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Die Gewinnerin der Casting-Show, Anika Scheibe (links), mit Model-Jurorin Eva Padberg.

"Das perfekte Model"

Netter zu den Mädchen, näher an der Modewelt

Die etwas andere Casting-Show bei Vox ist ein gelungenes Experiment und für die Gewinnerin Anika Scheibe vielleicht tatsächlich ein Karriere-Sprungbrett. Trotzdem ist fraglich, ob sich die Show als Sendeformat halten kann.

Von Ricarda Breyton

„Androgynie“ heißt die neue Eigenschaft, die man unbedingt besitzen sollte, um in der Modelwelt Erfolg zu haben. Der Ausdruck ist griechisch und bezeichnet den Umstand, weibliche und männliche Elemente in sich zu vereinigen. Das soll schön sein? Offensichtlich! Dafür ist die Münchnerin Anika Scheibe das beste Beispiel. Sie ist nach dem gestrigen Finale ganz offiziell „das perfekte Model“ und das gerade auch, weil sie so „knabenhaft“ (wenig schmeichelhafter Ausdruck, mit dem sie von den Medien bedacht wurde) oder „androgyn“ (Sprache der Designer) daherkommt.

Damit ist sie die Siegerin einer Show, die als Experiment gestartet war. Denn „Das perfekte Model“ ist der Versuch gewesen, neben „Germany’s next Topmodel“ eine Castingshow zu etablieren, die das gleiche Ziel mit anderen Methoden verfolgen sollte. Netter zu den Mädchen wollte man sein, näher an der realen Modewelt und überhaupt: Das neue Konzept mit zwei Mentorinnen, die mit ihren Model-Aspirantinnen im Wettstreit gegeneinander anzutreten hatten, sollte eine interessante Neuerung sein.

Harmloses Gerangel der "Modelmamas"

Zumindest letzteres ging nicht auf. Das angekündigte Duell zwischen den Topmodels Eva Padberg und Karolína Kurkowá blieb ein harmloses Gerangel, das wurde auch gestern beim Finale klar. Da saßen die beiden „Modelmamas“ wahlweise einträchtig nebeneinander oder lagen sich in den Armen.

So blieb der Wettbewerb unter den Mentorinnen nur Schein. Anika Scheibe ist nicht „das perfekte Model“, weil sie von Padberg gecoacht wurde, sondern weil sie einfach so geblieben ist, wie sie war: von Beginn an talentiert, unangepasst und eben androgyn. Dafür hatten sie die Zuschauer auf Platz eins gewählt, und zwar schon bevor die Kandidatinnen gestern in der Finalshow vor verschiedenen Designern ihr Können unter Beweis stellen mussten.

Diese Eigenwilligkeit, mit der die Münchnerin schließlich den Titel gewann, ist nichts, wovon die Sendung als Ganze profitiert hätte. Die lebt nämlich nicht von androgynen Anikas, die als Models in die Show spazieren und sie also solche verlassen. Das allein wäre ja totlangweilig! Wenn überhaupt, dann sind es internen Querelen oder bemerkenswerte Verwandlungen, die interessant sind.

Überraschungseffekt durch Mitfinalistin Jennifer

Da man bei Vox weitgehend auf das Rumgezicke verzichten wollte, blieb nur der Überraschungseffekt – und den hat es tatsächlich gegeben. Mitfinalistin Jennifer war eine solche „Oha-Person“. Sie hatte sich gar nicht für die Show beworben, sondern wurde von Padberg im Einkaufszentrum entdeckt – ungestylt und mit ihrer Mama auf der Rolltreppe. Dass sie als Model – mit glatten Haaren und Make-Up – beste Fotos hinbekommt, erstaunte, faszinierte und löst die zufriedenstellende Gewissheit aus, dass es die moderne Technik – und in diesem Fall wirklich – eiserne Disziplin und Lernwille sind, die aus Rolltreppenfahrern Hochglanzmodels machen. Umso trauriger war die Tatsache, dass Jennifer gestern als erste aus dem Rennen flog.

Das Finale der Show ist natürlich erst der Anfang der Karriere – und zwar für alle Finalistinnen. Worauf es jetzt ankommt, sind nicht die Stimmen der Zuschauer oder ein Titel, den keiner braucht. Wer loslegen will, hat nun gute Chancen – vielleicht sogar mehr als ehemalige GNTM-Kandidatinnen, bei denen manche Designer schon aus Prinzip die Nase rümpfen.

Und genau deswegen war die Vox-Show doch erfolgreich: Nicht weil sie mit Superlativen um sich geworfen hat, nicht weil die Quoten herausragend waren und auch nicht wegen des neuen Duell-Konzepts, das man von „The Voice of Germany“ abgekupfert hatte und was hier nicht wirklich funktionierte. Allein die Tatsache, dass die Sendung ihren Kandidatinnen vielleicht tatsächlich als Sprungbrett in die Modelwelt dienen kann, ist ein Erfolg. Immerhin sind schon mindestens zwei der vier Finalistinnen mit einer Agentur in Kontakt.

Gute Plattform für Eva Padberg

Ob sich das Ganze als Fernsehformat halten wird, steht indes noch in den Sternen. Nicht nur weil Heidi Klum mit ihrer Show bereits gegensteuert und – ganz dem Zeitgeist entsprechend – ebenfalls in die Richtung „Friede-Freude-Eierkuchen-Show“ manövriert. Unklar ist auch, wer im nächsten Jahr als Mentorinnen zur Verfügung stehen könnte.

Für Padberg war die Show zweifelsohne eine gute Plattform, auch wenn sie sich aufgrund des Formats nicht so sehr in Szene setzen konnte und wollte, wie es bei Heidi Klum der Fall ist. Ob Kurkowá das Ganze nochmal machen wird, ist allerdings fraglich.

Dass sie das „Duell“ verloren hat, ist wahrscheinlich sogar wirklich nebensächlich. Allerdings dürfte sich der ehemalige Victoria Secret‘s-Engel auf den Laufstegen der Welt besser aufgehoben fühlen, als in einer Sendung in Deutschland, bei die Zuschauer nicht nur plötzlich männliche Eigenschaften gutheißen, sondern Kurkowá mit ihrem affektierten Girlie-Verhalten auch manchmal etwas aneckte. Sie passte nicht ganz zu dem neuen Konzept der Sendung, trotz oder auch gerade wegen der vielen Tränen, die sie am Schluss über ihre Wangen rollen ließ.

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