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Droht ein neuer kalter Krieg?

„Der neue Kalte Krieg“, Arte

Gefährlicher Unfug

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Drohen und bedroht werden: Ein Dokumentarfilm über den Wahnsinn der aktuellen nuklearen Aufrüstung.

Wir waren schon mal weiter. Ende der achtziger Jahre begann man in Deutschland mit dem Verschrotten der Pershing-Raketen. Die verantwortlichen Politiker der USA und Russlands hatten sich geeinigt, die gegenseitige atomare Bedrohung zu reduzieren. Heute jedoch, so Wolfgang Ischinger, Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, sei die nukleare Sicherheitslage in Europa „gefährlicher, als sie es jemals war seit dem Ende der Sowjetunion“. Andreas Orth hat für seinen Film „Der neue Kalte Krieg“ alarmierende Belege für Ischingers Aussage gefunden.

So soll es immer noch 2000 einsatzbereite Atomwaffen in Europa geben. Die USA testen neue Atombomben, kleiner und mit angeblich begrenzter Reichweite, leichter zu transportieren, und sie wollen mit diesen Waffen auch Europa beglücken... So wird die Bestückung deutscher Tornado-Bomber mit ihnen erprobt. Orths Arbeit ist hochaktuell, nachdem erst die USA und dann Russland jetzt den INF-Vertrag aufgekündigt haben, und die Aussagen seiner Gewährsleute „beunruhigend“ zu nennen, wäre untertrieben. 

Dabei bemüht sich der Autor um eine extrem nüchterne Schilderung der Lage. Seine Bilder sind eher unspektakulär, seine Kommentare sachlich; die Brisanz liegt in der Haltung, die die von ihm befragten Experten einnehmen. Wenn Historiker heute den Beginn des Ersten Weltkriegs auch darauf zurückführen, dass das Kaiserreich quasi zwanghaft der Vorstellung folgte, es müsse Krieg geben, so ließen sich die Worte von Militärs und Wissenschaftlern hier ähnlich interpretieren: Sie glauben offenbar, ein Krieg mit atomaren Waffen sei führbar. 

Selbst ein eher besonnener Experte wie Wolfgang Ischinger will „nicht ausschließen“, dass man über eine „nukleare Unterfütterung einer künftigen Europäischen Verteidigungsunion nachdenken könnte“. Schon forderte jüngst Polens Außenminister die Stationierung von US-Atomwaffen in seinem Land. Ähnlich ist die Haltung einiger US-Fachleute. 

Brad Roberts, Vize-Verteidigungsminister unter Barack Obama, argumentiert, der Verzicht auf „Modernisierung“ sei einseitige Abrüstung, und ein Bruce Bennet, Militärexperte der Rand Corporation, fantasiert davon, dass die Russen einen nuklearen Schlag führen könnten, der etwa durch „eine Atombombe über dem Kreml“ zu verhindern wäre... Der rechtskonservative Politologe Christian Hacke treibt es auf die Spitze: Das Tabu einer deutschen Atombombe müssen endlich fallen, damit würde unsere Demokratie gestärkt – wobei er tunlichst verschweigt, dass Deutschland sich verpflichtet hat, keine nuklearen Waffen zu besitzen. 

Und um seine Forderung zu bemänteln, behauptet er, eine deutsche A-Bombe dürfe nicht „antirussisch interpretiert“ werden, sondern „verteidigungspolitisch in alle Richtungen“. Ob er da an Malta oder Grönland gedacht hat? Kein Wunder, dass Experten wie Ulrich Kühn vom Hamburger Institut für Friedensforschung von „gefährlichem Unfug“ reden. Aber die aktuelle geopolitische Lage befeuert die Fantasien der Bellizisten in beiden Lagern, denn, wie Ischinger formuliert, „man traut sich nicht über den Weg“ – fast logisch, wenn an der Spitze der Großmächte Politiker stehen, die Rationalität durch Potenzgehabe ersetzen. 

„Der neue Kalte Krieg“, Arte, Dienstag, 5. Februar, 22.35 Uhr.

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