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Khavn De La Cruz dreht Videos mit der Farbigkeit von Marmelade.

„Happy Lamento“

Für ein neues Kino der Attraktionen

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Alexander Kluge hat mit dem Genre-Avantgardisten Khavn De La Cruz zusammengearbeitet: „Happy Lamento“ bietet Hoffnung in der Krise.

Wer nach zwanzig Jahren auf die Kinoleinwand zurückkehrt, tut vielleicht gut daran, ein paar alte Bekannte mitzubringen. Alexander Kluge hat auch in „Happy Lamento“ die üblichen Verdächtigen seiner Fernsehsendung versammelt wie Helge Schneider und Hannelore Hoger, aber das Rendezvous der Freunde beginnt noch deutlich früher – mit den Artisten aus der Zirkuskuppel seines Langfilmdebüts von 1966. Ratlos oder nicht, drehen sie noch immer in den Seilen ihre Kreise, und die Metaphorik ihrer exponierten Existenz taugt für die aktuelle Gegenwart mindestens genauso gut wie damals.

Auch der medienaffine, gegenwärtige US-Präsident hat in Kluges neuester Montage staunenswerter Miniaturen einen Platz gefunden. Da sieht man ihn auf einem Hamburger Rollfeld zum unseligen G20-Gipfel landen. Um dem Politik- und Medienzirkus den passenden Rahmen zu geben, hat der Filmemacher dazu einen animierten Affen in das Bild gestanzt. So hieß das damals in der Zeit des analogen Videoschnitts, als es sich Kluge in den 80er Jahren auf der Frequenz eines Privatsenders gemütlich machen konnte. Seine Videobilder sehen heute nicht anders aus als damals, auch in der Typographie ist die frühe Postmoderne noch lebendig.

Alexander Kluge jammert nicht über den Untergang des Kinos

Happy Lamento

Deutschland 2018. Regie: Alexander Kluge und Khavn De La Cruz. 90 Min.

Während andere das Kino für obsolet erklären, entdeckt es Alexander Kluge gerade wieder. In den Kinos versammeln sich heute Leute, die entweder keinen Fernseher mehr benutzen oder sich so wenig in den Programmen auskennen, dass sie nicht mehr mit Bestimmtheit sagen können, ob es den Kluge dort eigentlich noch gibt. Jetzt kann man ihn also im Kino finden mit einigen wirklichen Klassikern aus seinem Archiv. Heiner Müller rezitiert sein frühes Gedicht über den Mond, Helge Schneider über die schon von Mickey Mouse meisterlich dirigierte Orchestrierung des Alls – und der kürzlich verstorbene Peter Berling über den militärischen Einsatz von Löwen.

Der Mond, diese einfachste und unfehlbarste aller Bühnendekorationen, thront allwissend über den Assoziationsketten, die diese Sammlung anstößt. Man muss nicht erst wie Heiner Müller eine Exekution in seinem Glanz besingen, um seiner Dialektik zu verfallen. Der Song „Blue Moon“, berühmt durch Billie Holiday und Elvis, feiert ihn in seiner verschmitzten Janusköpfigkeit – im Augenblick seiner völligen Verweigerung. Wenn sich der Mond nicht zeigt, kann er auch den Liebenden nichts nützen.

Es gibt auch neues Material in diesem Film, und das erstaunlichste davon stammt gar nicht von Kluge selbst. Im philippinischen Filmkünstler Khavn De La Cruz hat er einen Seelenverwandten gefunden. Mit bescheidensten Mitteln, oft unter dem Einsatz der ganzen Familie, dreht er betörende Traumspiele in Videos, die etwa die Konsistenz und Farbigkeit von Marmelade haben. Der 45-Jährige, der 2017 bei den Kurzfilmtagen die spektakuläre Installation „Happyness“ präsentierte, kann es an Produktivität ohne weiteres mit Kluge aufnehmen. Seit 1994 hat er nicht weniger als 47 Lang- und 112 Kurzfilme hervorgebracht.

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Was wäre ein Kino-Zirkus ohne Elefant?

Kluge zeigt Khavn De La Cruz bei den Dreharbeiten seines Films „Alipato – The Very Brief Life of an Ember“, einer Dickens’schen Vision von Kinderkriminalität in einem zukünftigen Mondo-Manila. Die deutsch-philippinische Koproduktion kam bereits 2016 ins Kino. Zunächst scheint es verwegen, diesen Video-Alchemisten im Zusammenhang eines Montagefilms über Schausteller zu erleben, doch Kluge ist alles andere als despektierlich. Die filmische Kunstform hatte ihre Anfänge in der Schaustellerei der Wende zum 20. Jahrhunderts, und noch immer basieren die erfolgreichsten Blockbuster Hollywoods auf dem Erfolgsrezept eines „Kinos der Attraktionen“. Kluge stellt den philippinischen Künstler in den Kontext einer Jahrtausende alten Kunsttradition des Staunens und des kultivierten Schreckens, dessen Bühnenränder auch den Mond einschließen.

Als Alexander Kluge 1987 seine epische Fernseharbeit begann, hatte dieses Medium selbst noch etwas von diesem Jahrmarktszauber, und das Privatfernsehen war mit Sendungen wie „Tutti Frutti“ sehr darum bemüht, ihn zu erhalten. In dieser Zeit war Kluge für das Kulturfernsehen, was Heinz Sielmann für den Tierfilm war – eine unerschöpfliche Quelle des Staunens.

Heute ist er 87 Jahre alt, und als er diesen Film im vergangenen Jahr in Venedig zeigte, war es einer der jüngsten im offiziellen Programm. Er ist keineswegs der letzte seiner Art; das Kino erlebt gerade den radikalsten Wandel seit der Wende zum Tonfilm Ende der zwanziger Jahre. Nun kommt es darauf an, was wir daraus machen.

Das Duo Alexander Kluge/ Khavn De La Cruz gibt eine gute Idee davon. Ebenso gut könnte man sich vorstellen, dass Youtuber demnächst die wunderbare Magie des Kinosaals für sich entdecken. Anstatt über den Untergang zu jammern, gibt es hier ein paar Anregungen für ein glückliches Lamento.

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