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„Anatomy of a Scandal“: Im Patriarchat kann es keine Gerechtigkeit für Frauen geben

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Von: Sonja Thomaser

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Wer glaubt schon einer Frau? Täter James Whitehouse (r.) weiß  besser als das Opfer, ob eine Vergewaltigung stattgefunden hat.
Wer glaubt schon einer Frau? Täter James Whitehouse (r.) weiß besser als das Opfer, ob eine Vergewaltigung stattgefunden hat. © Ana Cristina Blumenkron/Netflix

Die Netflix-Serie „Anatomy of a Scandal“ zeigt die Grundproblematik bei Vergewaltigungen auf. Die Serienkolumne „Nächste Folge“.

Ein Mann, eine Frau. Ein Täter, ein Opfer. Zwei Sichtweisen, von der eine niemals eine Chance hat. „Anatomy of a Scandal“ (auf Netflix) zeigt die Grundproblematik bei Vergewaltigungen auf: Das System Patriarchat, das Vergewaltiger schützt und sogar legitimiert.

„Anatomy of a Scandal“ ist nicht leicht anzusehen. Denn manche Serien sind so gut, weil sie den Finger genau in die Wunde legen. Die Zuschauer:innen erleben die Geschichte durch die Augen von Sophie Whitehouse, der Ehefrau des (fiktiven) britischen Innenministers James Whitehouse. Erst gesteht ihr Mann ihr eine monatelange Affäre mit einer anderen Frau. Wenige Tage später wird klar: Besagte Frau hat ihren Mann wegen Vergewaltigung angezeigt. Der Spitzenpolitiker muss sich vor Gericht verantworten.

„Anatomy of a Scandal“ auf Netflix: Kein Vergewaltiger - egal, was das Opfer sagt

Zunächst steht Sophie ihrem Mann treu ergeben bei. Aber nach und nach beginnt sie zu durchschauen, dass ihr Mann nicht nur schuldig ist sondern auch, wie das ganze System dazu beiträgt, ihn in seiner Sichtweise – mit absoluter Sicherheit kein Vergewaltiger zu sein, egal was das Opfer sagt – zu bestärken.

Zur Info

„Anatomy of a Scandal“, Miniserie in sechs Folgen, auf Netflix.

Die Kolumne „Nächste Folge“ nimmt Streaming- und TV-Serien in den Blick. Mehr auf fr.de/naechste-folge

„Anatonmy of a Scandal“ macht dabei ohne einen großen Auflösungsmoment klar, dass James Whitehouse schuldig ist. Es sind bestimmte Sätze, die er zu Sophie sagt, die sie mehr und mehr die Realität erkennen lassen. So sagt James zu Sophie, dass das Opfer zwar „Nein“ gesagt habe, dies aber nicht so meine. Später erklärt er, wenn das Opfer denke, das sei eine Vergewaltigung, sie eben eine „andere Erwartung an den Sex“ gehabt habe.

„Anatomy of a Scandal“ auf Netflix: „So sind Männer nun mal“

Was wir in „Anatomy of a Scandal“ so gelungen dargestellt sehen, sind die patriarchalen Machtstrukturen, aufgrund derer die Sichtweise eines Mannes mehr Gewicht hat, als die der Frau. Die Wahrnehmung eines Mannes ist erst einmal die Realität. James Whitehouse wird niemals aufgezeigt, dass er sein Verhalten reflektieren muss und dass eine realistische Möglichkeit besteht, dass er eine Situation falsch einschätzt.

Auch die patriarchale Floskel „So sind Männer nun mal“ wird in der Serie aufgegriffen. Schon kleine Jungen werden nicht für ihr Verhalten zur Verantwortung gezogen, von emotionalen Verletzungen bis hin zu körperlichen Übergriffen: „Boys will be boys“, heißt es dann. Im Patriarchat lernen sie, dass ihr Verhalten grundsätzlich legitim – und das von weiblich gelesenen Personen grundsätzlich zu hinterfragen und ihre Wahrnehmung anzuzweifeln ist.

Sexuelle Übergriffe: Männer wollen die Kontrolle über das Narrativ nicht verlieren

Männer schützen diese patriarchalen Machtstrukturen, indem sich viele immer wieder auf die Seite des Täters stellen. So auch in Whitehouses Fall. Der Premierminister will sich nicht öffentlich distanzieren.

Diese reflexhafte Verteidigungshaltung im Angesicht eines Vergewaltigungsvorwurfs liegt daran, dass Männer die Kontrolle über das Narrativ nicht verlieren wollen. Sie entscheiden, wann die Straftat vorliegt. Man schaue nur einmal in die Kommentarspalten unter Berichten von sexuellen Übergriffen: „Unsinn, wenn das schon ein sexueller Übergriff ist, dann ist ja fast alles einer.“ Ja, genau das. Es ist faszinierend, wie Männer den Punkt sehen können, ohne ihn zu begreifen.

System gibt Tätern immer wieder Recht

„Anatomy of a Scandal“ will ein nicht ganz düsteres Ende präsentieren und zeigt am Schluss einen Hauch Optimismus. Viele Serien, die einen realistischen Anspruch an die Darstellung von Gerechtigkeit bei sexuellen Übergriffen haben, enden so. Der Täter kommt zwar frei, aber etwas anderes Schlechtes passiert ihm, oder eine andere Frau fasst endlich den Mut, ihre Vergewaltigung anzuzeigen.

Im patriarchalen System können Frauen tatsächlich nicht mehr erwarten. Es gibt keinen Grund für Männer, ihr Verhalten zu verändern, und das System gibt ihnen immer wieder Recht. Nur bei 7,5 Prozent der angezeigten Vergewaltigungen wird der Täter verurteilt (Quelle: Kriminologe Christian Pfeiffer, Daten von 2014 bis 2016). Im Patriarchat wird es keine Gerechtigkeit für Frauen geben. Das ist es, was auch am Ende von „Anatomy of a Scandal“ wieder klar wird. (Sonja Thomaser)

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