Independentkino

Neidische Nachbarn

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Reich werden und doch moralisch blieben? Nicole Holofceners hinreißende Komödie "Please Give" zweifelt daran. Von Daniel Kothenschulte

Komödien haben gerade Saison, aber das gilt nicht für geistreiche Komödien über intelligente Menschen in glaubhaften Lebensumständen. Die sind eine Seltenheit, aber "Please Give", Nicole Holofceners aberwitzige Reise ins Wertesystem einer New Yorker Antiquitätenhändlerin, ist die Ausnahme der Ausnahmen.

Im Mittelpunkt steht Kate, eine Frau mittleren Alters, (Catherine Keener), die teure Design-Möbel der Nachkriegsmoderne verhökert. Sie ist zu moralisch, um Essen wegzuwerfen oder an Bettlern ohne Gewissensqualen vorbei zu gehen - lebt aber davon, bei Haushaltsauflösungen Verstorbener den Geier zu spielen. Nach einem amerikanischen Sprichwort ist der Müll des Einen des Anderen Schatz - "Someone´s trash is the other one´s treasure". Das praktiziert sie auf höchstem Niveau.

Besonders gefragt - der Film ist hier sehr aktuell - ist bei stilbewussten jungen Gutverdienern gerade die sogenannte "Eames-Ära" - das auf eine etwas angeberische Art funktionale Mobiliar, wie es das Designer-Ehepaar Charles und Ray Eames in den fünfziger Jahren kreierte.

Dass manchem unwürdigen Erben Opas voluminöser Fernsehsessel trotzdem rein gar nichts bedeutet, ist Kates Segen. Und doch ist es ihr offenbar immer noch peinlich, aus deren Unwissenheit Kapital zu schlagen. Aber es ist die Sorte gesellschaftlich goutierter Gewissensqual, mit der man sich wohl arrangieren muss. Es gibt keinen Kapitalismus ohne sie.

Aber es ist noch viel schlimmer. Was Kate wirklich begehrt, ist ihre Nachbarwohnung. Die wird von einer ausgesprochen unleidlichen 90-Jährigen bewohnt. Scheinheilig pflegt man den Kontakt mit der Dame, die nur zu gut weiß, dass man in Manhattan für eine Wohnung wie die ihre über Leichen geht. Was sie in ihrer Menschenfeindlichkeit nur noch bestätigt.

In einem Film von Altmeister Woody Allen - einem Komödienerzähler, mit dem die Regisseurin oft verglichen wird - würde Kate bald Mittel und Wege finden, den Tod der Alten etwas zu beschleunigen. Doch Nicole Holofcener ist sehr glücklich damit, die ethischen Konflikte unter der Oberfläche zeigen zu können.

Zu dem wunderbaren Ensemble von Frauen, das sie entwirft und gleichberechtigt agieren lässt, gehören auch die beiden Enkelinnen der resoluten alten Dame: Die selbstlose Röntgenassistentin Rebecca - verkörpert von der zauberhaften Rebecca Hall aus Woody Allens "Vicky Cristina Barcelona" - und ihr solariumgebräuntes Gegenstück Mary (Amanda Peet).

Beide leben in bescheidenen Verhältnissen und können nicht wie die älteren Protagonistinnen ein Lied davon singen, dass Wohlstand angeblich unglücklich mache. Froh aber sind sie deshalb auch nicht gerade.

Nicole Holofcener ist eine der großen Filmautorinnen des Independentkinos. Ihre Filme nennt sie scherzhaft "Vagina Movies" weil fast nur Frauen darin vorkommen. Doch wirkt dieser Akzent keineswegs aufdringlich wie etwa in der Mode-Komödie "Sex and the City". Auch Woody Allens Kosmos ist nur ein Mikrokosmos, in dem etwa ethnische Minderheiten kaum eine Rolle spielen. Und doch zielt die Menschlichkeit ins Allgemeine. Ebenso bei Holofcener. Was sie in ihren Filmen beschäftigt, ist weniger eine frauenspezifische als eine gesellschaftliche Frage: Wie verändert das Streben nach Wohlstand die ethischen Standards? Der Titel ihres früheren Films "Friends with Money" machte das besonders deutlich. Hier aber blickt die Regisseurin noch tiefer in die lebenserhaltende Doppelmoral des linken New Yorker Bürgertums. Dabei gelingen ihr Momente wie bei Luis Buñuel, etwa in der grandiosen Vorspannsequenz: einer endlosen Reihe von Frauenbrüsten unterschiedlichen Alters, womit sie nicht nur in Rebeccas Dienstleistung einführt, die Mammographie. Es ist ein Bild dafür, wohin dieser Film nicht führt - eine klassenlose Gesellschaft.

Man fühlt sich aber auch ins Hollywood der Dreißiger und Vierziger Jahre versetzt, als kluge Dialogarbeit noch alltäglich war und die "sophisticated comedy" ein eigenes Genre. Und es vor interessanten Frauenfiguren nur so wimmelte. Vor allem aber gab es in Filmen wie "Dinner um acht" oder "Holiday" ein soziales Bewusstsein, das heute im Hollywood-Mainstream der romantischen Komödien vollkommen verschwunden scheint.

So wie die Antiquitätenhändlerin Kate die Design-Ikonen der Vergangenheit anpreist, könnte man fürchten, Qualität würde heute gar nicht mehr gemacht. Für den Bereich des Films immerhin beweist "Please Give" das Gegenteil.

Please Give. USA 2010. Regie: Nicole Holofcener. 90 Min.

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