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Ukraine-Krieg bei „Hart aber fair“: FDP-Urgestein besticht durch peinliche Fehltritte

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Von: Rolf-Ruediger Hamacher

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Bei „Hart aber fair“ (ARD) mit Frank Plasberg wird über Putin und Deutschlands Beziehung zu Russland debattiert.
Bei „Hart aber fair“ (ARD) mit Frank Plasberg wird über Putin und Deutschlands Beziehung zu Russland debattiert. (Screenshot) © ARD

Moderiert von Frank Plasberg diskutieren die „Hart aber fair“-Gäste mit Blick auf den Ukraine-Krieg in der ARD über Deutschlands Beziehung zu Russland.

Köln – „Putins Krieg oder Krieg der Russen: Wie weiterleben mit diesen Nachbarn?“, lautet die Frage dieses Abends bei Frank Plasberg - und die Antworten darauf können nach zwei Jahren Corona-Pandemie-Ausschluss endlich auch wieder Zuschauer im ARD-Studio miterleben.

Moderator Frank Plasberg machte es gleich konkret: Wie tickt die russische Bevölkerung? Warum jubeln sie Putin zu? Und warum sind Putins Beliebtheitswerte immer dann am höchsten, wenn er seine Nachbarn überfällt, wie 1999 die Tschetschenen, 2008 die Georgier und 2014 die Krim annektiert? Immerhin unterstützen laut russischen Umfragen 82 Prozent seiner Landsleute die „Militärische Spezialaktion“ – den Ukraine-Krieg. Schon sind die Gäste im Studio in einer engagiert und in Detailfragen auch kontrovers geführten Diskussion:

„Hart aber fair“ in der ARD: Michel Friedman sieht deutsche Mitverantwortung für Ukraine-Konflikt

Das mittlerweile fast 90-jährige Politiker-Urgestein Gerhart Baum – das uns mit dem Bekenntnis , „er habe russisch-ukrainische Wurzeln“, überrascht – hängt sich bei „Hart aber fair“ (ARD) gleich weit aus dem Fenster und widerspricht der durch die Umfrageergebnisse scheinbar belegten Unterstützung der Russen von Putins Krieg: „‘Die‘ Russen gibt es nicht!“ Auch Michel Friedman glaubt nicht an den Wahrheitsgehalt von in einer Diktatur erhobenen Umfrage, zumal „ich vor Beginn des Krieges nicht gesehen habe, dass die Kriegslust von der Bevölkerung ausging. Die wurde von der Regierung formuliert“.

Gäste bei Frank Plasberg
Gerhart BaumFDP-Bundesinnenminister 1978-1982
Stefan CreuzbergerHistoriker, Professor für Zeitgeschichte
Michel FriedmanPublizist und TV-Moderator
Narina KaritzkySchule für russische Sprache und Kultur
Marina Weisbanddeutsch-ukrainische Publizistin

Aber Friedman sieht auch Deutschland in der Mitverantwortung: „Wir haben Jahre lang weggeschaut, als in Russland die Opposition unterdrückt wurde, ins Gefängnis gesteckt oder ermordet wurde. Trotzdem haben wir weiterhin Geschäfte mit Putin gemacht – und jetzt lässt sich der Kanzler durch Putin erpressen, übernimmt sein Narrativ vom Atomkrieg, mit dem er uns Angst machen will.“

Marina Weisband bei „Hart aber fair“ (ARD): Russische Bevölkerung steht hinter Ukraine-Krieg

Bei Gerhart Baum ist diese Angst schon angekommen. Er befürchtet bei Frank Plasberg, dass Putin allein über den Einsatz von Atomwaffen entscheidet und dass er weitermachen wird: „Es wird keinen Frieden mit Putin geben.“ Und nimmt es geradezu persönlich: „Das ist eine tiefe Zäsur, auch in meinem Leben.“ Der „Hart aber fair“-Talk-Runde ist aber keineswegs nach Scholz´scher Zauder-Kommunikation zumute: Sie wollen Tacheles reden.

