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Die Totenstadt Dargaws gehört zu den geheimnisvollsten Orten des Kaukasus.

"Russlands versteckte Paradiese", ZDF

Die Natur und die Welt

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Die beschauliche ZDF-Naturdokumentation "Russlands versteckte Paradiese" mit teils spektakulären Bildern streift immer wieder die Zeit- und Weltgeschichte.

Seit Jahrzehnten hat die Naturdoku einen schweren Stand im deutschen Fernsehen. War der „Tierfilm zur Hauptsendezeit“ noch eine ernsthafte Forderung der Kulturmenschen in den 90ern, als der deutsche Fernsehabend endgültig von infantilen Shows überschwemmt wurde, so ist diese Idee längst zu den Akten gelegt. Es scheint, die Naturdokumentation hatte ihre eskapistische Hochzeit in den 50er und 60er Jahren, bis die Anfänge der Umweltbewegung dem früher gedankenlosen Schweifen in exotischer Flora und Fauna eine pädagogische Wendung gaben. Heute findet man angesichts einer hoch aufgeladenen politischen und gesellschaftlichen Landschaft wirklich kaum noch eine Rechtfertigung, sich stundenlang die Nacktmulche aus Sri Lanka anzuschauen.

Und doch ist der Naturfilm wieder da, in einem neuen Spannungsverhältnis zur aktuellen Zeitgeschichte. In Großbritannien starteten in den letzten beiden Jahren mit „Planet Erde 2“ und „Blauer Planet 2“ die teuer finanzierten und aufwendig inszenierten Neuauflagen zweier legendären Naturdoku-Reihen, die nicht nur wieder David Attenborough als Erzähler gewinnen konnten, sondern auch Namen wie Hans Zimmer und Radiohead für den Soundtrack. Aber hier geht es freilich längst nicht mehr nur um hübsch anzusehende Bilder aus exotischen Lokalitäten: Es geht explizit um die Verschmutzung der Meere, um Mikroplastik, Überfischung, den Klimawandel, die Zerstörung von Lebensräumen für Natur und Mensch.

Ganz so weit wagt sich die Redakteurin und Journalistin Iris Gesang in ihrer Dreiviertelstunde nicht vor. Anfangs, als sie die Landschaft um Rossitten als „ideal für einen Strandurlaub“ bezeichnet, befürchtet man sogar noch die schlimmste Form der Naturdoku: den Reiseprospekt. Aber bald verliert man sich wieder in der Vogelkunde in der kurischen Nehrung und ihrer Historie aus den Anfängen der Ornithologie um 1900; in der Bärenkolonie auf der vulkanische Halbinsel Kamtschatka; in den eisigen Weiten des Franz-Josef-Lands in der Antarktis; im schneebedeckten Jamal-Gebiet, wo die Nenzen-Nomaden mit ihren Rentieren leben; oder im Kaukasus-Hochgebirge, wo die eigentlich schon ausgestorbenen Wisente tatsächlich wieder ausgewildert werden. Auch die porträtierten Naturschützer, Naturparkwächter und Ethnologen sind durchaus interessant: teils idealistische, teils militaristische, teils skurrile Gestalten.

Aber ganz ohne aktuellen Bezug mag auch diese Regisseurin nicht bleiben. Und so werden zwischen die beeindruckenden Bilder von ehemaligen militärische Sperrgebieten, die in Naturschutzreservaten umgewandelt wurden, immer wieder kleine Anspielungen geschoben. Ganz nebenbei fallen da Andeutungen an die politische Vergangenheit des Landes, an die Probleme mit organisierter Kriminalität, an die Fortschritte in der Naturwissenschaft, natürlich den Klimawandel und sogar die russischen Aggressionen in ihre Grenzregionen.

Vielleicht ist dieser Mittelweg – die offensichtlichen Themen nicht aussparen, sondern in Nebensetzen anzusprechen, ohne gleich den Zeigefinger zu erheben – eine Möglichkeit, dem deutschen Fernsehzuschauer die Naturdokus wieder nahezubringen. In die Hauptsendezeit hat es dieser Tierfilm damit aber trotzdem nicht gebracht.

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