Eine Frau (Johanna Wokalek, l.) geht einfach weg und macht dies und das.
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Eine Frau (Johanna Wokalek, l.) geht einfach weg und macht dies und das.

"Freiheit"

Nichts mehr zu verlieren

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Zärtlich und formvollendet inszeniert Jan Speckenbachs Film "Freiheit" eine weibliche Ausbruchsutopie mit Johanna Wokalek.

Manchmal sind Filme dann auch zu gut für die Welt. Als Jan Speckenbachs Film „Freiheit“ auf dem Filmfestival Locarno lief, ragte er aus einem durchwachsenen Wettbewerb heraus wie ein Fels in der Brandung – und wurde doch tatsächlich seines Themas wegen zum Stein des Anstoßes. 

Was für eine Intensität entfachte darin eine Frauenfigur, rätselhaft und von andauernder Faszination: Johanna Wokalek spielt darin eine junge Mutter, die ziellos, aber nicht verloren durch Osteuropa streift, während eine Parallelerzählung in die Familie blicken lässt, die sie dafür verlassen hat. 

Die Kritikerin der „Neuen Zürcher Zeitung“ dokumentierte in ihrem Verriss das Unverständnis von Teilen insbesondere des Schweizer Publikums. „Gerade erst machte die gute Nachricht Kunde, dass in Deutschland wieder mehr Kinder geboren werden, zumal von Akademikerinnen – da kommt ein Film und rührt das Wohlgefühl einer neuen (wirtschaftlichen) Sicherheit, das Familiengründungen begünstigt, solcherart auf.“

Die Ausbruchsutopie einer Mutter aus gesicherten Verhältnissen wirkte offenbar als Provokation – und ließ viele, die es besser wissen sollten, nicht mehr unterscheiden zwischen Kunst und gesellschaftlichem Kommentar. Gerade das große Wort des Titels, „Freiheit“, diente manchen Kritikern als Bestätigung dafür, die hier ausformulierte Fiktion als gesellschaftlichen Kommentar zu deuten. Wie unerhört: Eine Frau, die allen Wohlstand nebst ihrer Mutterrolle einfach so links liegen lässt. „Denn das ist die Freiheit, die im reichlich grossspurigen Titel gemeint ist: auszubrechen aus der Saturiertheit, die Erfahrung der Unsicherheit zu machen.“ Na Gott sei Dank, dass es das wenigstens im Reich des Kunst noch geben darf. Und wenigstens die sollte ja für sich einfordern dürfen, was dieser Film verspricht, die Freiheit. 

Schon die ersten Bilder betreten eine metaphorische Ebene. Da streift die Protagonistin, die ihren Namen im Film ein paar Mal ändern wird, durch Wiens Kunsthistorisches Museum. Normalerweise wirken solche Szenen gestellt, doch man glaubt gern, dass sie sich im Strom der zahllosen Touristen treiben lässt, bis Pieter Bruegels „Turmbau zu Babel“ sie innehalten lässt, das Biotop der Gottvergessenen.

In der folgenden Szene fährt sie einfach Straßenbahn, blickt sinnierend aus dem Fenster, und als sie an der Endhaltestelle angekommen ist, fragt sie den Fahrer, ob sie darin warten kann, bis er sie wieder mit zurück fährt. Das ist unerhört genug, doch als sie dann noch untätig beobachtet, wie ein Junge dem Fahrer seine Kasse stiehlt, fällt diesem nichts mehr ein. 

Was für eine schöne Einführung in die Verfasstheit eines Menschen, der sich für nichts mehr als sich selbst verantworten möchte. Im weiteren Verlauf des ebenso unvorhersehbaren wie formbewussten Films hat die Protagonistin Sex mit einer Zufallsbekanntschaft, dessen zärtliche Unbekümmertheit sich dem Zuschauer durch den Dialog danach vermittelt: „Du hast einen schönen Schwanz.“ – „Wieso, ich dachte, die schauen alle ziemlich ähnlich aus.“ – „Quatsch.“ – „Da freut er sich aber, der Schwanz.“ Dennoch ist es mit dieser kleinen Freiheit schnell vorbei, als der Mann auf ihren Ausweis schaut und sich belogen fühlt, als er darin einen anderen Namen liest, als den, den sie genannt hat. 

Länger hält es die Wandernde auf ihrem weiteren Weg in Bratislava, wo sie sich mit einer Sexarbeiterin anfreundet. Die wäre als alleinerziehende Mutter wohl geradezu ein Vorbild an jener Verantwortung, vor der die Heldin flieht. Doch dies ist nicht der Film, der ein Lebenskonzept offen gegen das andere ausspielt.

Im leichten und doch zielstrebigen Weg, den Speckenbach dafür wählt, fallen Inhalt und Form weitgehend zusammen. Lediglich die Parallelerzählung in Berlin kommt nicht ganz mit. Der alleingelassene Ehemann kommt an die Grenzen seiner ethischen Disziplin, als er sich neben dem seelischen Leiden auch noch berufliches aufhalst. Er hat die Verteidigung eines Neonazis übernommen, der einem Geflüchteten schwere Verletzungen zugefügt hat. Kein Wunder, dass man da auch mal aus seiner Haut fahren möchte – oder wie die Protagonistin aus der gesellschaftlichen Rollenzuweisung schlüpfen.

Nach den Meisterwerken von Maren Ade („Toni Erdmann“) und Valeska Griesebach („Western“) gibt es also schon wieder einen deutschen Festivalfilm von hoher Qualität. Und wir haben Christian Petzolds kommenden Berlinale-Beitrag „Transit“ noch gar nicht gesehen, der uns in einer guten Woche beschäftigen wird. 

Selbst in der großen Zeit des Neuen Deutschen Films waren große Filme kaum in höherer Dichte anzutreffen. Es gibt sicher vieles zum Davonlaufen; deutsche Filme aber gehören nicht mehr notwendigerweise in diese Kategorie.

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