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Faszinierende Momente in Cannes: Sergei Dvortsevoys "Tulpan".

Filmfestspiele

Der Tod und das Negativ

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Es gab sie, die guten Filme im 61. Cannes-Jahrgang, doch man musste danach suchen.

Cannes schien mehr Stars als Filme zu haben in den letzten Tagen, doch nicht einmal die inzwischen auf dem Festivalparkett etablierte Nachwuchsregisseurin Madonna wirkte als Trostpflaster. Das ist eben doch etwas anders als in Berlin: Wenn auch nach zehn Tagen noch die einzig wirksamen Belohnungen für die Arbeit rar bleiben, nämlich gute Wettbewerbsfilme, dann wagt sich auch niemand mehr auf den Nebenschauplatz einer Dokumentation über Waisenkinder in Malawi, selbst wenn sie ein Popstar produziert hat.

Es gab sie durchaus, die guten Filme im 61. Cannes-Jahrgang, doch man musste danach suchen. Etwa in der Nebensektion "Un Certain Regard", wo Fatih Akin, der erst vor Wochen beim Deutschen Filmpreis bezweifelt hatte, dass man Filme überhaupt bewerten könne, als Jurypräsident noch drei Preise dazu erfand. Den Hauptpreis gewann ein faszinierender Familienfilm, den die deutsche Firma Pandora mit einem Regisseur aus Kasachstan drehte: Der gelernte Dokumentarfilmer Sergei Dvortsevoy verwischt mit seinem Schafbauern-Drama "Tulpan" die Grenzen zwischen Fiktion und Nicht-Fiktion bis zur Unkenntlichkeit. Dass man sich dennoch nicht verloren fühlt in der endlosen Steppe, fünfhundert Kilometer entfernt von der nächsten Stadt, liegt an der Wahrung zweier Konstanten: Der starken emotionalen Linie und der Treue zum alten 35-Millimeter-Film. Soll noch einer behaupten, man könne so einen Stoff nur noch auf Video drehen.

Manchmal erfasst die geniale Kamerafrau Jolanta Dylewska gleich mehrere Stimmungswechsel in einer Einstellung, etwa wenn sie den Bauern auf seiner Flucht aus dem Zelt begleitet, in dem die Frauen zu viele Volkslieder singen. Der Mann hört lieber Boney M., wofür man ihn nicht bewundern muss, wohl aber für seine Leistung als unvorbereiteter Geburtshelfer einer Schafsmutter. Der Film ist auf die gleiche Art faszinierend wie Robert Flahertys Stummfilm "Nanuk, der Eskimo", wenn er eine ferne Kultur allein durch die Sprache von Blicken und Gesten in nächste Nähe holt.

"Entre les murs", der Gewinner der Goldenen Palme, führt dagegen in eine Wüste, die jeder kennt. Sie ist aus Beton, noch etwas trostloser und heißt Schule. Auch Regisseur Laurent Cantet nähert sich dem dokumentarischen Kino bis zur scheinbaren Verschmelzung. In einem Pariser Vorort mit hohem Migrantenanteil erzielt ein junger Lehrer gewisse pädagogische Erfolge, indem er den Schülern auf direkte Art begegnet. Im Zweifelsfall siegt dann aber doch die Disziplin über die Demokratie, was einem Jungen aus Mali den Rauswurf einbringt. Einstimmig entschied sich die von Sean Penn geleitete Jury für dieses in der Tat bemerkenswert intensive Schuldrama, das es sich in den entscheidenden Momenten aber doch zu leicht macht. Anders als etwa die in einem ähnlichen Stil arbeitenden Dardenne-Brüder, die für "Le Silence de Lorna" den Drehbuchpreis erhielten, findet Cantet aus dem abbildhaften Realismus nur durch einige aufgesetzte dramatische Pointen heraus.

Es wäre leicht gewesen, auch in diesem schwachen Jahrgang Filme zu finden, die nicht nur komplexe ethische Fragen aufwerfen, sondern auch ästhetisch neue Wege gehen. Allen voran der animierte Dokumentarfilm aus Israel, "Waltz with Bashir", über eine verdrängte Erinnerung aus dem Libanonkrieg. Oder Atom Egoyans ebenso eingängiges wie hochkomplexes Politdrama "Adoration": Ein Jugendlicher erregt heftige Debatten im Internet, als er sich als Kind eines Selbstmordattentäters präsentiert. Der wahre Kern der von ihm immer wieder glaubhaft bekräftigten, dabei erfundenen Geschichte ist der Tod seiner Eltern, die er niemals kannte: Nach einem Glaubensstreit hatte sein Vater einen Autounfall verursacht. Dafür gab es immerhin den Preis der Ökumenischen Jury.

