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Ärzte aus "New Amsterdam" (von links nach rechts): Tyler Labine, Freema Agyeman, Ryan Eggold, Janet Montgomery und Jocko Sims.

„New Amsterdam“, Vox

Ein Superheld im Geiste Äskulaps

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Mit der Krankenhausserie „New Amsterdam“ unterbietet die US-Senderkette NBC selbstgeschaffene Standards.

Im September 2018 startete in der US-amerikanischen Senderkette NBC die neue Klinikserie „New Amsterdam“. Diese Verbindung von Programmanbieter und Genre hat Tradition. 1982 schrieb NBC mit „St. Elsewhere“ Fernsehgeschichte, einer jener Produktionen, die lange vor HBO und Netflix eine Abkehr von hergebrachten Mustern markierten und auf dem Gebiet der Erzählserie neue Maßstäbe setzten.

„St. Elsewhere“, in Deutschland unglücklich „Chefarzt Dr. Westphall“ überschrieben, stammte von der Produktionsfirma MTM, die zuvor mit „Polizeirevier Hill Street“ der Polizeiserie neue Impulse gegeben hatte. Beide Serien hatten den grimmigen Realismus gemein, den makabren Humor, das vielköpfige Ensemble, die parallel laufenden Handlungsstränge. 

„Halbgötter in Weiß“ suchte man im fiktiven Kiezhospital „St. Eligius“ vergeblich. Die Ärzte waren überarbeitet, einzelne Doctores nahmen Drogen, einer erwies sich als Vergewaltiger, ein anderer erkrankte an Aids, in jenen Tagen für die meisten Fernsehautoren noch ein Tabuthema. Signifikant: Hier wurde gleichrangig auch vom nichtmedizinischen Personal erzählt.

Leben und Sterben im „Bellevue“

Es war wiederum NBC, das 1994 „Emergency Room“ ins Programm nahm, eine Serie, die auf Michael Crichtons Sachbuch „Fünf Patienten“ basierte und, unterstützt von neuen Kameratechniken, die realistische Darstellung eines Notaufnahmebetriebs nochmals um einiges weitertrieb. „Emergency Room“ blieb stolze 15 Jahre im Programm.

Nicht zuletzt die Hoffnung, an diesen Erfolg anknüpfen zu können, dürfte die Entscheidung beeinflusst haben, das Sachbuch „Twelve Patients: Life and Death at Bellevue Hospital“ von Dr. Eric Manheimer zur Ausgangsbasis einer Erzählserie zu machen. Wie schon der 2008 verstorbene Michael Crichton, berichtet der frühere medizinische Direktor des New Yorker „Bellevue Hospitals“ in seinem Buch unmittelbar aus der klinikärztlichen Praxis, zudem von seinem eigenen Kampf gegen den Krebs.

Das „Bellevue“ ist das älteste öffentliche Krankenhaus der USA. Hier werden UN-Diplomaten und Obdachlose behandelt und Nachwuchsärzte ausgebildet, es gibt eine gesicherte Abteilung für erkrankte Gefangene der Haftanstalt „Rikers Island“ und Räumlichkeiten für den jeweils amtierenden Präsidenten, sollte der während eines New-York-Aufenthalts medizinische Hilfe benötigen.

Ein prächtiger Fundus also für eine Fülle an Geschichten. Für die Serie wurde das „Bellevue“ umgetauft in „New Amsterdam“. Das Vorbild bleibt erkennbar, auch finden sich einige Motive aus dem Buch Manheimers, der sich zwar einen Titel als Producer sicherte, aber offenbar keinen Einfluss auf die Drehbücher ausübt. Denn die Erzählhaltung des Autors und Produzenten David Schulner ist eine völlig andere. 

Er installiert mit Dr. Max Goodwin (Ryan Eggold) eine klassische Heldenfigur, einen charismatischen weißen Ritter, der in der ersten Folge die Leitung des Krankenhauses übernimmt. Er kommt bescheiden durch die Hintertür, probt aber gleich danach den großen Auftritt. In einem radikalen Akt entlässt er auf einen Schlag sämtliche Herzchirurgen, weil die angeblich nur an ihre Einnahmen denken und, so eine nachgereichte legitimierende Information, die Hygienevorschriften vernachlässigt haben sollen.

Die Erlöserfigur

Die Autoren spielen das unkonventionelle Wesen dieses Mannes in aller Breite aus. Er verweigert das Gespräch mit dem Krankenhausvorstand mit der Begründung, er sei Arzt und müsse sich seinen Patienten widmen. Er spricht nett mit dem hispano-amerikanischen Reinigungspersonal, bittet freundlich um innovative Ideen und behandelt auch mal eine Obdachlose draußen auf der Straße. Nebenbei versucht er, seine kriselnde Ehe zu retten, kümmert sich um seine schwangere Frau und kommt irgendwann endlich auch dazu, die Behandlung seines Kehlkopfkrebses einleiten zu lassen.

In der Weise, wie der Idealist Goodwin – nomen est omen – zum Superhelden im Geiste Äskulaps stilisiert wird, liegt zugleich eine Herabsetzung aller anderen Figuren. Bedurfte es wirklich erst dieses Neuzugangs, um Hunderte von Ärzten an ihr berufliches Ethos zu erinnern? Wurde unter seinem Vorgänger nur gestümpert? In einem Krankenhaus dieses Ranges?

Muss man nur die Ärmel hochkrempeln und einmal kräftig durchfegen, um das ja tatsächlich in vielen Bereichen dringend reformbedürftige amerikanische Krankenhaussystem von heute auf morgen zu erneuern? Die Autoren um den verantwortlichen Produzenten David Schulner erwecken diesen Anschein, auch um den Preis der Lächerlichkeit. Wenn Goodwin den Warteraum der Notaufnahme auflöst und Anweisung gibt, jedem Patienten ohne Voruntersuchung direkt ein Bett zuzuweisen, ist das purer Blödsinn. 

Die Entlassung der Chirurgen führt dazu, dass der neu berufene Abteilungsleiter Floyd Reynolds (Jocko Sims) alle einschlägigen Operationen selbst durchführen muss. Eine optimale Patientenversorgung sieht anders aus. Die Maßnahme widerspricht also völlig Goodwins behaupteten Absichten. Es hapert somit bei der Handlungslogik und zugleich dramaturgisch: Max Goodwins Allgegenwart lässt sich nur wahren, indem die Autoren bei den zeitlichen Abläufen mächtig mogeln.

Die eigentümliche Schwäche dieses Formats liegt darin, dass Produzent Schulner ein überdimensioniertes Individuum ins Zentrum stellt. Andere Figuren erscheinen nur über ihre Beziehung zu Max Goodwin. Krankenpfleger und sonstiges Personal bleiben ausgeblendet, fungieren bestenfalls als Handlanger oder als menschliches Dekor im Hintergrund.

Aber die Autoren haben Gelegenheit erhalten, die Erzählperspektive zu weiten. NBC hat eine zweite Staffel bestellt. „New Amsterdam“ wäre nicht die erste Serie, die im Verlauf ihrer Fortschreibung gewinnt.

„New Amsterdam“, ab Mittwoch, 6.3., 20.15 Uhr, in Doppelfolgen bei Vox

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