Vor allem die Russin Narina Karitzky und die zu Sowjetzeiten in Kiew geborene Marina Weisband hinterfragen das schon inflationär gebrauchte Narrativ von „Putins Krieg“. „Es ist leider Russlands Krieg, hinter dem ein Großteil der Bevölkerung steht, die jahrelang durch die jahrelange durch die staatliche Medien-Propaganda manipuliert wurde.“

Marina Weisband beobachtet in der ARD diese Wirkung auch unter den deutschstämmigen Russen in Deutschland: „Es gibt einen Riss, der sich durch unsere Familien zieht, wo man nicht mehr miteinander spricht, weil man entweder dem russisches Fernsehen glaubt oder den hiesigen Nachrichten.“

„Hart aber fair“ in der ARD: Historiker erklärt russische Gewaltexzesse in Ukraine

Was Frank Plasberg (ARD) mit Bildern einer Pro-Russland-Demonstartion untermauert, in der eine Deutsch-Russin die Massaker in Butscha dem ukrainischen Präsidenten in die Schuhe schiebt: „Der ist ja schließlich Schauspieler“. Das Wort „Dummheit“ will da angesichts dieser Aussage keinem in der Runde über die Lippen kommen. Nur Friedman wundert sich, dass man das russische Fernsehen hier nicht wegen unverhohlener Kriegspropaganda verbietet. Dass Baum da in alter FDP-Manier mit der „uneingeschränkten Meinungsfreiheit“ um die Ecke biegt, ist nicht sein einziger peinlicher „Fehltritt“ an diesem Abend.

Auch als der Historiker Stefan Creuzberger die Tradition in der russischen Armee, den Willen der Rekruten zu brechen, für deren Gewaltexzesse verantwortlich macht, versucht Baum das mit den Gräueln der Nazi-Zeit zu relativieren. Creuzberger wehrt aber mit süffisanter Ironie Baums ständige „Anwürfe“ ab und bricht eine Lanze für den von Baum abgelehnten, wissenschaftlichen Vergleich von Kriegsverbrechen. Gleichzeitig plädiert er für eine wieder neu belebte Realpolitik, weil wir „eine vom Frieden verwöhnte Gesellschaft sind“.

„Hart aber fair“ in der ARD: Putin-Hitler-Vergleich ist unsinnig

Auch Weisband haut in der ARD in diese Kerbe: „Was wir begreifen müssen, ist, den Unterschied zwischen Aggressor und Opfer. Und die Tatsache, dass es in einer solchen Auseinandersetzung keine neutrale Position gibt. Das ist etwas, das uns die deutsche Geschichte lehrt.“ Trotz Verständnis für Deutschlands pazifistische Haltung, sei es nun aber an der Zeit, Courage zu zeigen: „Die Ukraine hat ein Recht auf Frieden. Das bedeutet keine marodierenden, vergewaltigenden, mordenden Soldaten auf ihrem Territorium. Die müssen vertrieben werden.“

Frank Plasberg versucht noch mal mit der Wortschöpfung „Putler“ zu provozieren: Kann man Putin mit Hitler vergleichen? Und lässt einige Historiker bei „Hart aber fair“ zu Worte kommen. Friedman verwehrt sich gegen diese unsinnigen Überlegungen: „Wir brauchen nicht Hitler als Vergleich.“ Für ihn hat Putins Krieg seine eigenen, schrecklichen „Qualitäten“. Genauso widerspricht er, als Plasberg von „russischer Mentalität“ faselt: „Es gibt keine russische, deutsche oder französische Mentalität.“

Leider setzt Frank Plasberg noch einen drauf und zitiert Schimpfworte, mit denen man die Deutschen im Ausland gerne beschimpfte: „Fritz“, „Kraut“ , „Piefke“ , „Moffen“. Ob das den Russen auch bevorsteht, blieb wegen der auslaufenden Sendezeit zum Glück eine rhetorische, gleichwohl sinnfreie, Frage. (Rolf-Rüdiger Hamacher)

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