Prämiert wurden die eindimensionale Politsatire "Il Divo", ein maskenhaft-karikierendes Porträt des korrupten italienischen Ex-Präsidenten Andreotti (Jurypreis) sowie der gegenwärtige Blockbuster in Italien, das episodische Camorra-Drama "Gomorra" (Großer Preis): Stark, aber allzu sehr an US-Vorbildern wie "Traffic" orientiert. Selbst der oft für ästhetische Innovationen vergebene Spezialpreis der Jury kam in bewährte Hände: Von Sean Penn zu einem Preis für die künstlerische Lebensleistung umgewidmet, teilen ihn sich jetzt Clint Eastwood und Catherine Deneuve. Keinen Blumentopf (außer dem Kritikerpreis) gewann dagegen der junge Ungar Kornél Mundruczó, der eine atemberaubende Wasserlandschaft zur Kulisse eines minimalistischen Melodramas wählte. Der lyrische Filmstil erinnerte an Mundruczós großen Landsmann, den Stummfilmschöpfer Paul Fejós.

Ein weiterer Verlierer ist der Chinese Jia Zhangke, der nach seinem Venedig-Gewinner "Still Life" seinen Dokumentarstil weiter verfeinerte: In "24 City" muss eine Fabrik einer Wohnanlage für Neureiche weichen. Die Rasanz der Veränderung kontrastiert bei Jia mit dem nachdenklichen Rhythmus langer Einstellungen. Eine der schönsten ist ein Remake des legendären ersten Films der Brüder Lumière, "Arbeiter verlassen eine Fabrik". Neben Sean Penn waren gleich fünf Schauspieler in die Jury berufen worden - was Dokumentarfilmen oder Experimenten selten eine Lobby schafft.

Mit zwei der schönsten Filme öffnete sich Cannes nun auch bildenden Künstlern. Steve McQueen erhielt für "Hunger", seine beklemmende Chronik eines Hungerstreiks, kurioserweise den Erstlingspreis "Camera d'Or", als hätte der Documenta-Teilnehmer noch nie einen Film gedreht. Und ein weiterer Londoner, Sam Taylor-Wood, konnte Dank seines großen Produzenten, des verstorbenen Anthony Minghella, einen unvergesslichen Kurzfilm über die Musik seiner Jugend drehen. "Love you more" heißt wie eine Single der Buzzcocks. Da es im Laden nur noch ein Exemplar gibt, teilt sie sich ein Schülerpaar an einem erotischen Nachmittag. Es gibt eine sekundenlange Einstellung, in der das Mädchen ob der Schönheit der Platte eine Gänsehaut bekommt. Diesmal war dieses Gefühl in Cannes ein seltenes Ereignis.

Dabei hatte sich im letzten Wettbewerbsfilm ein deutscher Regisseur ausdrücklich die Wirkung von Rockmusik zum Vorbild nehmen wollen: Wim Wenders. Der Tod ist müde geworden in "Palermo Shooting". Frei nach Fritz Lang verklärt Wenders den Sensenmann zum traurigen Seelenarchivar. Dennis Hopper als Gevatter Tod erklärt uns: "Ich bin müde. Müde, immer der Böse zu sein." Was denn so schlecht sei an seiner Arbeit, sinniert er, schließlich wüsste man ohne ihn das Leben doch gar nicht zu schätzen. Er mag die Menschen, und ganz besonders einen jungen Fotografen (Campino), der ihm von der Klinge gesprungen ist - schon deshalb, weil der von Berufswegen ein ähnliches Gewerbe betreibt.

Doch wusste wusste das internationale Kritikervolk nicht recht, wo das Pathos aufhörte und der Spaß begann. Wenders' Film ist, um in der Rocksprache zu bleiben, ein manchmal allzu ambitioniertes Konzeptalbum geworden, das aber in seinen Überlegungen über die Fotografie viel zu sagen hat. Nicht nur der Tod bedauert darin den Abschied vom Zelluloid: "Ich mochte die Idee eines Negativs."

Wim Wenders hat recht: Wir befinden uns in einer spannenden Übergangszeit zwischen den Bildmedien, und gerade hierin liegt ein besonderes Glück. Filmemacher haben heute alle Optionen, ihre Werke klassisch oder digital zu drehen. In Cannes waren die modernsten Filme oft die mit der ältesten Technik. Schade nur, dass sie der Jury entgingen.

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