Geralt von Riva (Henry Cavill) ist meist knurrig und schweigsam.
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Geralt von Riva (Henry Cavill) ist meist knurrig und schweigsam.

Serienkolumne „Nächste Folge“

Netflix-Serie „The Witcher“: Das Andere ist leicht zu hassen

  • Nadine Leichter
    vonNadine Leichter
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Mit „The Witcher“ tritt Netflix in die großen Binge-Fußstapfen von „Game of Thrones“. Die Serienkolumne „Nächste Folge“. 

  • Netflix präsentiert die erste Staffel „The Witcher“ 
  • Noch vor Veröffentlichung der Serie gibt Netflix die zweite Staffel in Auftrag
  • Henry Cavill, Anya Chalotra und Freya Allan in den Hauptrollen

Eine düstere Prophezeiung, Krieg, Tote und Untote, schier ewiges Leben, Rassismus, ethnische „Säuberungen“ und Widerstandskämpfe, Zwangssterilisation, Allianzen und Verrat, Magie und Monster – die Netflix-Serie „The Witcher“ bringt viele spannende Untertöne in eine klassische Fantasy-Geschichte, macht es Zuschauern aber nicht gerade leicht, der Handlung zu folgen.

Die erste Staffel verlangt absolute Aufmerksamkeit. Ähnlich wie bei der deutschen Netflix-Serie „Dark“ werden selbst kurze Handyspielmomente mit Ratlosigkeit und Zwangszurückspulen bestraft. Drei Zeitachsen mit den noch fremden Protagonisten laufen wilde Bögen, schlagen Haken wie flüchtige Hasen – nur, um doch zusammen zu finden. Die Zeithasen hüpfen dabei durch mehrere Königreiche eines fremden Kontinents, die aus dem Süden von einer mächtigen Militärmacht, Nilfgaard, bedroht werden. Und gleichzeitig ist der Zuschauer schwer beschäftigt zu verstehen, wer und was Geralt von Riva, der namensgebende Hexer (Henry Cavill, „Superman“), eigentlich ist – und was er mit der atemberaubenden Magierin Yennefer von Vengerberg (Anya Chalotra) und der fliehenden Prinzessin Ciri von Cintra (Freya Allan) zu schaffen hat.

„The Witcher“ auf Netflix: Mutant mit Katzenaugen, Muskeln und mieser Laune

„Nennt mich nicht Mensch“, fordert der „Witcher“, ein kaum alternder, magiebegabter, muskelbepackter Mutant mit Katzenaugen und übermenschlichen Reflexen. Ständig knurrig, tötet er Monster gegen die höchstmögliche Bezahlung – obwohl er doch fast selbst mehr Monster als Mensch, wenigstens aber andersartig ist. Und was anders ist, ist leicht zu hassen. In der dreckigen Welt des Hexers wird schlicht jeder Nicht-Mensch gemieden, beleidigt, erniedrigt oder unterdrückt, gleich ob Elf, Dryade, Zwerg oder Drache. Geralt von Riva steht zwischen Mensch und Monster – gefürchtet und verehrt, geschasst und benötigt. Oft ist er mehr moralische Instanz denn Auftragsheld. Die erste der drei Zeitachsen erzählt von seinen Aufträgen.

Zwischendurch werden die schmerzhafte Verwandlung der ewig jungen Yennefer, das Wachsen des hässlichen Entleins zur vollkommenen, mächtigen und machtbesessenen Zauberin, den Preis, den sie dafür zahlen muss und ihr folgenschweres Zusammentreffen mit Geralt eingestreut. Und parallel flieht die in den beiden übrigen Zeitachsen noch gar nicht geborene Ciri vor einer dort noch gar nicht konkreten Bedrohung.

Netflix-Serie: „The Witcher“ verwirrt mit unterschiedlichen Timelines

Verwirrt? Damit sind Sie nicht alleine. Drehbuchautorin Lauren Schmidt Hissrich hat sich an der Romanvorlage des polnischen Autors Andrzej Sapkowski ausgiebig bedient, allerdings greift sie für die erste Staffel von „The Witcher“ auf seine Kurzgeschichten zurück, die die Vorgeschichte der eigentlichen fünfbändigen Hexer-Saga bilden. Das spiegelt der szenisch geprägte Anekdoten-Stil der Episoden wider. Der rote Faden, den der Zuschauer gerne mal vermisst, webt sich leise im Hintergrund, um sich – hoffentlich! – in der bereits vor Serienstart von Netflix in Auftrag gegebenen zweiten Staffel zu einem einzigen Strang zu verbinden. Bis dahin hätten platte Hilfestellungen wie eine Karte oder Einblendungen, wann und wo die Szene gerade spielt, es dem Zuschauer sicher einfacher gemacht.

Doch die Netflix-Serie „The Witcher“ entschädigt mit epischen Kämpfen, einem großartigen Soundtrack, der an den bekannten PC- und Konsolenspielen orientierten düsteren Optik, einem dreckig-derben Humor und einer Cast, die die Vorfreude auf den eigentlichen Start der Geschichte anfacht. Einzig der im Netz oft wegen seiner noppenkondomesken Gestaltung der Nilfgaarder Rüstung gescholtene Kostümbildner wird wohl in der zweiten Staffel ersetzt. „The Witcher“ tritt trotz aller Hürden würdig in die epischen Binge-Fußstapfen von „Game of Thrones“. In nur elf Tagen wurde die Serie zur meistgesehenen Netflix-Produktion 2019 – mit Recht.

„The Witcher“ läuft auf Netflix.

Zuvor bei der „Nächsten Folge“: 

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