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Moritz (Maximilian Mundt) zieht von seinem Kinderzimmer aus einen Drogenring auf - um Exfreundin Lisa zu beeindrucken.

Netflix-Serie „How To Sell Drugs Online (Fast)“

Neue deutsche Netflix-Serie gehört zum Besten, was in letzter Zeit auf dem Bildschirm geboten wurde

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Die deutsche Netflix-Serie „How To Sell Drugs Online (Fast)“ ist allen Ernstes wunderbar komisch.

Alles beginnt wie immer. Viel SEK, viel Gebrüll, viel Rumgerenne. Aber bevor man sich mental gleich wieder ausloggen möchte, weil man das schon viel zu oft gesehen hat, meldet sich ein Stimme aus dem Off: „Ein Typ, der im Internet Drogen verkauft. So habt ihr euch das wahrscheinlich vorgestellt, aber ich muss euch enttäuschen.“

Von wegen, die Netflix-Serie mit dem Ratgebertitel „How To Sell Drugs Online (Fast)“ gehört zum Besten, was in letzter Zeit auf Bildschirmen aller Art geboten worden ist. Und darum machen wir mit den Superlativen hier noch ein bisschen weiter. In der Geschichte zweier Nachwuchs-Dealer, die von ihrem müffelnden Kinderzimmer aus einen Drogenring aufziehen, verbinden sich Dramatik, Wortwitz, Situationskomik und Schauspiel aufs Herrlichste und das auch noch in einer optischen Interpretation, die das öffentlich-rechtliche Fernsehen in jeder Hinsicht alt aussehen lässt.

Keine Ahnung, ob diese These auch für die Zielgruppe haltbar ist, wendet sich die Serie doch in erster Linie an ein Publikum von 15 plus und nicht 60 minus.

„How To Sell Drugs Online (Fast)“: Ein 17-jähriger mit einem idiotischen Plan

Moritz ist 17 Jahre alt, lebt in der Kleinstadt Rinseln und ist mit seinem Leben unzufrieden. Beim Rennen bekommt er Seitenstiche, seine Badehose ist eine Katastrophe, und dann lässt ihn auch noch Lisa sitzen. Weil sie mal etwas Abstand braucht. Das Komische daran ist nur, dass sie gerade von einem Austauschjahr in Amerika zurückkommt was Moritz stutzig macht. So viel zum Thema Abstand. Weil er sich mit Mobilfunk besser auskennt als mit Mädchen, hackt er nach kurzem moralischen Abwägen die Social-Media-Accounts seiner gewesenen Freundin und gewinnt auf diese Weise Einblick in ihr Leben. Natürlich steckt ein anderer Junge dahinter, schlimmerweise der Schulschönling Dan.

Als Moritz mitbekommt, dass Dan in der Nachbarschaft mit Pillen handelt, beschließt er, seinen Konkurrenten auf dessen Fachgebiet zu schlagen. Mit Hilfe seines genialen Kumpels Lenny programmiert er einen Onlineshop für Ecstasy, um mit dieser unternehmerischen Idee Lisa zu imponieren. Ein idiotischer Plan, aber er funktioniert. Bis er dann nicht mehr funktioniert.

Netflix-Serie basiert auf einer realen Geschichte

Die Story ist so irre, dass man sie sich nicht ausdenken kann. 2015 wurde der damals zwanzigjährige Maximilian S. „wegen unerlaubten Handels mit Betäubungsmitteln in nicht geringen Mengen“ zu sieben Jahren Jugendstrafe verurteilt. Der Richter warf dem medienbekannten Kinderzimmer-Dealer damals vor, er habe innerhalb von zwei Jahren fast eine Tonne Drogen „vertickt“. Ob der Begriff vertickt inzwischen Eingang ins Strafgesetzbuch gefunden hat?

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Auf der Suche nach Stoffen (nicht etwa Stoff) ist die Produktionsfirma btf (bild- und tonfabrik) auf diesen Fall gestoßen, die sich bisher bereits mit Jan Böhmermanns „Neo Magazin“ und der Comedy „Kroymann“ einen Namen gemacht hat. Die Leute dort wissen, wie man Pointen setzt. Und sie haben Expertise im Umgang mit Online-Formaten und Social Media, was ihnen die Gestaltung von „How To Sell Drugs Online (Fast)“ erst ermöglichte. Die Teenager sind mit ihren Smartphones verwachsen, was auch sonst, selbst Marie, die kleine Schwester von Moritz, sammelt auf einem eigenen Kanal Follower für ihre Clips.

Netflix-Serie behandelt den ganzen Wahnsinn des Internets

Der ganze Wahnsinn des Internets – jedenfalls das, was Eltern dafür halten – wird in der Serie nicht nur inhaltlich behandelt, sondern auch als ästhetisches Mittel auf der Benutzeroberfläche des Fernsehers oder eben Laptops gespiegelt. Kleine Erklärvideos zur Funktion des Dark Nets oder zur Wirkungsweise von MDMA (Ecstasy) dienen hier auf sehr originelle Weise einem Bildungsauftrag, den Netflix gar nicht hat.

Inszeniert wurde das alles von Lars Montag („Einsamkeit und Sex und Mitleid“) und Arne Feldhusen („Der Tatortreiniger“), neben Maximilian Mundt, Danilo Kamperidis und Lena Klenke als Jugendliche sind Bjarne Mädel, Ulrike Folkerts und Roland Riebling in köstlichen Nebenrollen zu sehen.

Das Einzige, was die Serie zu wünschen übrig lässt, ist eine zweite Staffel.

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