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Die Hauptkommissare Felix Voss (Fabian Hinrichs) und Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) versuchen, den Tathergang zu rekonstruieren.

„Tatort: Der Himmel ist ein Platz auf Erden“

Sie nehmen nicht nur die Demokratie ernst

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Der erste Frankentatort tritt ganz unprätentiös auf: Dagmar Manzel und Fabian Hinrichs sind ein fein unterkandideltes Ermittlerpaar, mit selbstironischem Humor.

Er tut in den ersten Minuten so, als mache er Dienst nach Vorschrift, der nagelneue Franken-„Tatort“, der in Nürnberg, Entschuldigung: Nürnbersch spielt. Der nagelneue Ermittler, Fabian Hinrichs, kommt am Nürnberscher Bahnhof an: „Ja, Voss nochmal, ich wär jetzt hier“, spricht er, vergeblich, auf irgendeine Mailbox – vermutlich die seiner nagelneuen Kollegin. Denn Paula Ringelhahn, Dagmar Manzel, ist im fränkischen Verbrechensbekämpfungsgeschäft nicht mehr nagelneu und also just an einem Tatort zugange. Man erfährt bald, dass sie in Nürnbersch im Allgemeinen und mit ihrem Chef im Besonderen eine (dienstliche!) Vorgeschichte hat.
Aber erstmal stellt sich Voss, Felix Voss, am Tatort jedem Kollegen und jeder Kollegin artig vor, mit einem Händeschütteln und einem „freut mich“. Und „mit Doppel-ss, ganz normal“.

Eine Kommissarin ohne Macken

„Normal“ ist in der – zum Start an diesem Sonntag von Max Färberböck inszenierten – fränkischen Mordkommission offenbar kein Schimpfwort. Dagmar Manzel, so erzählte die große Schauspielerin es kürzlich in einem Interview, hatte sich vorab ausbedungen, als Kommissarin keine Macken haben zu müssen. Ein für eine Polizistin nicht ganz irrelevantes Problem hat ihre Paula Ringelhahn doch: eine Schießhemmung.

Abgesehen davon sind Färberböck, Regie und Buch (mit Catharina Schuchmann), zwei bodenständige, ausgeglichene, sich nicht unnütz kappelnde, kurz: schön unterkandidelte Ermittler gelungen – ganz gegen den derzeitigen „Tatort“-Trend.

Ringelhahn zum Beispiel kann originell mit der Zunge schnalzen. Voss möchte das gern nochmal hören. Ringelhahn tut ihm den Gefallen. Die Schieß-Scheue kann zudem (das ist auch gesünder für die Verdächtigen) schimpfen wie ein Rohrspatz und dann leise lächelnd sagen: „Jetzt hätt’ ich mich beinah aufgeregt“. Kollege Voss ist seinem neuen Chef als „feinfühlig“ angekündigt worden. Muss sich aber, feinfühlig hin oder her, von diesem bald die Frage gefallen lassen: „Kann es sein, dass Sie die Demokratie zu ernst nehmen?“

Aber nicht, dass jetzt ein falscher Eindruck entsteht: Der Bayerische Rundfunk lässt in Nürnberg beileibe kein Comedy-Duo starten, um den Münsteranern Konkurrenz zu machen. Nüchtern geht es zu. Und der Humor ist von der dezenten, doppelbödigen Sorte. Der verlegene Pathologe etwa spricht angesichts eines Opfers, das offenbar unmittelbar vor seinem abrupten Tod Sex hatte, nicht von Geschlechtsverkehr, sondern von „Bundesbürgern in einem sehr, sehr schönen Moment“ (dazu passt der poetische Titel dieses ersten Franken-„Tatorts“: „Der Himmel ist ein Platz auf Erden“). Und auch zu Selbstironie ist man fähig: „Unsere Weltgeschichtsstraße“ nennt Hauptkommissarin Ringelhahn die Straße, an der die leeren Gebäude von Quelle, Adler, AEG stehen.

Überhaupt die Straßen: dunkel und leer zeigt sie Färberböck oft, ein wenig trüb auch am Tag. Man könnte den Eindruck bekommen, in Nürnberg sind sie des Nachts länger, allemal öder als in, zum Beispiel, Berlin. Einmal kurz ist die Burg im Bild, aber selbst sie wirkt nicht besonders pittoresk. Es ist ein unglamouröses Nürnberg, das hier seinen Auftritt hat, bis hin zu den Büros der Ermittler: „Wir sin hier ned bei schöner Wohnen“, lautet einer der lakonischen Sätze, mit denen Voss willkommen geheißen wird.

Ach ja: Es gibt natürlich einen Fall und er wird von Ringelhahn/Voss solide ermittelt. Das SEK steigt mal ins Auto, fädelt sich mal um eine Wohnung herum. Der Kommissar betritt mal (ohne Durchsuchungsbefehl!) ein Haus, rennt mal einem Verdächtigen hinterher. Aufs Beste gelungen aber ist dieser „Tatort“, weil seine Action zum Beispiel darin besteht, dass Voss rührend „Nie wieder! Nie wieder!“ ruft.

Wir aber rufen: Öfter! Öfter! Denn den Nürnbersch-„Tatort“ soll es nur einmal im Jahr geben.

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