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Neuer Film

Netflix: „Hillbilly Elegy“ - Donald Trump benimmt sich wie ein Hinterwäldler

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Ab heute auf Netflix: Ron Howards US-amerikanisches Sittengemälde „Hillbilly Elegy“ mit Amy Adams und Glenn Close.

  • Der Bestseller „Hillbilly Elegy“ wurde verfilmt und ist bei Netflix zu sehen.
  • Auch mit Donald Trump hat der Film etwas zu tun und spielt in den USA.
  • Regisseur Ron Howard gelingt eine sehenswerte Verfilmung.

Wieder einmal erinnern uns die Nachrichten fast täglich daran, dass der amerikanische Traum und der amerikanische Alptraum dicht beieinander wohnen. Ruhm und Scham, Erfolgsversprechen und Niederlage, beides hat derzeit die gleiche Adresse im Weißen Haus. Auch wenn es noch nie einen Präsidenten gab, der sich noch nach Wochen weigerte, seine Wahlniederlage anzuerkennen, ist das Szenario doch wohlvertraut. Nicht nur, weil wir Donald Trump in den letzten vier Jahren gut genug kennengelernt haben, sondern weil er damit ein Bild des Antihelden zu bedienen weiß, das in der amerikanischen Volksseele ebenso sehr verankert ist wie das des strahlenden Helden.

Donald Trump benimmt sich wie ein „Hillbilly“, wie man in den Küstenstaaten spöttisch die unbelehrbaren Hinterwäldler nennt. Und im Hinterland, dem sogenannten „Heartland“, lebt ja auch seine gigantische Basis: mehr als 70 Millionen amerikanische Wähler und Wählerinnen gaben ihm ihre Stimme, die meisten davon außerhalb der Metropolen.

Netflix-Verfilmung „Hillbilly Elegy“: 2016 während Donald Trumps Wahlkampf in den USA erschienen

„Hillbilly Elegy“ hieß ein Beststeller, der im Sommer 2016 während Trumps Wahlkampf in den USA zu einer Debatte über diese provinziellen Werte führte; passend zu Trumps Abwahl hat der Streamingkanal Netflix vom heutigen Dienstag an Ron Howards aufwendige Verfilmung im Programm.

Autor J. D. Vance, der es aus ärmlichen Verhältnissen in Middletown, Ohio, zu einem Studienabschluss an der Elite-Uni Yale brachte, erzählt darin seine Familiengeschichte – und schließt aus den Verhältnissen, wie es im Untertitel heißt, „auf eine Kultur in der Krise“: Seine Mutter und Großmutter, die aus einer Arbeiterfamilie in Kentucky stammen, stehen mit ihren missbräuchlichen Erziehungsmethoden, dem Alkohol- und Drogenkonsum, ihrer verbalen und körperlichen Gewalttätigkeit, aber auch ihrem Eintreten für Patriotismus und Loyalität archetypisch für diese Werte.

„Hillbilly Elegy“ bei Netflix: Vance macht Karriere - von Trump-Fans vereinnahmt

Dass und wie Vance dann doch der sich selbst erfüllenden Prophezeiung der Chancenlosigkeit trotzen und Karriere machen konnte, wussten sowohl Trump-Fans wie -Gegner für sich zu vereinnahmen: Ersteren symbolisierte er den guten Kern des von der politischen Klasse vergessenen Hinterlands; Letztere konnten an seinem Beispiel auf die Möglichkeiten eines sozialeren Bildungssystems verweisen. Zum Erretter der verlorenen Arbeiterklasse aber taugt der heute 36-jährige Vance ebenso wenig wie Donald Trump. Er hält sich nicht mehr mit dem Bücherschreiben auf, sondern betreibt gemeinsam mit dem deutschamerikanischen Hedgefonds-Milliardär Peter Thiel das Finanzunternehmen Narya, benannt nach einem der Ringe bei J. R. R. Tolkien.

Das ist zugegeben eine lange Vorgeschichte für ein Sozialdrama, dem man kaum ansähe, dass es seine Vorlage auf der Sachbuchbestsellerliste fand. Ganz im Stil des klassischen Hollywood folgt Regisseur Ron Howard einer „Rettung in letzter Minute“-Dramaturgie. In groben Strichen porträtiert der Filmanfang den ehrgeizigen Studenten (Gabriel Basso) an der Elite-Uni als ehrlichen Jungen vom Land, dem die Freundin vor einem wichtigen Dinner noch schnell die Besteckordnung erklären muss. (Ist es Zufall oder gar eine Warnung vor dem drohenden Untergang, dass es die gleiche Szene in „Titanic“ gab?)

