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ZDF-Sommerinterview mit Alice Weidel: AfD-Chefin spricht 20 Minuten – und sagt nichts

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Von: Moritz Post

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Für das ZDF-Sommerinterview besuchte der Sender Alice Weidel im Sommerurlaub in Südtirol.
Für das ZDF-Sommerinterview besuchte der Sender Alice Weidel im Sommerurlaub in Südtirol. © Jens Hartmann/ZDF/dpa

Im ZDF-Sommerinterview sprach die AfD-Vorsitzende Alice Weidel über Gespräche mit Russland, Homophobie und ihre Ansichten zum Bundesamt für Verfassungsschutz.

Das Sommerloch hat Deutschland auch dieses Jahr fest im Griff. Zumindest, was die politische Talkshow angeht. Und so erhält auch die Vorsitzende der Alternative für Deutschland (AfD) die Gelegenheit, sich für das ZDF-Format „Berlin direkt“ den Fragen von Shakuntala Banerjee im ZDF-Sommerinterview zu stellen. Dabei legt Alice Weidel erwartungsgemäß die Messlatte sehr hoch dafür, wie wenig begründet Inhaltliches man als Interviewgast in zwanzig Minuten von sich geben kann.

Da das ZDF-Team die AfD-Bundesvorsitzende im Urlaub in Südtirol besucht, lenkt Moderatorin Banerjee das Gespräch zunächst auf eine Reise von Weidel als Fraktionsvorsitzende nach Moskau, wo sie sich nicht mit russischen Oppositionellen getroffen hat. Auf die Frage, weshalb sich Weidel nicht mit dem Regierungskritiker Alexei Nawalny getroffen habe, betont Weidel, dass ihr Besuch kein politischer, sondern ein rein „unternehmerisch-wirtschaftlicher Austausch“ gewesen sei. Weidel wünscht sich, dass „die deutsche Bundesregierung den Gesprächskanal nach Russland offenhalten würde“, da man so „gewisse Probleme nicht hätte“.

Gespräch über Russland, die Ukraine und die AfD: ZDF interviewt Weidel in Südtirol

Die Position der AfD ist laut Shakuntala Banerjee sehr vielstimmig in der Bewertung des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine. Weidel entgegnet: „In unserer Partei und Fraktion ist es unstrittig, dass es sich um einen absolut völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine handelt“. Im Anschluss relativiert sie jedoch umgehend, dass man nicht vergessen dürfe, in welche Situation der Konflikt historisch eingebettet sei: Es sei seit Jahrzehnten bekannt, dass die Bestrebungen, „die Ukraine in die Nato und die EU einzugliedern“ eine rote Linie für den Kreml seien. Der Fehler, den sich der Westen ankreiden lassen müsse sei, dass man die Ukraine in den vergangenen Jahrzehnten nicht als neutralen Staat positioniert habe. Ist der russische Angriff auf die Ukraine nun also die Schuld westlicher Statten? Hier bleibt Weidels konkrete Position erstmals schleierhaft.

Shakuntala Banerjee spricht die AfD-Bundessprecherin auf Aussagen von Parteimitgliedern an, die auch im russischen Fernsehen, die Nähe zur Politik Wladimir Putins suchen würden. Weidel antwortet, dass diese ihr nicht bekannt seien und im Widerspruch zur Linie von Partei und Fraktion stünden. Auf die Rückfrage, wie mit Mitglieder:innen, die diese Position vertreten, konkret umgegangen wird, verharrt Weidel jedoch mehrmals auf dem nichtssagenden Standpunkt, dass „wir das intern klären“, ohne jegliche Details zur Aufarbeitung zu nennen.

ZDF-Sommerinterview mit Alice Weidel: Homosexuellenfeindlichkeit „verhältnismäßig egal“

Banerjee hakt an diesem Punkt jedoch weiter nach: Stimmen wie die des thüringischen AfD-Landesvorsitzenden Bernd Höcke, die eine anti-liberale Gesellschaft fordern, mehren sich laut ZDF-Recherche im Zuge des Ukraine-Konflikts. Konkret macht dies die ZDF-Moderatorin am Beispiel der Gesetzgebung Russlands gegen Homosexuelle, die auch bei Anhänger:innen der AfD Anklang finde. Weidel weicht an diesem Punkt erneut aus und betont, dass man homosexuellen-feindliche Äußerungen in allen Parteien habe. „Ich persönlich kann damit umgehen und es ist mir auch verhältnismäßig egal“, positioniert sich Weidel. Die extremen Positionen in beide (sic!) Richtungen seien von der Lebensrealität der meisten Homosexuellen jedoch weit entfernt.

