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Wer nichts sieht, hat keine Phantasie

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Von: Daniel Kothenschulte

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Regisseur Aron Lehmann
Regisseur Aron Lehmann © imago stock&people

Endlich wieder ein großartiger Spielfilm über das Filmemachen: Aron Lehmanns "Kohlhaaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel"

Filme übers Filmemachen, das verkauft sich nicht“, waren sich die Verleiher sicher, denen der Babelsberger Filmstudent Aron Lehmann sein Abschluss-Projekt schmackhaft machen wollte. Stimmt das? Sind wir längst in jener großen amerikanischen Nacht versunken, in der es keinen Raum mehr gibt für Blicke hinter die Kulissen der Illusion? Erscheint seit Dani Levys glücklosem letztem Versuch zum Thema das Leben gar zu kurz dafür?

Lehmann ließ sich nicht stoppen und machte die Schwierigkeiten selbst zum Thema: „Kohlhaaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel“, die Geschichte vom jungen Regisseur „Lehmann“ (Robert Gwisdek), der auch ohne Geld an seiner Vision festhält, ein historisches Epos nach Kleists „Kohlhaas“-Stoff zu stemmen, ist nicht nur die freieste und verspielteste Komödie der Saison. Sie hält der in Übersättigung verarmten deutschen Filmwirtschaft auch einen so scharfen Spiegel vor, als hätte Lehmann gleich noch einen zweiten deutschen Volkshelden auf die Leinwand gebracht, Till Eulenspiegel. Und so wie sich in der Geschichte Fiktion und Realität vermischen, kann man auch kaum über diesen Film ohne die Geschichte seiner Entstehung erzählen.

„Es ist ein Film, der aus der Not geboren wurde“, erzählt Lehmann im Gespräch, „es müssen alle im 11. Semester fertig werden. Aber bloß, weil ich kein Geld hatte, wollte ich kein Küchentischdrama machen. Ich fragte mich also: Was würde passieren, wenn man ‚Braveheart‘ als Dogmafilm machen würde? Also einfach alles wegnehmen?“

Jetzt hat er nicht nur einen solchen Film gedreht, sondern sogar noch einen, der von eben diesem Überlebenskampf erzählt. In der bayrischen Provinz beginnt Jungfilmer Lehmann gerade mit den Dreharbeiten, als seine Finanzierung wegbricht. Doch er lässt sich nicht beirren. Zwei Kühe spielen nun die beiden von einem mächtigen Gutsbesitzer missbrauchten Pferde, die zum Anlass für Kohlhaas’ Feldzug gegen die Ungerechtigkeit werden sollen.

Nach ein paar Tagen ergreift der Hauptdarsteller die Flucht, und auch die verbliebenen Ritter machen in selbstgehäkelten Kettenhemden keine würdige Figur. Allein der reiche Bürgermeister im nahen Speckbrodi fühlt sich aus Eitelkeit zum Mäzenatentum bewogen – oder was er dafür hält. So stellt er dem Team zwar keine Betten, aber doch zumindest den Boden eines Schankraums als Schlafquartier zur Verfügung. Warum nicht? Schließlich wird ja auch mangels Requisiten mit Luftschwertern gekämpft. Je lauter die Zweifel an der Professionalität seines Filmvorhabens werden, desto fanatischer predigt Regisseur Lehmann die Macht der Phantasie: Wer sich das Fehlende nicht vorstellen kann, ist selber schuld. Allein die weibliche Hauptdarstellerin (Rosalie Thomass), der einzige verbliebene Profi in der Truppe, weicht nicht von seiner Seite. Doch gute Feen haben in Märchen leider meist Kurzauftritte.

Aron, der echte Lehmann, hat weit mehr erreicht, als er sich vorstellte. Anders als die meisten Dogmafilme ist „Kohlhaas“ glänzend fotografiert, die Film-im-Film-Sequenzen besitzen eine lyrisch-archaische Westernromantik. „Die deutschen Filmförderungen gucken in Deutschland immer mehr nach Genre, immer weniger nach Kunst“, sagt er.

Doch auch der fertige Film wäre einem breiten Publikum beinahe verborgen geblieben. Bei einer Vorstellung beim Münchner Filmfest 2012 wurde vergessen, auf den Publikumspreis hinzuweisen. Am Ende fehlten vier Stimmen. Der Film geriet nahezu in Vergessenheit, bis er im letzten Juni das Festival des Deutschen Films in Ludwigshafen gewann. Die Preissumme reichte für einen ordentlichen Kinostart.

Bis zu seinem Abspannsong von Leonard Cohen erinnert dieser autobiographisch gefärbte Blick eines jungen Regisseurs auf Fluss und Stagnation in der eigenen Arbeit immer wieder an ein anderes Jugendwerk: Fassbinders „Warnung vor einer heiligen Nutte“. „Den kannte ich gar nicht“, sagt Aron Lehmann, der sich stattdessen Anregungen bei Derek Jarman holte. So ist es mit dem Kino, man muss es für sich selbst erfinden. Filme über das Filmemachen schwärmten davon zu allen Zeiten.

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