Netflix: „Hillbilly Elegy“ von Ron Howard: Vance trotzt den mutigen Snobs

Dennoch trotzt Vance mutig den reichen Snobs, die ihn einen „Redneck“ schimpfen – auch wenn ihn das in einem konkreten Fall ein wichtiges Jobangebot kosten könnte. Doch noch am selben Abend, vor einem karriereentscheidenden Bewerbungsgespräch, holt ihn seine Vergangenheit ein: Dringend wird er zurück nach Ohio gerufen, wo seine Mutter gerade beinahe an einer Überdosis Heroin gestorben wäre.

Während der langen nächtlichen Autofahrt hält ihn seine Freundin am Handy wach, und hier findet der Film zu seiner Form: Ein langer Strang von Rückschauen blendet das spärliche Glück und den unbändigen Schrecken einer traumatischen Kindheit ineinander. Vergangenheit und Gegenwart fließen auch den weiteren Film über stetig ineinander, was das Drama nicht nur rasant hält.

Filmname:Hillbilly Elegy
Erscheinungsdatum:11. November 2020 (Vereinigtes Königreich)
Genre:Drama
Direktor:Ron Howard
Drehbuch:Vanessa Taylor
Produzenten:Ron Howard, Brian Grazer, Karen Lunder
Musik komponiert von:Hans Zimmer, David Fleming
Besetzung: Amy Adams, Glenn Close, Haley Bennett, Gabriel Basso

„Hillbilly Elegy“ bei Netflix: Amy Adams spielt Vances Mutter

Vorteile dieser Erzählweise sind, dass es keinen Raum mehr für den konservativ-generalisierenden politischen Subtext gibt. Und dass zwei große Schauspielerinnen ihre Virtuosität beweisen können, wenn sie zwischen allen Lebenslagen ihrer chronisch überdrehten Figuren wechseln; bei den „Oscars“ werden wir sie wiedersehen.

Amy Adams spielt Vances Mutter, eine drogenabhängige Krankenschwester, die ihren Sohn entweder mit Liebe überschüttet oder ihn dafür verprügelt, dass er ihr Lotterleben kritisiert. Noch spektakulärer erscheint die Verwandlung der großen Glenn Close in der Großmutterrolle. Mit übergroßer Brille und billiger Perücke hat die Maskenbildnerei eigentlich alles dagegen getan, dass sie hinter der Karikatur noch eine halbwegs glaubwürdige Darstellung hervorzaubern könnte. Auch Drehbuchautorin Vanessa Taylor macht es ihr nicht einfach mit Dialogsätzen wie: „Ich würde nicht auf ihren Hintern spucken, wenn ihre Eingeweide in Flammen stünden.“ Dass man ihrer Figur dennoch lieber zuschaut als dem aalglatten Protagonisten, liegt allein am Talent dieser außergewöhnlichen Schauspielerin.

Man muss eine große Schauspielerin wie Glenn Close sein, um hinter dieser Maskerade noch glaubwürdig spielen zu können.

Netflix: „Hillbilly Elegy“ von Ron Roward: Regisseur geht über das Klischee hinaus

So war es schon oft, wenn sich die US-amerikanische Kunst ins Hinterland aufmachte, wo schon die Kulturtheoretikerin Susan Sontag statt des amerikanischen Traums einen „amerikanischen Surrealismus“ vorfand. Die Hillbillies in diesem Film sehen aus, als seien sie den Fotos von Diane Arbus entsprungen und anschließend in grelle Farben getaucht worden. Ebenso wie Vances Buchvorlage dürfte auch Howards Film dem liberalen und aufgeklärten Teil des Landes damit ein wohliges Gruseln bereiten.

Umso überraschender, dass es Howard immer wieder gelingt, dann doch über das Klischee hinauszugehen und Szenen zu retten, die eigentlich unerträglich sein müssten. Vor allem in der Zeichnung des psychischen Leidens der Mutterfigur gelingt dem Film auch immer wieder ein respektvoller, menschlicher Ton.

„Hillbilly Elegcy“ (Netflix): Ron Howard macht den Film sehenswert

Tatsächlich ist es vor allem Ron Howards Regie, die diesen Film sehenswert macht. Buchverfilmungen enttäuschen oft, weil sie die Stärken ihrer Vorlagen unter den Tisch fallen lassen. Hier geschah das wohl zur Abwechslung einmal andersherum – Howard beseitigte offensichtlich einige der schlimmsten populistischen Vereinfachungen. So wird diese „Hillbilly-Elegie“ vielleicht noch lange an die hoffentlich einmal historische Epoche erinnern, in der das Unvorstellbare geschehen konnte – und ein Donald Trump ins Weiße Haus einzog.

Hillbilly Elegy. USA 2020. Regie: Ron Howard. 116 Min.

Rubriklistenbild: © Lacey Terrell/Netflix/dpa

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