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Doch, das ist Nicole Kidman als Polizistin Erin Bell.

„Destroyer“

Der Traum vom Hässlichsein

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Eine zur Unkenntlichkeit geschminkte Nicole Kidman spielt in „Destroyer“ eine Polizistin mit dunkler Vergangenheit.

In vergangenen Jahrhunderten waren große Schauspieler oft auch große Maskenbildner. Viele Stummfilmstars schöpften noch aus diesem Handwerk oder wussten genau, wie sie ihre ideale Schönheit in der Fotografie erreichen konnten. Marlene Dietrich wusste alles über das Zusammenspiel von Puder und Licht. Heute ist es oft die plastische Chirurgie, die selbstbestimmten Schauspielerinnen dazu dient, an ihrer Leinwandpersona auch bildnerisch zu arbeiten. Man sollte die Diskussionen darüber nicht der Klatschpresse überlassen, sondern wertfrei etwa über den Einfluss von Botox auf die Schönheitsideale der Gegenwart sprechen.

Nicole Kidman verwandelte sich auch äußerlich vom mädchenhaft-natürlichen Typ ihrer Anfänge zum Rollenbild der kühlen Schönheit, das sie zum Weltstar machte. Ob dabei auch medizinische Mittel zum Einsatz

kamen, ist umstritten. Doch ihr mimisches Ausdrucksspektrum wirkte zuletzt deutlich eingeschränkt. Diesen Eindruck versucht sie mit Regisseurin Karyn Kusama nun durch einen großzügigen Make-up-Einsatz gleichsam umzukehren. Wie schon das Filmplakat von „Destroyer“, das sie wie eine Horror-Queen porträtiert, lässt auch die erste Szene dieses Thrillers keinen Zweifel daran, was wohl vor allem zerstört werden sollte: Es ist die Ikone Nicole Kidman. Mit einem zerfurchten Gesicht ist sie auch in der ersten Großaufnahme kaum mehr zu erkennen. Aber ist es nicht noch schwieriger, gegen eine solche Maske anzuspielen als mit möglicherweise gelähmten Gesichtsnerven zu agieren? Mehr denn je wirken ihre Züge schon in dieser ersten Szene maskenhaft. Wird es ihr gelingen, dagegen anzukämpfen?

Die von ihr gespielte Kommissarin Erin Bell wird zu Beginn an einen Tatort gerufen, um eine Leiche zu inspizieren. Ein Tattoo auf dem Nacken des Toten und einen verfärbten Geldschein erkennt die Ermittlerin sofort in ihrer Bedeutung: Offensichtlich steht das Opfer in Verbindung mit einem totgeglaubten Gangsterboss namens Silas (Toby Kebbell), mit dem auch Erin Bell ihre Erfahrungen gemacht hat, und nicht unbedingt die besten. Als verdeckte Ermittlerin war sie an einem Bankraub beteiligt, der tödlich eskalierte.

Um auch das Publikum mit Spuren von Vergangenheit zu versorgen, hat das Kino einmal die Rückblende erfunden. Immer wieder blitzen ein paar Szenen auf, nicht zuletzt um mit einer verjüngten Nicole Kidman Gründe dafür zu liefern, warum sie überhaupt besetzt wurde. Die Gegenwart dazwischen ist nicht mitteilsamer.

Dies ist die Sorte Thriller, für die das deutsche Wort „Krimi“ etwas besser passt: Immer wieder begegnet die Ermittlerin Menschen, die viel reden und sie dabei scheinbar unwillkürlich auf weitere mögliche Informanten verweisen. Die Wege zu diesen werden, wie das in Los Angeles üblich ist, über volle Stadtautobahnen zurückgelegt und beanspruchen ebenfalls viel Leinwandzeit. Immerhin werden die Stadtansichten mit einer Art dunkler Chill-out-Musik (Theodore Shapiro) unterlegt, die den Film stimmungsvoller erscheinen lässt als er sich im weiteren Verlauf herausstellt.

Auch die Drehbuchautoren Phil Hay und Matt Manfredi geben sich Mühe, das Wenige, das sie zu erzählen haben, nicht leichtfertig preiszugeben. Das Wort Verschachtelung ist schon zu hoch gegriffen, denn Schachteln haben immerhin drei Dimensionen. Es sind eher unnötige Umwege, die sie einschlagen. Keiner von beiden hat Erfahrung im Thrillergenre, aber vielleicht haben sie in ihrer Jugend Raymond Chandler oder Dashiell Hammett gelesen, dabei weder „Tote schlafen fest“ noch „Die Spur des Falken“ so recht verstanden und daraus geschlossen, coole Krimis müssten unverständlich sein. Für den Schluss haben sich noch ein paar bis dahin übersehene Handlungsfäden zu einer überraschenden Verknotung verabredet. Auch das entlässt uns nicht wirklich befriedigt.

So bleibt die angestrengt durch den Film humpelnde Kidman das einzige Ereignis, und auch das nur wegen des verunstalteten Äußeren (das gilt auch für die Rückblenden, in denen sie auf recht künstliche Art verjüngt zu sehen ist). Wer den Film im Original sieht, mag selbst beurteilen, ob ihr monotones Flüstern dem Ganzen ein weiteres Mysterium eröffnet; es ist an Penetranz jedenfalls schwer zu überbieten.

In der Rückblende des Bankraubs greift sie selbstsicher zu einem Maschinengewehr, und Filmemacherin Karyn Kusama versucht, das zu einer Art Genre-Pin-up zu stilisieren. Irgendetwas zwischen „Tomb Raider“ und „Die Frau mit der 45er Magnum“. Doch so wenig, wie die nächtlichen Straßen von Los Angeles diesmal ein Geheimnis hüten wollen, stellt sich die kalkulierte Coolness ein.

Die quälende Frage dieses Krimis bleibt jedenfalls unbeantwortet. Sie gilt dem Motiv. Warum um alles in der Welt besetzt man diese Rolle mit einer bis zur Unkenntlichkeit maskierten, hoffnungslos überforderten Nicole Kidman? Die alten Theatermimen wussten schon, warum sie sich so gut verwandeln mussten. In einem kleinen Ensemble spielt Romeo eben auch einmal King Lear. In Hollywood geschieht so etwas allein aus einer besonderen Art von Eitelkeit: Dem Wunsch, einmal hässlich sein zu dürfen.

Destroyer. USA 2019. Regie: Karyn Kusama. 122 Min.

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