TV-Kritik "Anne Will"

Nichts hören, nichts sehen

Eine gewerkschaftlich engagierte Putzfrau mischte die Diskussion bei Anne Will auf: Und die Herren Lindner, Horx und Gerster konnten sich ihre Argumente zugunsten befristeter Arbeitsplätze flexibel in die Haare schmieren. Von Natalie Soondrum

Von Natalie Soondrum

Die Runde bei Anne Will am gestrigen Abend war effektvoll zusammengesetzt: Denn wenn es um das Thema befristete Arbeitsverträge und Lohndumping geht, kann man der Putzfrau Susanne Neumann aus Gelsenkirchen nichts vormachen. Sie macht den Job seit fast 30 Jahren und engagiert sich überdies als Betriebsrätin.

Sie prangerte in der Sendung an, dass in der Gebäudereinigung nur noch Sechsmonatsverträge abgeschlossen würden. Das würde die Mitarbeiter klein halten und die Betriebsräte aushebeln. Von wegen Kündigungsschutz.

Das habe auch nichts mit der Wirtschaftskrise zu tun, bellte sie den FDP-Bundestagsabgeordneten Martin Lindner an - woran Anne Will sichtbar ihre Freude hatte. Denn das Lohn- und Arbeitsplatzdumping spiegele nicht eine schlechte Auftragslage, sondern die Unsitte, an den Arbeitnehmern zu sparen zugunsten des Gewinns der Unternehmer.

Das hörte Lindner naturgemäß überhaupt nicht gerne, denn als Polit-Profi hatte er sich schon sorgfältig zurechtgelegt, wie er den Plan der schwarz-gelben Koalition, befristeten Anstellungsverträgen weiter Vorschub zu leisten, wirksam vorbringen wollte.

Dabei unterstrich er noch mal deutlich, dass es der rot-grünen Koalition zu verdanken sei, dass durch "Instrumente" wie Zeitverträgen, die Arbeitslosigkeit in Deutschland von fünf auf 3,5 Millionen gesunken sei. Weil 400-Euro-Jobs als volle Arbeitsplätze gezählt würden, moserte Neumann. Uups.

Wie Lindner sind auch der Ex-Chef der Bundesagentur für Arbeit, Florian Gerster, und der Ex-Szenejournalist und Zukunftsexperte, Matthias Horx, Befürworter befristeter Arbeitsverträge. Gerster pochte darauf, dass Deutschland den "wasserdichtesten" Kündigungsschutz der Welt habe. Das war kein besonders schlagkräftiges Argument, da dieser Schutz bei einer befristeten Anstellung selbstverständlich nicht wirksam ist.

Horx schwang sich sogar auf, den ehemals sicheren Arbeitsplatz mit unbefristeter Anstellung mit dem Prädikat "lebenslänglich" zu versehen. Die Menschen dürsteten - wie praktisch - im Zeitalter der Globalisierung nach flexibleren Arbeits- und Lebensformen. Der Einspieler widersprach dieser Behauptung eklatant.

Er zeigte einen jungen Berliner Mediengestalter, der sich danach sehnt eine Familie zu gründen, aber sich nicht traut, weil er aufgrund seiner wechselnden befristeten Arbeitsverträge nicht einmal weiß, wie er in acht Wochen die Miete bezahlen soll. "Schade, dass Sie einen Arbeitnehmer gewählt haben, der mit der Situation nicht zurechtkommt", bemerkte Horx zu Will.

Auf einen entsprechenden Kommentar von Susanne Neumann, erwiderte Horx, die Reinigungskräfte könnten sich doch selbstständig machen, wenn ihnen die Halbjahresverträge nicht zusagten. Es hätte in der Geschichte der BRD schon einmal eine Gruppe befristet Angestellter gegeben, die Gastarbeiter. Die hätten nach Ablauf ihrer befristeten Verträge, ihr Leben selbst in die Hand genommen und Restaurants gegründet.

Dazu kann ich nur sagen, dass die alleinerziehende Mutter meiner türkischen Freundin, am Monatsende immer geheult hat, wenn sie ihren Lohn bekam. Sie hat nie eine Gastronomie eröffnet, sondern ist mit Mitte 50 völlig abgearbeitet aus der Fabrik direkt in die Frührente gegangen. Horx will nur das sehen, was seine elitäre, überaus beschränkte Sicht bestätigt.

Das gilt auch für die Herren Gerster und Lindner: Sie wollen nichts sehen und hören, was ihnen zeigen würde, dass das Zahlenspiel der befristeten Arbeit vielleicht auf dem Papier ganz gut aussieht, in der Realität die Würde des arbeitenden Menschen maßgeblich beeinträchtigt.

Man konnte Klaus Ernst, dem stellvertretenden Vorsitzenden von der Linken nur uneingeschränkt Recht geben, als er bemerkte, die Praxis der Zeitverträge und des Lohndumpings wälze das unternehmerische Risiko voll auf die Schultern der Arbeitnehmer ab, während die Unternehmer die Gewinne weiterhin voll einstreichen.

Es braucht nur eine kleine Reinigungskraft mit grellrot gefärbten Haaren, die sich gewerkschaftlich engagiert, und diese Wahrheit klingt lauter als alle Schönfärberei. Kein Wunder, dass die Marktliberalisierer Angst vor Betriebsräten haben.

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