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Spektakuläre Netflix-Premiere: Oscar-Favorit bei Streaming-Anbieter

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Ein möglicher Oscar-Favorit hat bei Netflix Premiere. „Mank“ ist David Finchers erster Spielfilm seit sechs Jahren und erinnert an den unbekannten Drehbuchautor des Orson-Welles-Klassikers „Citizen Kane“.

  • Streaming-Dienst Netflix zeigt möglichen Oscar-Favorit „Mank“ von David Fincher.
  • Das biografische Drama und Oscar-Favorit wirft neues Licht auf den Film „Citizen Kane“.
  • Oscar-Favorit „Mank“ beschäftigt sich mit Meisterwerk von Orson Welles.

Hollywood - Vielen ist Orson Welles’ Meisterwerk „Citizen Kane“ noch immer der Film der Filme. An Welles’ Ruf konnte auch die einflussreiche US-Kritikerin Pauline Kael nicht rütteln, als sie in ihrem kritischen Essay „Raising Kane“ das vermeintlich wahre Genie dahinter enthüllte – den Drehbuchautor Herman J. Mankiewicz. Fünfzig Jahre hielt Welles’ legendäres Debüt den Spitzenplatz in der weltweiten Expertenumfrage der britischen Zeitschrift „Sight and Sound“; erst 2012 wurde er von Hitchcocks „Vertigo“ entthront.

Netflix zeigt möglichen Favoriten für den Oscar

Einen Makel jedoch gestand auch Welles bei seinem Meisterwerk ein, der ihm in späteren Jahren zu schaffen machte: Bei seiner kunstvollen Abrechnung mit dem Zeitungszaren Hearst hatte er dessen Ehefrau, den Filmstar Marion Davies, in ein unverdient schlechtes Licht gerückt. Ein schönes Bild durchaus, aber doch ein ungerechtes: Einsam zeigt eine berühmte Einstellung die blonde Diva, als wüsste sie sonst nichts mit sich anzufangen, in der weiten Halle ihres Wohnschlosses vor einem immensen Puzzlespiel.

Die wahre Marion Davies ist eine zentrale Figur in David Finchers biografischem Drama „Mank“, das auf Netflix seine Streaming-Premiere feiert; Titelfigur ist der heute tatsächlich wenig bekannte Drehbuchautor Herman J. Mankiewicz. Als gefeierter Bühnen- und Filmautor war er in den frühen 30er Jahren ein Stammgast bei den rauschenden Festen, die Marion Davies und ihr Mann in „Hearst Castle“, dem luxuriösen Wohnsitz des Paares, zelebrierten. Wer würde einer offenbar ebenso süffisanten wie vertrauensvollen Gastgeberin nur ein so grimmiges Denkmal schmieden? Könnte es sein, dass sich hinter Welles’ Vexierbild über Korruption, Medienmacht und Politik noch ein zweites „Rosebud“ verbirgt?

Netflix-Gründung29. August 1997, Kalifornien, USA
Umsatz20,16 Milliarden USD (2019)
GründerReed Hastings, Marc Randolph

Amanda Seyfried spielt Hauptrolle in Oscar-Favorit, den Netflix streamt

Fincher, der hier nach jahrelanger Vorbereitung das einzige Drehbuch seines im Jahr 2003 verstorbenen Vaters, des Journalisten Jack Fincher, verfilmte, hat zu Welles’ Schlüsselfilm nun selbst einen Schlüsselfilm gedreht. Stets war bekannt, dass Welles mit dem Autor, den er engagiert hatte, um aus seiner Idee ein drehfertiges Buch zu schreiben, in Streit geriet. Nur mit Hilfe der Gewerkschaft erstritt Mankiewicz sein Recht, überhaupt im Vorspann genannt zu werden – obwohl Welles ihn sogar völlig unabhängig schreiben ließ, in aller Abgeschiedenheit.

