidigung auch ihres vorbehaltlichen Charakters. Nun haben die Festivalarbeiter von Cannes also fast alle 22 Wettbewerbsfilme von den 22 Männern gesehen. Was hat das aus ihnen gemacht? Wohin gehen sie alle?

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