Damit bezieht die offen homosexuell lebende Weidel ihren eigenen Alltag ausdrücklich mit ein. Mit Anfeindungen gegen Homosexuelle müsse man „ein bisschen lockerer umgehen“. Leider bekommen die Zuschauer:innen nicht zu hören, was die zweite extreme Position sein soll, da Shakuntala Banerjee die ausufernden Antworten von Weidel immer wieder einfangen muss. Vielleicht ist dem Publikum dadurch aber auch eine weitere hanebüchene Erklärung erspart geblieben. Aber keine Sorge: Alice Weidel liefert den Zuschauer:innen des ZDF-Sommerinterviews noch viel für den gezahlten Rundfunkbeitrag.

Weidel im Sommerinterview: Bundesamt für Verfassungsschutz „keine unabhängige Behörde“

In der Folge wechselt das Thema nämlich auf die Einordnung der Alternative für Deutschland durch das Bundesamt für Verfassungsschutz als rechtsextremen Verdachtsfall. Laut Shakuntala Banerjee habe Verfassungsschutzpräsident Thomas Haldenwang dem ZDF-Team von „Berlin direkt“ gegenüber geäußert, dass seine Behörde nach dem vergangenen Bundesparteitag der AfD in Riesa keine Schwächung dieser Tendenzen sieht. Vielmehr sei der neue Bundesvorstand durchsetzt von Personen, die dem sogenannten formal aufgelösten „Flügel“, der mutmaßlich rechtsextremen Plattform in der Partei, nahe standen, weshalb die die Partei nach Einschätzung des Verfassungsschutzes drohe, noch weiter nach rechts zu rücken.

Nun läuft Weidel zur Hochform auf: Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) sei keine unabhängige Behörde, da ihr Präsident Haldenwang Mitglied der CDU ist und direkt an die Innenministerin Nancy Faeser, ihres Zeichens SPD-Mitglied, berichtet. „Hier wird aus meiner Sicht eine Behörde instrumentalisiert.“ Vielmehr handele es sich um einen Inlandsgeheimdienst, der durch Parteigänger:innen genutzt würde, „um die Opposition zu verunglimpfen“. Weidel redet sich in Rage und setzt dem ganzen noch die Krone auf, indem sie die Unabhängigkeit des Bundesverfassungsgerichts in Zweifel zieht: „Dort sitzt ein ehemaliger CDU-Bundesabgeordneter, der heute über Gesetze als Richter befinden soll, über die er vorher als Abgeordneter entschieden hat.“ In keinem anderen westlichen Land gäbe es einer derartigen Form der Vermischung der Gewaltenteilung, steht für die AfD-Bundesvorsitzende fest.

TV-Kritik zu Weidel-Sommerinterview: Kritik und Argumente entbehren Stichhaltigkeit

Dass der Verfassungsschutz eine Behörde ist, die nicht selten zu Unrecht in der Kritik steht, ist eine Position, die in Deutschland legitim vertreten werden kann. Jedoch entbehrt Alice Weidels „Kritik“ am BfV jeglicher sachlicher Stichhaltigkeit und dient alleine dem Zweck davon abzulenken, dass sie und ihr Co-Vorsitzender Tino Chrupalla keine Antwort und keine Handlungsmacht gegen offen rechtsextreme Positionen in ihrer Partei haben. Moderatorin Banerjee entlarvt diese Gesprächstaktik Weidels, indem sie ihre Interviewpartnerin auf die Aussage des AfD-Bundesvorstandsmitglieds Christina Baum anspricht, wonach in diesem Land „ein schleichender Genozid an den Deutschen“ stattfinde. Eine Distanzierung oder gar Benennung von Konsequenzen? Fehlanzeige.

Und es geht weiter: Ob Alice Weidel der Aussage ihres Parteikollegen Björn Höcke zustimme, wonach man selbst (also die Alternative für Deutschland als Partei) entscheide, was rechtsextrem sei und was nicht, möchte Shakuntala Banerjee zum Abschluss des Interviews wissen. Nun zaubert Alice Weidel noch eine Parade-Antwort aus ihrem Köcher mit völlig schleierhaft begründeten Aussagen hervor: „Das muss der Wähler entscheiden. Jeder einzelne ist doch der Souverän in Deutschland.“

ZDF-Sommerinterview mit AfD-Chefin: Weidel will „mehr Unabhängigkeit“ von den Medien

Und zum Schluss kommt auch noch die Kirsche auf den von Alice Weidel anscheinend extra für das ZDF-Sommerinterview zusammengestellten Aussagen-Eisbecher „Coupe Deutschland“: „Immer in die rechte Ecke gestellt zu werden ist extrem langweilig und intellektuell enorm unterfordernd. Da wünsche ich mir auch von den Medien mehr Unabhängigkeit.“

Bei dieser zwanzigminütigen Aneinanderreihung von unkonkreten, unbegründeten und zusammenhangslosen Behauptungen fragt man sich, wer hier denn intellektuell unterfordert wird. Wir empfehlen für das nächste Sommerinterview jedenfalls: Auch im Urlaub niemals zu lange den Kopf in die pralle Sonne halten! (Moritz Post)

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