Aber Fincher verfilmte nicht einfach das Essay von Pauline Kael, und er liefert auch kein weiteres der von Cinephilen so geliebten Filmdramen übers Filmemachen. Stattdessen taucht er ein in die wenig besungene Welt der Drehbuchautoren, die im alten Hollywood in schlecht belüfteten Baracken ihr Dasein fristeten. Regisseure erwähnten sie selten, aber wenn etwas schiefging, hieß es: „Schafft den verdammten Schreiber her.“

Gary Oldmann spielt in Oscar-Favorit auf Netflix alkoholsüchtigen Autor

Gary Oldman spielt in „Mank“, der auf Netflix gezeigt wird, den alkoholsüchtigen Autor, den Welles zum Arbeiten in die kalifornische Wüste in Klausur schickt, auf unvergleichliche Weise schillernd. Gesegnet mit dem Lebenselixier des Sarkasmus, erinnert seine Filmfigur an eine berühmte Erfindung seines bekannteren Bruders Joseph L. Mankiewicz, Regisseur des Filmklassikers „Alles über Eva“. George Sanders spielt darin den Kritiker Addison DeWitt, der über seinen Berufsstand einmal bitter bemerkt: „Kritiker gehören zum Theater wie die Ameisen zum Picknick.“ Ebenso wie Sanders schmuggelt Oldman menschliche Wärme hinter die verhärmten Züge des zynischen Intellektuellen.

Kein Wunder, dass auch eine Marion Davies (Amanda Seyfried) in „Mank“ auf Netflix die Gesellschaft des brillanten Autors jener der Schönen und Reichen Hollywoods immer wieder vorzieht. Warum also verwandelt der sie dann in seinem Drehbuch völlig unverdient in die aus heutiger Sicht geradezu frauenfeindliche Karikatur einer Schönheit im goldenen Käfig?

Netflix zeigt ersten Kinofilm von Fincher seit sechs Jahren, der als Oscar-Favorit gilt

Man sollte annehmen, dass ein so bildkräftiger Regisseur wie Fincher in seinem ersten Kinofilm seit sechs Jahren die Antwort in einem Welles’schen Bilderrätsel verstecken würde. Tatsächlich erinnert jedoch nur die kontrastreiche Schwarz-Weiß-Fotografie (Erik Messerschmidt) an das große Vorbild. „Mank“ ist eher ein Film wie „Alles über Eva“ – getragen von messerscharfen Dialogen und bis in die kleinsten Nebenrollen so reich an Charakteren, dass aus einem Gesellschaftsdrama fast ein Gesellschaftsporträt wird.

Wie „Citizen Kane“ aber jongliert er virtuos mit mehreren Zeitebenen, und zeichnet dabei ein Panorama von Hollywoods Goldenem Zeitalter in überwältigender Detailfülle. Als Jack Fincher vor Jahrzehnten dieses Drehbuch schrieb, waren die Legenden hinter vielen Figuren noch lebendiger, die des Studiomoguls Louis B. Mayer und seines Produktionschefs Irving Thalberg zum Beispiel. Und wie „Citizen Kane“ spiegelt auch „Mank“ kunstvoll die Parallelwelten künstlerischer und politischer Meinungsbildung, wenn sich Mankiewicz für den sozialistischen Autor Upton Sinclair einsetzt. Nicht nur das verblassende Erbe des alten Hollywood ist Finchers liebevoller Wiederentdeckung würdig, auch Sinclairs sozialreformatorische Ideen, die er als glückloser Gouverneurs-Bewerber propagierte. Mankiewicz’ eigenes politisches Engagement erschöpft sich dagegen in rebellischen Ansprachen als betrunkener Dinnergast. Einen „Hofnarren“ nennt ihn sein Bruder. Könnte es sein, dass es das kritische Selbstbild ist, das er in „Citizen Kane“ auf Marion Davies überträgt?

Weitere Filme von David Fincher
Sieben, 1995
Fight Club, 1999
The Social Network, 2010
Verblendung, 2011
Gone Girl, 2014

Ausgerechnet dem Zeitungszaren Hearst, vom Briten William Dance zurückhaltend gespielt, fällt die Rolle zu, Mankiewicz über die Zwiespältigkeit seiner eigenen Rolle in dieser Comédie humaine aufzuklären. Wie das Äffchen eines Leierkastenmannes lebe er im irrigen Glauben zu dirigieren, wohin die Reise gehe.

Film „Mank“ auf Netflix hat große Chancen auf einen Oscar

Die Reise des Filmklassikers „Citizen Kane“ schien in der Filmgeschichte längst beendet. Über kaum einen Film wurde mehr geschrieben. Nun gelingt es Finchers Film, den Netflix streamt, ein überraschend neues Licht darauf zu werfen. Seinerzeit gewannen nur Mankiewicz und Welles bei den Oscars für ihr Drehbuch. Gut möglich, dass „Mank“ im nächsten Jahr mit mehr Trophäen nach Hause geht.

Mank. USA 2020. Regie: David Fincher. 131 Min. Seit 3. Dezember beim Streamingdienst Netflix.*tz.de, WA.de und RUHR24 sind Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Rubriklistenbild: © NETFLIX

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